Lieben : Roman / Karl Ove Knausgård. Aus dem Norwegischen von Paul Berf

“Aus meiner eigenen Kindheit sind mir nur eine Handvoll Episoden im Gedächtnis geblieben, die ich alle als bahnbrechend und bedeutsam empfand, obwohl sie eigentlich, wie ich heute erkenne, in einem Meer anderer Geschichten schwammen, was ihren Sinn gänzlich auslöscht, denn woher will ich eigentlich wissen, dass ausgerechnet diese Ereignisse, die sich mir eingebrannt haben, entscheidend waren, und nicht all die anderen, über die ich nicht das Geringste weiß” (Karl Ove Knausgard, “Lieben”. S. 23)

Was betimmt ein Menschenleben, wie findet sich in der Banalität des Alltags so etwas wie Sinn, wie verändert sich das Bild der eigenen Kindheit, wenn man selbst Kinder hat? Karl-Ove Knaus Knausgård beschäftigt sich im zweiten Band seines auf sechs Bände angelegten Werkes mit der Veränderung, die sein Leben nimmt, als er seine Frau Linda kennenlernt: beide sind selbstbewußte, auf Selbstverwirklichung bedachte menschen, deren Leben sich durch die Weiterlesen

Ist schon in Ordnung / Per Petterson

“‘Lest das hier, Jungs, dann versteht ihr vielleicht besser, was es heißt, für ein Ziel zu kämpfen!’ Arvid stöhnte, aber ich habe das Buch gelesen, lese es jetzt zum dritten Mal. Es heißt ‘Martin Eden’ und ist von Jack London. Ich hatte ‘Der Ruf der Wildnis’ und ‘Der Seewolf’ gelesen, fast alle, die ich kenne, habe diese Bücher gelesen, aber nur Arvid und ich kennen ‘Martin Eden’, und wir geben es nicht aus der Hand.
Das Buch hat etwas, die Schinderei hat etwas, und nachdem ich es gelesen hatte, wusste ich sofort, dass ich Schriftsteller werden wollte, und wenn es mir nicht gelingen würde, wäre ich ein unglücklicher Mensch.”
(Per Petterson: Ist schon in Ordnung. – S. 48-49)

Oslo, Norwegen in der 1970er Jahren. Der 18jährige Audun Sletten wohnt mit seiner gleichgültig ihr Leben lebenden Mutter in einem Arbeiterviertel und trägt nebenher Zeitungen aus. Sein alkoholkranker, prügelnder Vater hat die Familie verlassen, Auduns Bruder Egil starb bei einem Autounfall und seine Schwester Kari ist längst mit ihrem halodrihaften Freund zusammengezogen und hat ein Kind mit ihm. Audun selbst verbirgt seine Weiterlesen

Vindings Spiel : Roman / Ketil Bjørnstad

“Mittagessen im Grünen. Eine stille Mahlzeit, als seien wir alle müde. Wir sind die einzige Familie, die sich hierher verirrt, zwischen Erlengebüsch, Birken und hohen Fichten. Die anderen sind nach Bogstad gefahren oder zum Østervannet, den großen Seen. Aber hier ist der Platz der Familie Vinding, wo man seine Ruhe hat, wo man am helllichten Tag Wein trinken kann, ohne dass es jemanden kümmert. Der Wind redet für uns. Und das Rauschen des Wasserfalls. Ich habe den Fluss nie so reißend erlebt. Ich sage es Mutter. Sie nickt, ohne sich zum Fluss umzudrehen, wie es jeder andere getan hätte.” (Zitat aus: Vindings Spiel v. Ketil Bjørnstad)

Bjørnstad ist eine Geschichte gelungen, die ihre Weiterlesen

Vindings Spiel : Roman / Ketil Bjørnstad

“Mittagessen im Grünen. Eine stille Mahlzeit, als seien wir alle müde. Wir sind die einzige Familie, die sich hierher verirrt, zwischen Erlengebüsch, Birken und hohen Fichten. Die anderen sind nach Bogstad gefahren oder zum Østervannet, den großen Seen. Aber hier ist der Platz der Familie Vinding, wo man seine Ruhe hat, wo man am helllichten Tag Wein trinken kann, ohne dass es jemanden kümmert. Der Wind redet für uns. Und das Rauschen des Wasserfalls. Ich habe den Fluss nie so reißend erlebt. Ich sage es Mutter. Sie nickt, ohne sich zum Fluss umzudrehen, wie es jeder andere getan hätte.” (Zitat aus: Vindings Spiel v. Ketil Bjørnstad)

