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Die Tänzerin im Schnee / Daphne Kalotay

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Boston, Anfang des 21. Jahrhunderts. Die mittlerweile über 80 Jahre alte ehemalige Ballerina Nina Rewskaja, einst für ihre Kunst und ihre Schönheit als „Schmetterling“ bekannt, doch mittlerweile auf Pflege angewiesen, beschliesst, ihren gesamten Schmuck zugunsten eines guten Zwecks versteigern zu lassen: darunter sind auch zwei Bernsteinschmuckstücke von aussergewöhnlicher Raffinesse und Schönheit.

Grigor Solodin, Professor für russische Sprache und Literatur, ist Anfang 50 und wurde als Säugling adoptiert: zu den wenigen, sehr rätselhaften Erinnerungen, die er an seinn leiblichen, namentlich unbekannten Eltern hat, gehört auch ein Schmuckstück mit Bernstein. Schon mit 19 Jahren entdeckte er eine Verbindung zu Nina Rewskaja und versucht bereits seit mehreren Jahrzehnten vergeblich, mit ihr Kontakt aufzunehmen und das Rätsel seiner Herkunft zu lösen. Als bekannt wird, dass die Rewskaja ihren Schmuck versteigern wird, greift er zum letzten Mittel und übergibt zunächst anonym dem Auktionshaus seinen Bernsteinschmuck. Tatsächlich erweist sich, dass alle drei Schmuckstücke zu einem Ensemble gehören und Ende des 19. Jahrhunderts hergestellt wurden.
Drew Brooks, angestellte Gemmologin beim Auktionshaus, wird daraufhin neugierig. Mit Hilfe von Solodin versucht sie, das Rätsel des Schmucks zu lösen – und lösen mit ihren Nachforschungen unangenehme Erinnerung bei der in den 50er Jahren aus Russland geflohenenen Nina Rewskaja aus …

Kalotays Roman erzählt, verbunden mit Rückblenden in die Vergangenheit, die Lebensgeschichte der Nina Rewskaja, die auf rästelhafte und dramatische Weise mit dem Leben Grigori Solodins verknüpft ist. Während in der Gegenwart die Geschichte den Fokus auf Solodin und Brooks Nachorschungen legt, konzentrieren sich die Rückblenden auf das Lebens der Rewskaja in der Sowjetunion unter der Herrschaft Stalins insbesondere in den 40er und 50er Jahren des 20. Jahrhunderts. Dabei wird die Fiktion der vorgestellten Lebensgeschichte und ihre Verknüpfung mit anderen Charakteren geschickt verflochten mit der auch atmosphärisch ausgesprochen gut und plastisch wiedergegebenen Alltagsgeschichte des stalinistischen Russland, besonders bezogen auf Künstler, Musiker, Literaten.

Nach und nach enthüllt sich dem Leser die Wahrheit, verbunden mit den drei zusammengehörigen Bernsteinschmuckstücken. Dabei vermittelt Kalotays ausgesprochen gut recherchierte Einblicke in das Leben unter Stalins Diktatur, die Gefahren und Absurditäten, denen sich insbesondere Kulturschaffende zu dieser Zeit ausgesetzet sahen. Auch wenn sich für den Leser im Laufe der Lektüre immer klarer abzeichnet, dass und auf welche Art Rewskaja und Solodin wirklich mit einander verbunden sind, löst sich diese zum Schluss in nicht ganz der zunächst erwarteten Weise auf, was den Roman bis zuletzt die Spannung halten lässt. Geschickt ist dabei die Gemmologin Brooks in das Romangefüge eingeflochten als katalysierende Vermittlerin zwischen der ihre Vergangenheit verdrängenden Rewskaja und dem sich teilweise in seinen jahrzehntealten Nachforschungen verirrenden Solodin.

Ein gleichermaßen spannender wie unterhaltender Roman, der unwirklich das Interesse für eine besonders dunkle und absurde Phase der russischen Gescchichte weckt, in der Verrat, Unterdrückung und Repression an der Tagesordnung waren.

5 thoughts on “Die Tänzerin im Schnee / Daphne Kalotay

  1. Pingback: Vene talv ehk “Die Tänzerin im Schnee” | RaamatuNarr

    • Hallo Petra,
      die wahre Geschichte dahinter war mir noch nicht klar … danke für den Hinweis! Die sechs Jahre Arbeit daran haben sich jedenfalls gelohnt: das Buch ist sehr beeindruckend und berührend zugleich.
      Liebe Gruesse von Jarg

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      • ich habe majas biografie gelesen; wenn du diese liest, verstehst du daphne kalotays buch noch besser.

        lg petra/meine buchtipps

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      • Liebe Petra,
        ganz bestimmt. Ich hatte das Buch als Fiktion gelesen und war beim Schreiben der Rezension gar nicht darauf gestossen, dass es eine wahre Geschichte ist. Das macht die Lektüre in der Rpckschau nochmal intensiver …
        Liebe Grüsse von
        Jarg

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