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Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich / David Foster Wallace

Der Kreuzfahrtsektor boomt ja mittlerweile schon seit Jahrzehnten und fand mit auf debile Art heiteren, unsäglichen Serien wie „Love Boat“ oder „Traumschiff“ auch Einzug in die Populärkultur. Kreuzfahrten und damit die Reise auf einer Art schwimmenden Bettenburg mit Unterhaltungsvollversorgung scheinen für viele der ultimative Urlaubstraum zu sein.

Das war im Ansatz auch schon 1995 so, als der junge Schriftsteller David Foster Wallace kurz vor seinem Durchbruch als Romanautor von Harper`s Magazine den Auftrag bekommt, an einer siebentägigen Luxuskreuzfahrt auf dem Kreuzfahrtschiff Zenith der Celebrity Cruises teilzunehmen und anschliessend darüber zu berichten. Der nicht eben reisefreudige Wallace nimmt den repektabel entlohnten Auftrag an und schifft sich in Fort Lauderdale ein.

In seinem Bericht über die einwöchige Reise nennt er die „Zenith“ in „Nadir“ um, den tiefsten, für den Beobachter nicht sichtbaren, da senkrecht unter ihm liegenden Punkt des Himmelsgewölbes. Mit dieser quasi antagonistischen Umbennenung, die natürlich assoziativ mit der „Hölle“ verbunden wird, nimmt Wallace den Tenor seiner Reisebetrachtungen vorweg: ironisch und bisweilen boshaft kommentiert er die auf dem Kreuzfahrtschiff auf die Spitze getriebene Unterhaltungs- und Verwöhnungsindustrie ebenso wie die Reisenden, die in Erwartung eines allen Unbill des Alltags kompensierenden Urlaubs sich voll und ganz der unerbittlichen Vergnügungsmaschinerie des Schiffes und der als Service getarnten kompletten Entmündigung anvertrauen.

Natürlich begibt sich auch Wallace als analysierender Beobachter ganz hinein in diese Maschinerie – soweit er es eben auszuhalten vermag: so eträgt er mit Fassung die „Passenger Talent Show“, in der gehhilfebewehrte Rentner Altmännerwitze vortragen, begibt sich tapfer in den nöligen Vortrag des selbstbegeisterten Cruise Director Scott Peterson über den wunderbaren Arbeitsalltag auf einem Kreuzfahrtschiff, lässt sich auf „witzige“ Animationsspiele am Pool ein (was mit dem dritten Platz beim Wettbewerb für die schönsten Männerbeine belohnt wird), lässt das gelangweilte Gastspiel eines mittelmäßigen Hypnotisieurs über sich ergehen und erträgt tapfer die schweigende Missbilligung seiner Tischgefährten, als er lediglich in einem mit einem Smoking bedruckten T-Shirt bei der „Elegant Teatime“ auftaucht. Schon der Versuch, seine Tasche allein zu Kabine zu tragen, löst eine absurde Kettenreaktion in der Serviceüberwachung des Schiffes aus – und sein Interesse für das von ihm gefürchtete Vacuum-Abwasser- und Toilettensystem löst tiefsitzendes Mißtrauen beim fortan „Mr Dermatitis“ genannten Hotelmanager aus, was ihm fortan den Zugang zu Servicebereichen nachhaltig verwehren wird.

Mit geradezu detektivischem Spürsinn versucht er (vergeblich) herauszufinden, wie die schöne Pettra vom Cabin Service es schafft, seine Kabine stets, wenn er mehr als exakt dreissig Minuten abwesend ist, in einen jungfräulich-reinen Zustand zu versetzen – zumal er sie nie dabei ertappen kann. Er beobachtet wach und mit sezierendem Blick seine Mitreisenden und schafft dabei wunderbare Bilder wie die von den Männer, die immer so aussehen, als trügen sie permanent eine Zigarre im Mund, oder von allgegenwärtigen, camcorderbewaffneten „Capt`n Video“ in seinem lilabraunen Jogginganzug.

