Das Schweigen / Jan Costin Wagner

28 01 2012

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Turku in Finnland, an einem heißen Sommertag. Die 16jährige Sinikka Vehkasalo wird von ihren Eltern als vermisst gemeldet. Kurze Zeit später findet man ihr Fahrrad und ihre Tasche an einem Ort, an dem vor 3dreissig jahren schon einmal ein später ermordet aufgefundenes Mädchen verschwunden ist. Damals war der gerade pensionierte Kommissar Ketola mit den Ermittlungen beauftragt: doch der Mord wurde nie aufgeklärt. Bis heute lässt ihn der Fall nicht los. Der junge Kommissar Kimmo Joentaa, bis vor kurzem Ketolas Büronachbar, sieht rasch eine Verbindung zwischen den beiden Ereignissen. Doch die Nachforschungen des zurückhaltenden Joentaa und des beherzten Ketola rühren nicht nur bei den Angehörigen des damaligen Opfers an die traurigen Erinnerungen. Auch die beiden Täter von damals – Familienvater in mittleren Jahren der eine, alternder Hausmeister der andere – werden durch die Ermittlungen aufgeschreckt … und für einen von ihnen beginnt eine schonungslose Auseionandersetzung mit einem lange verdrängten dunklen Kapitel seines Lebens.
In schnörkelloser, lakonischer und reduzierter Sprache gelingt Jan Costin Wagner ein bemerkenswerter Krimi vor finnischer Kulisse, der geschickt mit den Erwartungen des einen traditionellen Kriminalroman mit entsprechenden Handlungsmustern und einer einwandfreien Auflösung erwartenden Lesers spielt. So wird nach einem zunächst als Krimi angelegten Plot ein Roman, der seine Figuren mit einiger psychologischer Rafinesse ausleuchtet und ihnen doch Geheimnisse und Untiefen lässt, die sich am Ende nicht aufklären. Die Krimihandlung tritt dabei zwar nie in den Hintergrund, läuft aber gewissermaßen auf einer zweiten Ebene weiter. Der Autor enthält sich dabei wohltuend jeglicher Effekthascherei, so dass einen das Grauen eher zwischen den Zeilen anspringt. So blicken wir mit Jan Costin Wagner in tiefe menschliche Abgründe und erleben ein Ende, dass sowohl tragische als auch glückliche Wendungen enthält und dem leser glaubhaft das erwartete, der Gerechtigkeit in Gänze zum Sieg verhelfende Ende vorenthält.
Äußerst spannend, psychologisch raffiniert und weitab jeglicher Krimiroutine ist Wagner ein Roman gelungen, den man nicht so schnell vergisst.


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16 Antworten

28 01 2012
BOWMORE Darkest

Romanliteratur kann bildend sein. Wenn man sich mit dem gelesenen Text gedanklich beschäftigt und nicht im Galopp durchliest. Wenn das dem Autor gelingt, erhält man Nachhilfeunterricht in Menschenkunde.
C.H.

28 01 2012
Jarg

Ich bin u.a. aus eben diesem Grund schon fast geneigt, “Das Schweigen” als literarisch zu bezeichnen.

28 01 2012
caterina

Und darin liegst du gar nicht falsch, Jan Costin Wagners Krimis (ich habe bisher nur Eismond gelesen, aber Das Schweigen liegt bereit) sind eindeutig literarische Krimis – wenn man nicht sogar die Genrebezeichnung ganz und gar weglassen möchte. Nicht um den Fall geht es vordergründig, um die Tat, das Opfer, den Täter und die Ermittlungen, sondern um das Innere der Menschen, die darin verwickelt sind – Ermittler, Täter und Opfer gleichermaßen. Die Krimis zeichnen sich nicht Spannung und “Action” aus, sondern durch eine feinfühlige Sezierung der Psyche. Und das mit einer sehr präzisen, knappen Sprache, die auf jedes Klischee und jede Effekthascherei verzichtet. Nach deiner Rezension freue mich erst recht auf Das Schweigen.

28 01 2012
Jarg

Ich habe mir auch schon den nächsten Krimi von ihm reserviert nach diesem ersten, beeindruckenden Einstieg. Meinem literarischen Radar war es bisher leider komplett entgangen – wahrscheinlich, weil ich eine Zeitlang so auf skandinavische Krimis (Dahl, Edwardson …) fixiert war.

