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Das Schicksal ist ein mieser Verräter / John Green

Ich kann nicht von unserer Liebe sprechen, also spreche ich von Mathematik. Ich bin keinn Mathematiker, aber ich weiß so viel: Es gibt unendlich viele Zahlen zwischen null und eins: 0,1 und 0,12 und 0,112 und eine unendliche Zahl anderer. Zwischen 0 und 2 gibt es natürlich noch viel mehr unendlich viele Zahlen und zwischen 0 und einer Million erst recht. Manche Unendlichkeiten sind größer als andere Unendlichkeiten […]. Es gibt Tage, viele Tage, an denen ich bedaure, dass die Unendlichkeit meiner Zahlen so klein ist. Ich hätte gern mehr, als mit wahrscheinlich zusteht […]

Erwachsen zu werden an sich ist schon nicht einfach, und zahllose bekannte und weniger bekannte Romane widmen sich eindrücklich und auf unterschiedliche Weise diesem spannenden, von großen physischen und psychischen Veränderungen begleitetem Lebensabschnitt wie etwa der oft erwähnte J.D. Salinger („Fänger im Roggen“) und beispielhaft einige der bereits auf Jargsblog besprochenen Bücher wie etwa von Stephen Chbosky („Vielleicht lieber morgen“), Dirk Witteborn („Unter Wilden“), Steve Toltz („Vatermord …“), Finn-Ole Heinrich („Räuberhände“) und andere.

„Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ stellt Protagonisten in den Mittelpunkt der Handlung, die schwer an Krebs erkrankt sind: die sechzehnjährige Hazel leidet an den Folgen einer Krebserkrankung der Schilddrüse mit Metastasen in der Lunge. Durch ein neues Medikament konnte das Wavhstum des Tumors gebremst werden. Trotzdem ist ihr Leben starken Einschränkunegn unterworfen wie der permanent notwendigen zusätzlichen Sauerstoffversorgung ihrer Lunge. Hazel, einziges Kind ihrer Eltern, geht Freundschaften aus dem Weg, hasst es, bemitleidet zu werden und geht nur widerwillig zu einer Selbsthilfegruppe von an Krebs erkrankten Jugendlichen.

Doch eines Tages sitzt ihr in der Selbsthilfegruppe Gus gegenüber, der durch Knochenkrebs ein Bein verloren hat: redegewandt, attraktiv und schlau, geht dieser offen und humorvoll mit seiner Erkrankung und ihren Folgen um. Schnell verlieben sie sich ineinander, reden über Musik, Bücher, Filme und über die Ungerechtigkeiten evolutionär bedingter Mutationen wie Krebs. Als Gus erfährt, dass Hazel gerne den in den Niederlanden lebenden Peter van Houten, Autor ihres Lieblingsbuches, kennenlernen und ihm Fragen zum verstörend offenen Ausgang der Geschichte stellen möchte, setzt er alles in Bewegung, um die Reise nach Amsterdam möglich zu machen …

John Green ist es mit dem vielgelobten Romnan gelungen, eine intensive Coming-of-Age-Geschichte vor dem Hintergrund einer schweren, lebensbedrohlichen Erkrankung zu schreiben. Dabei vermeidet er Klischees, religiös verbrämte Erklärungstraktätchen und esoterische Allgemeinplätze ebenso wie die Gefahr, durch zu große Sentimentalität der Geschichte ihre Tiefe zu nehmen. Mit Hazel und Gus entwickelt er zwei Protagonisten, die sich schonungslos ihrer Krankheit und deren potentiell tödlichen Folgen stellen und gerade deshalb ein besonderes Gespür für die existentiellen Fragen menschlichen Lebens entwickeln. Trotz oder gerade weil Sterben und Tod ihnen beiden naheliegen, entdecken sie das Leben und die Liebe als etwas Unbedingtes, Absolutes. Die Folgen der Krebserkrankungen beider Hauptpersonen schildert Green mit großem Einfühlungsvermögen und Sachkenntnis, was auf eine gute Recherche des Autors während des Schreibprozesses schliessen lässt.

