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Im Kielwasser : Roman / Per Petterson

„Und er sagte: ‚Schliesst die Augen, atmet die Luft ganz tief ein und laßt sie langsam wieder raus, ihr werdet sehen, das hilft‘. Und wir taten es im Chor, atmeten tief und laut japsend ein, und es wurde ganz still im Wald um uns herum, alles hielt die Luft an, wenn wir die Kuft anhielten, und als wir sie wieder herausließen, kamein Windstoß und nahm uns auf und trug uns mehrere Jahre fort, bis er nichts mehr tragen konnte. Und ich fragte mich nie, weshalb, sah nie zurück, um herauszufinden, ob er noch dastand, doch jetzt setze ich mich auf, an diesem Berghang noröstlich von Oslo, die Füße gegen den Stamm einer Fichte gestemmt, damit ich nicht wegrutsche, und atme tief ein, halte die Luft lang an und lasse sie langsam wieder heraus … “ (a.a.O., S. 69)

Kennen Sie das? Sie haben ein Buch von einem Autor gelesen und fühlen sich von seiner Art, eine Geschichte zu erzählen, so angezogen, dass Sie wie im Rausch weitere von ihm lesen möchten. So geht es mir derzeit mit Per Petterson, der mich bereits mit „Sehnsucht nach Sibirien“ und „Pferde stehlen“ in seinen Bann schlug und mich jetzt mit dem von Ina Kronenberger ins Deutsche übertragenenen Roman „Im Kielwasser“ erneut schwer beeindruckt und tief berührt hat.
Zur Geschichte: Norwegen, in den 1990er Jahren. Der 43jährige, relativ erfolglose, heruntergekommene und dem Alkohol ergebene Schriftsteller Arvid verlor vor sechs Jahren bei einem Schiffsbrand seinen Vater, seine Mutter und seine beiden jüngeren Brüder. Gefangen in seiner Trauer und unfähig, die frühere Vertrautheit mit seinem großen Bruder wiederherzustellen, treibt er durch sein Leben und seine Tage. Er ist geschieden und hat nur selten Kontakt mit seinen beiden Töchtern. In Erinnerungen und Reflexionen versucht er, seinem Vater näherzukommen, einem in den 20er Jahren geborenen Schuhmacher, der von starker physischer und mentaler Präsenz ist, stets überlegen und in allem das glatte Gegenteil seines Sohnes zu sein scheint und diesem deshalb auch fremd bleibt.

„Ich werde Ihnen etwas über meinen Vater erzählen. Als ich auf die Welt kam, war er über vierzig, aber er war anders als die anderen Kerle dort, wo ich wohnte. Er war ein Athlet. Ein richtiger. Er hatte seinen Körper trainiert und mit einer Kraft gefüllt, von der man meinen sollte, der Körper würde sie nicht aushalten, und das war zu erkennen an der Art, wie er ging, wie er stand, an der Art, wie er sprach, und an der Art, wie er lachte, und es war eine Glut in ihm, an der niemand vorbeikam, und es war zu erkennen an der Art, wie er angeschaut wurde, daß er Körper und Energie war, daß er nach höherem strebte und auf dem Weg dorthin war, er hatte etwas. Alle sagten es. Er hatte nach Höherem gestrebt, solange sich jemand erinnern konnte. Er hatte trainiert und trainiert, um den Körper zu einer Brechstange zu machen, an der er sich hochziehen konnte […]. Überall gut und nirgendwo am besten […]. Aber […] er machte einfach weiter, Jahr für Jahr. (a.a.=, S. 81-82)

Arvid zieht wie verloren durch die Gegenwart, zu alten Arbeitstätten und Erinnerungsorten, lässt sich nächstens auf eine seltsame Beziehung mit einer alleinerziehenden Nachbarin ein, fährt mit seinem alten Mazda durch die Gegend zum Einkaufen und zu Plätzen, die er aus der Vergangenheit kennt, besucht seinen großen Bruder nach einem Suizidversuch im Krankenhaus und freundet sich mit einem irakischen Flüchtling an, der in seinem Haus lebt und nur drei Worte Norwegisch spricht. Währenddessen ziehen seine Gedanken zurück in die Vergangenheit, spinnen sich wie Fäden tief in die Familiengeschichte, in der alles miteinander verwoben scheint: Arvids Kindheit und Jugend in den 50er und 60er Jahren, die kurz nach dem Krieg erwachte Liebe seine Vaters zu einer Dänin, die später Mutter seiner vier Söhne wird, der tragische Unglücksfall 1990 im Skagerag, die Zeit unmittelbar davor, die Jahre danach.