29 01 2012
caterina

Ich wäre vermutlich gar nicht auf ihn aufmerksam geworden, wenn ich nicht beruflich mit seinen Büchern zu tun hätte. Eigentlich bin ich nämlich gar keine Krimi-(und Thriller-)Leserin und kenne mich dementsprechend schlecht in dem Genre aus (die von dir genannten Autoren sagen mir zum Beispiel nichts). Aber womöglich gefällt mir Jan Costin Wagners Erzählstil genau deshalb, weil er so untypisch für das Genre ist und nicht (oder nicht nur) als Krimi bezeichnet werden kann. Bin gespannt auf deine Meinung zu Das Licht in einem dunklen Haus.

29 01 2012
Jarg

Ich bin durch Schweden-Krimis (allerdings nicht Mankell) zum sporadischen Krimiverschlinger geworden, habe aber auch da so gewisse Ansprüche an ein “mehr” als nur das klassiche “Whodunnit”. Arne Dahl ist wirklich beeindruckend … und auch eher den literarischen Krimis zuzuordnen: Böses Blut und Misterioso waren meine Einstiegsdroge …
Jan Costin Wagners “Licht in einem dunklen Haus” liegt hoffentlich bald in der Bibliothek meines Vertrauens bereit … ich werde auf Jargsblog berichten.

28 01 2012
haushundhirschblog

Schön, dass Du das Buch vorgestellt hast, Jarg. Wir haben sämtliche Bücher von Jan Costin Wagner gelesen und schließen uns Dir und Caterina in allem an!

28 01 2012
Jarg

Bei dem postiven Hinweis auf das bereits von Euch gelesenen Gesamtwerk freue ich mich schon auf die nächsten Krimis von ihm, die mir bisher komplett entgangen waren.

28 01 2012
pinkfisch

Er lohnt sich unbedingt. Ich mag ihn auch sehr!

28 01 2012
Jarg

Das nächste wird “Das Licht in einem dunklen Haus”. Bin schon ganz gespannt.

1 02 2012
Desirée Kuthe

Von Jan Costin Wagner hab ich noch gar nichts gelesen; ich hab öfter mal ein Buch von ihm in der Buchhandlung in der Hand gehabt, mich aber nie entschließen können. Hast Du vielleicht einen Einstiegstipp? Oder kann ich anfangen wo ich will?

1 02 2012
Jarg

“Das Schweigen” ist auch meiner erster Roman von ihm, an den ich per Zufall durch Empfehlung geraten bin. Der erste aus der Kimmo-Joentaa-Reihe ist “Eismond”, dann kommt “Das Schweigen”, gefolgt von “Im Winter der Löwen” und “Das Licht in einem dunklen Haus”.
Ich fand es nicht schwierig, mittendrin einzusteigen und habe mich schnell zurechtgefunden – aber wenn Du ganz am Anfang beginnen willst …

6 02 2012
caterina

Ich kann den ersten Teil der Reihe, Eismond sehr empfehlen. Gar nicht so sehr, um leichter in die folgenden Bücher einzusteigen (man kann sicherlich – wie Jarg es ja tat – auch ohne den ersten Teil in die Geschichten finden), sondern weil es dem Leser die Figur des Kimmo Joentaa sehr nahebringt – seine stilles, verschlossenes, melancholisches Wesen, seine persönliche Geschichte, die hinter seinem Handeln steckt. Hier steht der Kommissar, nicht der Täter / die Opfer im Vordergrund – genau aus diesem Grund halte ich das erste Buch tatsächlich für den besten Einstieg.

6 02 2012
Jarg

Ich werde mir den “Eismond” aus einer anderen Quelle mal zukommen lassen: der scheint ja dann für das Verständnis des Hauptprotagonisten recht wichtig zu sein. Ich bin gespannt.

7 02 2012
Desirée Kuthe

Danke für den Tipp! Tatsächlich hab ich mir Eismond jetzt bei der Tauschbörse meines Vertrauens bestellt, denn das klingt ja so, als läse man es am besten noch im Winter. Da bin ich mal gespannt.

7 02 2012
Jarg

Es scheint sich zu empfehlen, “Eismond” zuerst zu lesen. Weniger zum Verständnis der Folgebände als vielmehr wegen des guten Einblicks in die Psychologie des Protagonisten.

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