Eine sensible Geschichte, tragisch, zärtlich und doch voller lebenswütigem Humor, die einen nicht unberührt lassen wird, sich mit den großen Fragen unserer menschlichen Exitenz auf intensive Weise beschäfigt und lange nachwirkt.

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17 Kommentare zu “Das Schicksal ist ein mieser Verräter / John Green

  1. Ich finde es interessant, gerade zu diesem Roman die Meinung eines Mannes lesen zu dürfen. Frauen sind in der Regel ja emotionaler und betrachten die Dinge oft auf übersentimentale Weise, weshalb ich dieses Buch schon für eine viel zu lange Weile auf dem SuB liegen habe. Irgendwie hat sich bei mir der Gedanke eingeschlichen, ich bräuchte dieses Buch gar nicht lesen, weil es sich nun doch wieder „nur“ mit Krebs und dem Tod auseinandersetzt. Aber ich seh schon, ich muss es einfach doch noch lesen.

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    • Sicher, es ist ein Bestseller und bei dem Thema lauern etliche Klippen von „angestrengt“ bis „bemüht“ oder gar „rührselig“ und anderen. Aber die Geschichte ist wirklich besonders gut erzählt und für mein Gefühl wirklich Literatur im besten Sinne und nicht irgendein Schmöker. Dem Düsteren Thema begegnet er mit Ernsthaftigkeit und Humor zugleich – und schreibt mit diesem Buch über dem Tode nahe Menschen zugleich ein Buch über das Leben! Ich bin gespannt, wie Du es findest.

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  2. Hallo Jarg,

    über Dein Like zu meinem kleinen Ausflug in die deutsche Lyrik bin ich auf Deinen Blog gestoßen. Da schaue ich künftig gern öfter rein und lasse mich inspirieren, was sich zu lesen lohnen könnte.
    Der „Verräter“-Post ist zwar schon relativ alt, ich möchte aber trotzdem erwähnen, dass mich dieses Buch (ein Weihnachtsgeschenk, hätte ich mir gar nicht selber gekauft) richtiggehend umgehauen hat. Seit dem „Catcher in the Rye“ habe ich etwas Derartiges nicht mehr gelesen, glaube ich. Ich habe dauernd überlegt, was da wohl im englischen Original stehen könnte, nachdem die deutsche Fassung für eine Übersetzung schon ganz ausgezeichnet war. Fand ich jedenfalls. Einmal Übersetzerin, immer Übersetzerin. Ich habe mir das Original umgehend bestellt und das Buch noch einmal verschlungen. Und dabei immer wieder in der Sprache geschwelgt, die John Greene spricht. Wie gesagt, für mich steht „The Fault in our Stars“ in einer Reihe mit Salinger. Für mich jedenfalls wird es ein Werk für die Ewigkeit sein, das ich immer mal wieder zur Hand nehmen werde.

    Herzliche Grüße!
    Doris

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    • Hallo Doris,
      Gedichte sind etwas Wunderbares, sofern gelungen, und konzentrieren dann grosse Dinge in kleiner Form. Und das Herbstgedicht von Mörike sprang mir geradezu ins Auge.
      John Greens Buch kann einen schon sehr berühren. Ich bin ja immer etwas misstrauisch gegenüber Bestsellern – aber diesem Buch gebührt der Bestsellerstatus zu recht.
      Vielen Dank zu deinen freundlichen Worten überJargsblog, die mich sehr gefreut haben. Ich hoffe, Du findet immer mal wieder eine Lese-, Hör- oder Guckanregung hier!
      Herzlich grüsst Jarg

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    • Hallo Maret Robin Grey,
      danke schön für das freundliche Kompliment! John Green scheint ja wirklich ein Buch gelungen zu sein, das viele ins Herz schliessen – gleich welchen Alters …
      Herzlich grüsst Jarg

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  3. Hallo.
    Ich finde es sehr angenehm, wie du schreibst. Bisher konnte ich noch nicht so viel von deinem Blog lesen und bin deshalb auch erst jetzt auf diesen Beitrag von dir gestoßen. Ich habe in meinem Blog das gleiche Buch einen Tag später behandelt. Leider nicht ganz so tiefgründig wie du, aber das gelingt mir vielleicht bei anderen Büchern. Ich bin noch recht neu in der Bloggerwelt 😉
    Jedenfalls fand ich es sehr interessant eine anderen Blog zu diesem Buch zu lesen. Vielen Dank dafür.
    Falls du Zeit und Lust hast, kannst du dir ja mal meine Gedanken dazu durchlesen.
    http://spielkindsuppe.wordpress.com/2014/01/11/john-green-das-schicksal-ist-ein-mieser-verrater/
    Viele Grüße.

