Startseite » Bücher » Die hellen Tage : Roman / Zsuzsa Bánk

Die hellen Tage : Roman / Zsuzsa Bánk

null

Auch wenn es in der ganzen Bücherflut glücklicherweise immer wieder Perlen zu entdecken gibt, die aus der Masse des Gedruckten weit herausragen, empfindet zumindest Jarg es als selten, dass einen ein Buch gleichermaßen gebannt dem Fortgang der Erzählung folgen lässt und zugleich die Hoffnung weckt, das Buch möge nie zu Ende gehen. „Die hellen Tage“ der zuerst durch ihren Roman „Der Schwimmer“ bekannt gewordenen Autorin Zsuzsa Bank ist ein solches Buch.

Die Geschichte beginnt in den frühen 60er Jahren: Theresia, genannt Seri, die ihren Vater früh verloren hat, erlebt in einer süddeutschen Kleinstadt „die hellen Tage“ ihrer Kindheit, in einem doppelten Dreieck zwischen ihrer Freundin Aja, Kind von ungarischen Zirkuskünstlern, dem später dazustossenden zurückhaltenden Karl, dessen Bruder Ben eines Tages verschwand, sowie zwischen ihren Müttern, der verwitweten Maria, der aus Ungarn geflohenen Evi und Ellen. Der größte Teil dieses Kindheitsidylls findet am Stadtrand im Garten Évis und in dem darin stehenden wackeligen Häuschen statt, erbaut von Ajas Vater, dem Trapezkünstler Zigi, der immer nur wenige Wochen im Jahr seine Tochter besucht.

Die drei Kinder eint die Erfahrung von Verlust und Tod, doch sind sie aufgefangen im Dreieck ihrer zunächst skeptischen, sich im Laufe der Geschichte aber anfreundenen Mütter und im Zentrum dieser am Ende tief verbundenen Menschen, in Haus und Garten von Évi, einem gleichzeitig verwunschen und wüschenswert erscheinendem Ort.

„Wir ließen die hellen Tage hinter uns, in denen wir leicht durch die Minuten und Stunden gesprungen waren, uns im Kreis immerzu nur um uns selbst gedreht hatten, in unserer winzigen, fest abgesteckten Welt zwischen Évis Garten, dem Schultor, dem Glockenschlag des Kirchturms und den Wegen hinaus zu den Erdbeerfeldern, wo unsere Blicke nie über die Ränder gereicht hatten. Nie hatten wir uns um etwas kümmern müssen, weil sich diese Welt auch ohne unser Zutun im selben Takt, mit demselben Klang ununterbrochen weiterbewegt hatte“ (S. 233).

So wachsen sie im Verlauf der Geschichte gleichsam zu einer Familie zusammen und erleben eine Kindheit voller Wärme, werden aber auch mit Kraft und Beharrlichkeit auf die Klippen und Gefahren des Lebens vorbereitet, um ohne Angst erwachsen werden zu können.

„Wir alle kämpften gegen eine Leere, und obwohl wir sie mit nichts füllen konnten, liefen die Fäden unseres Lebens dort zusammen. Karl vermisste seinen Bruder, Aja vermisste Zigi und ich meinen Vater, den ich kaum gekannt hatte und dem die anderen nie begegnet waren. Wir hatten unsere Mütter, und trotz der kleinen und großen Wunden, die sie uns zufügten, klammerten wir uns an sie und hielten uns fest an ihren Händen, las könnten wir sonst umfallen, in dieser Zeit, in der wir Abschied nahmen von den vielen Dingen, die unsere Kindheit eingerahmt hatten“ (S. 256).

Als Seri, Aja und Karl, erwachsen geworden, gemeinsam zum Studium nach Rom gehen, wird ihre Freundschaft auf eine harte Probe gestellt, denn lange zur Gewissheit gewordene Erzählungen erweisen sich als Lügen, und die Vergangenheit enthüllt ihre Geheimnisse.

Zsuzsa Bánk ist ein Buch über Freundschaft und Heimat, Verlust und Verrat gelungen, dass gleichsam zu schweben scheint, ob in der Schilderung einer tiefen Kinderfreundschaft vor in der ersten Hälfte der Romanes oder dem Wendepunkt des Romans im letzten Drittel, als sich diese erwachsen gewordene Freundschaft – mit Wahrheiten und Geheimnissen konfrontiert – großen Belastungen ausgesetzt sieht. Dabei balanciert Bánk mit ihren wunderbar gemalten Impressionen und einer gleichsam magischen Kinderwelt auf einem schmalen Grat, ohne je in Kitsch oder Klischee abzufallen. Der Roman folgt keinem vorhersehbaren Plot, sondern wechselt trotz der Ich-Erzählerin Seri oft die Zeit und Perspektive.

Zsuzsa Bánks Worte schaffen atmosphärisch dichte Impressionen, die den ganzen Roman wie eine Folge von eindringlichen Bildern erscheinen lassen, farbig, voller Duft, Emotion, Licht und Schatten, stetig ineinanderfliessend und so intensiv, als würde der Leser sich die Erinnerungen Seris selbst zu eigen machen. Ein bemerkenswertes Buch, das zum einen durch seine wunderbare Sprache berührt, zum anderen durch seine Geschichte, die sich als Lebensgeschichte und Geschichte tiefer Freundschaft zugleich auszeichnet, ohne sich in psychologischer Rafinesse zu verlieren: so stellt zwar Bánk implizit die Frage nach dem richtigen Augenblick für die Wahrheit, überlässt die Antwort aber letztlich dem Leser. Gleichzeitig führt die Geschichte vor, wie rasch ein Leben eine Wendung erfahren kann, die ihm in Sekunden eine neue, ungeahnte Richtung gibt.

Schade, dass ich „Die hellen Tage“ nun schon ausgelesen habe – und schön, dass ich dieses besondere Leseerlebnis machen durfte!

Advertisements

Ein Kommentar zu “Die hellen Tage : Roman / Zsuzsa Bánk

  1. Pingback: „Die hellen Tage“ von Zsuzsa Bánk « UmamiBücher

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s