Norwegen, in den 1960er Jahren. Familie Vinding geht an einem Sonntag zum Picknick an den Stausee. Die Ehe der Eltern ist schwer zerrüttet und es ist spürbar, dass sie auch durch sonntägliche Ausflüge nicht zu retten sein wird. Doch dieser Sonntag bringt eine dramatische Wende – und alles ändert sich für den 15jährigen Aksel Vinding, seinen Vater und seine ältere Schwester, als seine angetrunkene Mutter vor seinen Augen Weiterlesen

Im Kielwasser : Roman / Per Petterson

“Und er sagte: ‘Schliesst die Augen, atmet die Luft ganz tief ein und laßt sie langsam wieder raus, ihr werdet sehen, das hilft’. Und wir taten es im Chor, atmeten tief und laut japsend ein, und es wurde ganz still im Wald um uns herum, alles hielt die Luft an, wenn wir die Kuft anhielten, und als wir sie wieder herausließen, kamein Windstoß und nahm uns auf und trug uns mehrere Jahre fort, bis er nichts mehr tragen konnte. Und ich fragte mich nie, weshalb, sah nie zurück, um herauszufinden, ob er noch dastand, doch jetzt setze ich mich auf, an diesem Berghang noröstlich von Oslo, die Füße gegen den Stamm einer Fichte gestemmt, damit ich nicht wegrutsche, und atme tief ein, halte die Luft lang an und lasse sie langsam wieder heraus … ” (a.a.O., S. 69)

Kennen Sie das? Sie haben ein Buch von einem Autor gelesen und fühlen sich von seiner Art, eine Geschichte zu erzählen, so angezogen, dass Sie wie im Rausch weitere von ihm lesen möchten. So geht es mir derzeit mit Per Petterson, der mich bereits mit “Sehnsucht nach Sibirien” und “Pferde stehlen” in seinen Bann schlug und mich jetzt mit dem von Ina Kronenberger ins Deutsche übertragenenen Roman “Im Kielwasser” erneut schwer beeindruckt und tief berührt hat.
Zur Geschichte: Norwegen, in den 1990er Jahren. Der 43jährige, relativ erfolglose, heruntergekommene und dem Alkohol ergebene Schriftsteller Arvid verlor vor sechs Jahren bei einem Schiffsbrand seinen Weiterlesen

Pferde stehlen : Roman / Per Petterson

“Wir waren gleichzeitig draußen und drängten uns eng aneinander, Körper an Körper, durch die schmale Türöffnung, um möglichst vor dem anderen draussen zu sein, und wir bleiben unter dem Dachvorsprung vor der Tür stehen und sahen das Wasser überall um uns herum auf den Boden prasseln. Es war beeidnruckend und fast abschreckend, und einen Augenblick lang standen wir dort und glotzten. Dann holte mein Vater tief und demonstrativ laut Luft und rief:
‘Jetzt oder nie!’, bevor er mitten auf den Hof rannte und triefnaß, die Arme in der Luft, zu tanzen begann, während im das Wasser auf die Schultern klatschte. Ich lief hinterher in den herabstürzenden Regen und stellte mich dorthin, wo er stand, hüpfte und tanzte und sang Norwegen so rot, weiß und blau, und dann fing auch er an zu singen und im Nullkommanichts war die Seife von unseren Köroern gespült und die Wärme ebenso, und unsere Haut war blank und glänzend, als wären wir zwei Seehunde, und sie war vermutlich ebenso kalt, wenn man sie berührte.” (S.90-91)