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    • Hallo Janeth,
      danke für die Komplimente über Jargsblog, die mich sehr gefreut haben!
      Das Buch von John Green ist wirklich besonders – was man Deiner Rezension ja auch anmerkt – und zählt für mich immer noch zu den nachhaltigsten, intesivsten Büchern, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Und ich lese ja bekanntermaßen viel 😉
      Herzlich grüsst Dich
      Jarg

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  4. „..natürlich noch viel mehr unendlich viele Zahlen“ sehr schöne formulierung, aber undendlich ist unendlich, ein begriff, der weder komparativ noch superlativ hat… ein schwieriger begriff, der sich der anschauung völlig entzieht und daher viele logische probleme macht…

    ich habe diesen roman von green auch gelesen und mir hat es ebenfalls gut gefallen, auch wenn ich die beiden hauptpersonen als etwas für ihr alter sehr abgeklärt und die menge der angeschnittenen fragen als sehr groß empfand…. aber auf jeden fall ist es eine lohnende lektüre.

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    • Natürlich ist die Unendlichkeit nicht steigerbar und strenggenommen eine Steigerung völlig unlogisch. Aber die Literatur darf das bestimmt, auch wenn man in Anbetracht der hohen Intelligenz der Protagonisten natürlich hier vielleicht eine genauere Begriffsklärung erwartet hätte … 😉
      Was die Abgeklärtheit und die Menge der angeschnittenen Fragen betrifft, so mag der Roman hier sicher stark verdichten aus literarischer Notwendigkeit: andererseits verstärken extreme, potentiell tödliche Krankheiten ja selbst bei kleineren Kindern aufgrund der existentiellen Bedrohung nicht selten Wahrnehmung, Reflexionsvermögen und Gedankentiefe … und können die sich gegen den Gedanken des nahen Todes eines geliebten Menschen sperrenden Angehörigen zunächst gehörig verstören und verunsichern.

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      • oh sorry, ich hatte nicht mitbekommen, daß das ein zitat war… dadurch wird es zwar auch nicht richtiger, aber trotzdem… 😉

        literarische notwendigkeit: ich weiß nicht so recht, was das ist, denn letztlich fängt jeder autor mit einem leeren blatt an und hat alles möglichkeiten offen, sein werk zu gestalten.
        es mag auch eine persönliche sache von mir sein, aber wenn ein autor allzuviel themen und probleme in seinem roman anreißt, dann denke ich mir schon manchmal: weniger wäre mehr gewesen. so stimmt deine anmerkung über die verdichtung der persönlichkeit von mit demtTod konfrontierter erkrankter ganz sicherlich, aber als schriftsteller habe ich eben die freiheit, dies in aspekten und nicht unbedingt in der totalen darzustellen. aber wie gesagt, daß sieht wahrscheinlich jeder leser anders…

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      • Letztlich ist das sicher Geschmacksache. Ich hatte jetzt nicht das Gefühl, dass es zu viele Themen waren (die Endlichkeit des Lebens = Tod und die Liebe) und die literarische Verdichtung gelungen ist.
        Jeder Blick auf ein Buch ist naturgemäß subjektiv und bestimmt von den persönlichen Lebenszusammenhängen und Empfindungen, die beim Leser in eben jenem Moment in Verbindung treten mit der Geschichte, die er liest. Vielleicht lese ich das Buch in zehn Jahren nochmal, wenn meine Kinder sich dafür ingteressieren – und dann berührt es mich vielleicht anders oder gar nicht, weil ich dann ein anderer sein werde, als derjenige, der ich jetzt in diesem Moment bin. Geht mir jedenfalls mit den wenigen Büchern so, die ich drei oder viermal gelesen habe: jedesmal ist das Erlebnis ein anderes.

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