„Ich sehe denselben Menschen im Spiegel, den ich immer gesehen habe, während alle anderen ständig verändern, und es ist jedesmal ein Schock, wenn ich feststelle, daß es sich keineswegs so verhält.“ (a.a.O., S. 76)

Arvids Leben scheint in Scherben zu liegen – doch je tiefer er in die Familiengeschichte eintaucht, um so näher kommt er seinem übermächtigen erscheinenden Vater und entdeckt unerwartete, verletzliche und leidenschaftliche Seiten an ihm.

„Und jetzt lehnte er an der gelben Wand im Korridor des Aker Krankenhauses und weinte, weil es weh tat. Wir hatten nie richtig miteinander gesprochen, soweit ich mich erinnern konnte, vielleicht nicht mehr, seit ich zwölf war und wir mitten im Wald an einem Lagerfeuer saßen und er mir zeigte, wie ein kleiner Junge von eins zweiundvierzig einem Dreckskerl von eins sechzig Angst einjagen konnte [….] Ich bin sicher, daß er nicht wusste, daß ich da war, denn er drehte sich nicht um, preßte nur die hand auf den bauch, mit dem Gesicht zur Wand, und weinte, und das hat mich gerettet.“ (a.a.O., S. 83)

Per Petterson nimmt als Aufhänger für seinen im Original im Jahr 2000 erschienenen Roman eine Fährschiffkatastrophe vom 7.4.1990, bei der die dänische, auf den Bahamas registrierte Fähre „Scandinavian Star“ im Skagerrak in Brand gerät und 158 Menschen ums Leben kommen. Das Trauma entfremdet die beiden Brüder zunächst und Arvid selbst fällt dadurch aus seinem Leben, wird geschieden, hat kaum noch Kontakt mit seinen Kindern und scheint am Leben zu scheitern.
Der Autor arbeitet stark mit Rückblenden und verknüpft so die Gegenwart Arvids mit dessen erinnerter und neu reflektierter Vergangenheit. Die erforderliche Aufmerksamkeit des Lesers wird dabei belohnt mit einer zunehmenden Verdichtung, in der Vergangenheit und Gegenwart gleichzeitig zu sein scheinen und sich Arvids Erinnerungen und die Erlebnisse in der Gegenwart zu einem differenzierten Bild verknüpfen. Sowohl Arvid als auch der Leser sehen am Ende klarer. Tief steigt Petterson in die Gefühlswelt seiner Protagonisten ein, ohne sie jemals zu entblößen, schafft Nähe, ohne ihnen ihr Geheimnis zu nehmen. So gelingt es ihm, eine Vater-Sohn-Beziehung in all ihrer Tragik darzustellen und ebenso behutsam wie plastisch von den Auswirkungen von alles verändernden Extremsituationen zu schreiben. Auch Arvid wird am Ende schmerzlich klar, dass es hätte anders kommen können, wenn er mit seinem Vater wirklich hätte reden, ihm nah kommen können – und das es die Gelegenheit dazu für beide Seiten hätte geben können.
Das alles geschieht in diesem kunstvoll aufgebauten und komponierten Roman sprachlich auf höchstem Niveau: ungekünstelt und klar schreibt Petterson und lässt den Leser intensiv an Arvids Geschichte und der seines Vaters und seiner Familie teilhaben. Zwei Szenen, in der es um die Nachbarin geht, mögen für die sprachlich Schönheit des Romans und gleich Zeit für mit die schönsten mir bekannten Stellen mit erotischem Subtext exemplarisch hier stehen:

„Da trifft sie eine Entscheidung, von der ich nichts mitbekomme, denn ich starre nur zwischen den Knien auf den Boden, die Hände an die Schläfen gepresst, und schlucke und schlucke und sehe ihr Gesicht nicht. Erst viel später, als wir eng in der schweren Wärme liegen und sie die Lampe tatsächlich gelöscht hat, begreife ich, daß es in dem Moment passiert ist, und wieder einmal wird mir klar, was eine Geschichte auslösen kann.“ (a.a.O., S. 84)

„[…] sie hat eine ganz eigene Figur, eine spezielle Rundung und Fülle und Wärme, und auch wenn ich, soweit ich mich erinnern kann, heute noch kein einziges Mal an sie gedacht habe, spüre ich sie trotzdem wie ein halbblindes Tier unter der Erde, wenn es sich in tiefschwarzer Dunkelheit an ein anderes drückt, und nichts anderes ist wichtig als diese bewegung, und dann die nächste, bis Haut und Hautn zu einer werden: keine Brillen, es soll ohnehin niemand etwas sehen …[…] (a.a.O., S. 130)

Dabei kommt wie in den anderen hier besprochenen Romanen Pettersons auch der Beschreibung der norwegischen Landschaft und Natur große Bedeutung für die Wirkung der Geschichte zu.
Ein Roman über einen Menschen, der durch die erdrückenden, von der Gegenwart beeinflussten Erinnerungen der Vergangenheit taucht und am Ende alle Fäden aufzunehmen scheint. Ein großes Buch: lebensnah und menschlich, dass mich tief berührt und bewegt hat und davon erzählt, dass wir unsere eigene Geschichte oft erst im Spiegel der Erinnerungen klar erkennen können.