Wie ein Ethnologe seziert er die komplexe Bordhierarchie von den stets sonnenbrillenbewehrten griechischen Offizieren über die osteuropäischen Proveniencen entstammenden Restaurantservicekräfte bis hin zu den „Handtuchmännern“, die in absurder Emsigkeit nur kurz verlassene Deckliegen von kaum benutzten Handtüchern befreien und im exakten 45-Grad-Winkel ausrichten und berichtet gequält darüber, dass er mindestens „1500 Mal Zielobjekt des berühmten amerikanischen Service-Lächelns“ wurde, dessen Hohlheit er genervt entlarvt.
Wallace, der nach eigenen Angaben noch nie so viel Obst gegessen hat wie auf dieser Reise, gelingt mit „Schrecklich amüsant“ eine abschreckend genaue Analyse der Kreuzfahrt als auf engstem Raum kulminierendem, überperfekt organisiertem Massentourismus, geschickt verbunden mit Konsum- und Gesellschaftskritik und geschrieben aus der Position des öfter schlecht gelaunten Außenseiters, der sich trotzig weigert, seinen Spaß zu haben. Für die amüsierwilligen Kreuzfahrttouristen muss Wallace wie ein störender Außerirdischer gewirkt haben – wir hingegen können ihm dankbar sein, dass er uns so nachhaltig vor Kreuzfahrten warnt und unserer sich zu Tode amüsierenden und konsumierenden Gesellschaft auf launige, unnachahmliche Weise den Spiegel vorhält.

Ein wunderbar gegen den Strich geschriebener Reisebericht – wach und temporeich, ironisch und boshaft, literarisch und sprachlich ansprechend – der allen empfohlen wird, die jegliche Form von Massentourismus ablehnen. Ganz besonders ans Herz gelegt sei er aber jenen, die sich demnächst auf einen Höllentrip namens Kreuzfahrt begeben: seid gewarnt und kehret um!

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17 Kommentare zu “Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich / David Foster Wallace

  1. Ich hab mal ne technische Frage – unter dem Artikel stehen bei Dir ähnliche Bücher, das hab ich soweit auch, aber leider ohne Bilder, weißt Du wo ich die Einstellung dazu finde?

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  2. -Unendlicher Spaß- von D.F. Wallace ließ mich erschüttern; phasenweise wusste ich nicht, ob ich gegen die Wand oder schreiend in den Garten laufen sollte. Ich empfehle unbedingt einen Sicherheitsgurt für dieses grandiose Werk. Es wartet darauf, ein zweites Mal von mir gelesen zu werden.
    unbekannterweise
    lg magdalena

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    • Ich bin schon ganz gespannt und werde mir wohl im nächsten Urlaub „Unendlichen Spaß“ gönnen, um wirklich Zeit und Muße dafür zu haben und weil das Gegen-die-Wand-Laufen im Regionalexpress zur Arbeit nicht so gut kommt.
      Herzlich grüsst
      Jarg

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  3. Hervorragende Buchbesprechung! Ich wäre froh, wenn ich das irgendwann einmal so gut hinbekäme. Foster Wallace (mit seinem Vorzeigwerk „Unendlicher Spaß“ steht auch bei mir weit oben auf der To-Read-Liste, wenngleich es mich auch ob seiner (Wort-)Gewaltigkeit etwas abschreckt. Ich kämpfe ja beispielweise gerade schon mit „Mason & Dixon“ von Pynchon…

    Anyway: Ein wirklich toller Artikel!

    Viele Grüße,
    Flo

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    • Vielen Dank für das Kompliment, Flo!
      Den „Unendlichen Spaß“ werde ich mir auch noch antun – trotz (oder wegen?) mancher Warnungen aus meinem Umfeld motiviert mich „Schrecklich amüsant“ doch sehr dazu, sich die 1200 Seiten zu Gemüte zu führen.
      Viel Spaß bei der Kreuzfahrt mit David Foster Wallace wünscht Dir
      Jarg

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  4. Dank dir, lieber Jarg, für den Hinweis auf dieses Buch!

    Da ich keine E-Mail-Adresse von dir finde, möchte ich hier fragen, ob du damit einverstanden bist, wenn ich bei der Vorstellung von literarischen Blogs in deutscher Sprache von Steglitzmind (Agentur) deinen Blog empfehle. Das mache ich guten Gewissens, ich besuche deinen Blog immer wieder gern.

    Liebe Grüße aus sunny Norfolk
    Klausbernd und seine emsigen Buchfeen Siri & Selma 🙂 🙂

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    • Lieber Klausbernd nebst Siri & Selma!
      Gern geschehen!
      Über die beschriebene Empfehlung von Jargsblog freue ich mich natürlich sehr und bin damit selbstverständlich einverstanden.
      Liebe Grüsse von der Elbe Auen sendet
      Jarg

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