Norwegen. Der 67jährige Trond Sander zieht drei Jahre nach dem Unfalltod seiner Frau und dem Tod seiner Schwester aus der Stadt hinaus aus Land in ein kleines, reparaturbedürftiges Häuschen nahe der schwedischen Grenze, in dem er den Rest seines Lebens verbringen will. Das ruhige, zurückgezogene Leben auf dem Land und die Begegnung mit einem alt gewordenen, ebenfalls die Einsamkeit suchenden Jugendfreund lässt ihn melancholisch an den weit zurückliegenden Weiterlesen

A Kiss Before You Go / Katzenjammer

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In Deutschland wurde die 2005 gegründete norwegische All-Women-Band ja erst verspätet bekannt, denn ihr erstes und bereits auf Jargsblog gefeiertes Album “Le Pop” erschien in Deutschland erst mit über einem Jahr Verspätung. Die nach der Comicserie “The Katzenjammer Kids” benannte Band legt mit “A Kiss Before You Go” nun eine fulminante zweite CD vor: auch hier begeistern Katzenjammer mit virtuoser Musik, die von Weiterlesen

Die Farbe der Milch / Regie und Drehb.: Torun Lian n. d. Buch v. Torun Lian. Kamera: John Christian Rosenlund. Musik: Oyvind Staveland. Darst.: Julia Krohn ; Bernhard Naglestad ; Reidar Sørensen …

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Mittsommer in Norwegen, küstennah. Die 12jährige Selma ist fest davon überzeugt, dass Männer Naturkatastrophen gleichen, überflüssig sind und nichts als Ärger machen. Bestes Beispiel: ihre Tante und ihr Onkel, deren Hochzeit stets durch Streitereien scheitert. Sie und ihre Freundinnen haben einen Pakt geschlossen, Jungs keinerlei Beachtung zu schenken. Selma, die bei ihrem Vater und ihrer Stiefmutter legt, will Forscherin (Spezialgebiet: Fortpflanzung in der Retorte) und später Nobelpreisträgerin werden. Auf die Jungs und die Männer in ihrem Umfeld, ja selbst ihren Vater, reagiert sie mit Weiterlesen

Riot on an empty street / Kings of Convenience

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Die Kings of Convenience hatten mich ja schon mit dem 2009 erschienenen Album Declaration of Dependence schwer begeistert. Mit “Riot on an empty street” habe ich eines ihrer früheren Alben für mich entdeckt: auch hier bestimmen die harmonischen, sanften Stimmen von Erlend Øye und Eirik Glambek Boe den Sound des Albums, die zusammen mit Klavier, Streichern Weiterlesen

Nord / Regie: Rune Denstad Langlo. Drehb.: Erlend Loe. Kamera: Philip Ogaard. Musik: Ola Kvernberg. Darst.: Anders Baasmo Christiansen ; Kyrre Hellum ; Marte Aunemo …

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Jomar war einmal Skispringer, doch ein Unfall zerstörte die Hoffung auf eine Sportkarriere und stürzt ihn in die Depression. Seitdem kriegt er nicht mehr viel gebacken, verdient etwas Geld als Liftwärter im hohen Norden Norwegens und gibt sich ansonsten seinem Selbstmitleid, dem Schnaps und den Zigaretten hin. Als er erfährt, dass er noch weiter im Norden einen vierjährigen Weiterlesen

Kitchen Stories / Regie u. Drehb.: Bent Hamer. Darst.: Joachim Calmeyer ; Tomas Norström …

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Norwegen. 50er Jahre. Das schwedische Forschungsinstitut für Heim und Haushalt möchte auch in Norwegen die Anordnung von Haushaltsgeräten in der Küche optimieren und fängt mit seinem Forschungsvorhaben bei norwegischen Junggesellen an: eine Reihe von Beobachtern wird mit Buckelvolvo und Anhänger losgeschickt. So auch Folke – er muss auf einem speziellen Hochstuhl in der Küche des knorzigen Weiterlesen

O’ Horten / Regie und Drehbuch: Bent Hamer

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Der Zugführer Odd Horten wird 67 Jahre alt und bald pensioniert werden. Der Film beginnt mit seiner vorletzten Fahrt von Oslo nach Bergen. Horten, zuverlässig seit vielen Jahren seine Züge steuernd und in seiner pfeiferauschenden Verknorztheit fast anachronistisch wirkend, verschläft in Bergen und verpasst so Weiterlesen