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Der Schwarze Schwan: Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse / Nicholas Taleb

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Noch im 17. Jahrhundert war ganz klar: Schwäne sind weiss, andere Farben gibt es bei Schwänen nicht. Dann entdeckte Cook Australien – und damit auch schwarze Schwäne. Für Nicholas Taleb ist das plötzliche Vorhandensein der nie oder selten in Betracht gezogenen Existenz schwarzer Schwäne der Ausgangspunkt: er wirft einen ungemein spannenden Blick auf unsere Welt und die starke, doch von uns stets unterschätzte Macht schwarzer Schwäne.

Die Entscheidungsfindung in unseren gegenwärtigen politischen und wirtschaftlichen Systemen ist derzeit extrem stark und einseitig abhängig von Fakten aus der Vergangenheit, die wir zu einem vereinfachten Modell für die Zukunft nehmen: dadurch ensteht ein stark reduziertes Bild der Welt, dass mögliche Risiken als beherrschbar erscheinen lässt, da sie sich ja innerhalb des Faktenrahmens und einer aus vergangenen Ereignissen abgeleiteten Prognose berechnen lässt. Darauf basieren die Wirtschaftsprognosen von Börsenprofis, Wirtschaftsforschungsinstituten und sogenannten Wirtschaftsweisen, darauf beruhen die Analysen von Fondverwaltern für die Anlage von Aktienportfolios und Immobilenfonds, oft dargestellt in simplen Gaußschen Glockenkurven, die uns beruhigend mögliche Risiken und Erfolge vorspiegeln.

Nicholas Taleb, der sich selbst als skeptischen Empiriker bezeichnet,zeigt auf, wie chaotisch, unberechenbar und überraschend die Wirklichkeit tatsächlich ist: und er weist nach, wie stark vermeintliche Börsenprofis sich verschätzen, wie unsicher die medial so stark wahrgenommenen Wirtschaftsprognosen von Wirtschaftswissenschaftlern, Risikoanalysten und Bankern sind. Sie alle extrapolieren, gehen von vereinfachenden Annahmen über menschliches Verhalten aus und neigen dazu, nur bestätigende Fakten wahrzunehmen, die zu ihren Prognosen und vor allem zu ihren persönlichen Erlebnissen und Geschichten passen. Taleb, selbst über lange Jahre erfolgreicher Börsenpraktiker, zeigt seine Thesen an einer Fülle von Beispielen auf und argumentiert scharfzüngig und ironisch gegen den überschätzten Wahrheitsgehalt von Prognosen im Speziellen und die Unwissenschaftlichkeit der vermeintlich so rationalen, mathematischen Wirtschaftswissenschaften im Allgemeinen.

Er kritisiert die platonische Philosophie, Samuelson, Hegel, Descartes, sieht sich ganz in der Tradition der klassischen Stoa und führt Popper, Montaigne, Sokrates, Hayek und andere skeptische Philosophen zur Unterstützung seiner Thesen an. Er fordert, Respekt vor dem „Ich weiss nicht“ zu haben, skeptischer gegenüber Prognosen zu sein insbesondere dort, wo ein Verlust oder ein Schaden besonders groß sein kann, und nicht notwendigerweise von der Theorie auf die Praxis zu schliessen. Er fordert die moderne Philosophie auf, sich aus ihrem Elfenbeinturm zu bewegen und sich echten philosophischen Problemen zu widmen – wie dem Schwarzen Schwan. Und er zeigt auf, wie Entscheidungen mit größerer Tragweite möglich sind in einer Welt voller Schwarzer Schwäne.

„Wir vergessen oft, was für ein außergewöhnlicher Glücksfall es schon ist, dass wir überhaupt leben, ein äußerst unwahrscheinliches Ereignis, ein Zufall von gigantischen Proportionen. Stellen Sie sich ein Staubkorn neben einem Planeten vor, der eine Milliarde mal so groß ist wie die Erde. Dieses Staubkorn repräsentiert die Chance dafür, dass wir geboren werden, der riesige Planet die Chancen dagegen. Deshalb sollten Sie aufhören, sich den Tag durch Kleinigkeiten verderben zu lassen. Seeien Sie nicht wie der Undankbare, der ein Schloss geschenkt bekam und sich über den Schimmel im Bad aufregte. Hören Sie auf, dem geschenkten Gaul ins Maul zu schauen – denken Sie daran, dass Sie ein Schwarzer Schwan sind“ (S. 358).

Taleb ist ein hochaktuelles, brillantes und scharfsichtiges Buch gelungen, ironisch, anekdotenreich und gut verständlich, nach dessen Lektüre man keiner der allgegenwärtigen Prognosen mehr ohne weiteres traut, sondern selbst zu denken beginnt und versucht, sein Leben mit dem „Schwarzen Schwan“ zu leben und zu geniessen.

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2 Kommentare zu “Der Schwarze Schwan: Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse / Nicholas Taleb

  1. Sehr interessante Rezension, das macht mich auf jeden Fall neugierig. Kennst du auch Gigerenzers „Das Einmaleins der Skepsis“? Das Buch habe ich in Auszügen auch gelesen und es passt denke ich sehr gut zum Thema.

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    • Gigerenzer kenne ich noch nicht – scheint mir aber ein guter Tipp für meinen privaten Lesekreis zu sein, der sich gerne mit solchen Themen auseinandersetzt ..

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