„Es muß ein Traum gewesen sein, denn ich kann mich nicht erinnern, wie das Haus von außen ausgesehen hat oder was er draußen sah oder weshalb wir überhaupt da waren. Ich erinnere mich an viele Träume. Manchmal sind sie schwer zu unterscheiden von dem, was tatsächlich passiert ist. Das ist nicht schlimm. Es ist wie mit Büchern“. (a.a.O., S. 168)

22 thoughts on “Im Kielwasser : Roman / Per Petterson

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  3. ja, lieber Jarg, das kenne ich auch, wenn mich ein Autor/eine Autorin begeistert, dann will ich auf der Stelle MEHR … ich lasse mich von deiner Begeisterung anstecken und nun kommt Per Petterson auf meine Wunschliste, du hast mich neugierig gemacht, wie schon einmal –

    danke dafür, hab ein feines Wochenende
    herzlichst
    Frau Blau

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  4. „Sprachlich auf höchstem Niveau“? Ich kenne zwar weder das norwegische Original noch die deutsche Übersetzung, aber letztere haben die Leser Ina Kronenberger zu verdanken. Ich gehe mal davon aus, dass deren sprachliches Niveau dem Rezensenten auffiel, denn er zitiert ja ausgiebig und ausdrücklich aus der deutschen Ausgabe.
    Ich hätte jetzt auch scheinheilig fragen können: Ach, Petterson schreibt auf Deutsch? Doch das wird von Nichtübersetzern oft nicht als Ironie erkannt. Die Nennung der Übersetzernamen sind in der Literaturkritik das A und O – viel wichtiger noch als noch so viele „a. a. O,“ 🙂

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    • Guten Morgen!
      Danke für die Belehrung! Mir ist durchaus die Rolle des Übersetzers bewusst, dessen Arbeit oft genug einer sprachlichen Neuschöpfung gleichkommt und nicht selten unterbewertet wird – und oft erwähne ich den Namen auch. Das das hier nicht passiert ist, kann man kritisieren, dass das oft nicht passiert, diskutieren. Aber das kann man auch auf freundliche Art tun.
      Mit freundlichen Grüssen
      Jarg

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      • Alles klar. Kam leider bei mir heute früh bei noch stark reduziertem Koffeinpegel noch nicht so an – trotz Smiley … aber jetzt schon😉
        Kann ja auch gut verstehen, dass man als professionelle Übersetzerin generell den oft unterschätzten Wert der Übersetzungsarbeit gewürdigt wissen will – und ich denke, bei professionellem Rezensionsjournalismus sollte das auch mehr geschehen, als es tatsächlich geschieht!
        Viele Grüsse von Jarg zum Wochenende

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  5. Jarg, du kannst so unglaublich gute Rezensionen schreiben, das bewundere ich zutiefst. Wie ich an anderer Stelle schon schrieb, lese ich leider keine Bücher mehr, sondern höre sie lieber, aber deine Rezensionen wecken stets die Neugier auf die Geschichten und das ist für sich schon toll. Nein, nein, ich will hier nicht dick auftragen, das ist nicht meine Art. Ich meine, was ich schreibe🙂 LG, Conny

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    • Hallo Conny,
      danke für die überaus freundlichen, motivierenden Worte zu den Rezensionen auf Jargsblog, die mich sehr gefreut haben.
      Dann hoffe ich mal, dass weiterhin viel möglichst viele der auf Jargsblog rezensierten Bücher auch in guten Hörbuchversionen erhältlich sind.
      Liebe Grüsse von
      Jarg

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    • Vielen Dank für das Kompliment – und noch mehr Dank für den Link zu dem bereichernden Artikel aus dem New Yorker, den ich mit großem Gewinn gelesen habe.
      Herzlich grüsst
      Jarg

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  6. Lieber Jarg,
    das Buch habe ich gelesen und mit noch größerer Freude, deine Rezension. Danke für die Auszüge und deine feine Anmerkungen. Darf ich den Artikel bei Gelegenheit rebloggen?
    Herzliche Grüße
    Hanne

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    • Liebe Hanne,
      vielen Dank für die freundlichen Worte! Es freut mich sehr, dass Dir die Rezension gefällt – und natürlich darfst Du sie gern rebloggen.
      Herzliche grüsse von der Elbe Auen von
      Jarg

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  7. Lieber Jarg,
    ich las alle Bücher von Per Petterson und alle mit Genuss, wenn auch seine Romane von einer Schwermut durchzogen werden, die mir typisch für die skandinavische Literatur scheint. Vielen Dank, dass du ihn vorgestellt hast. Ich glaube, in Deutschland ist er noch nicht so bekannt, was unberechtigt ist.
    Ganz liebe Grüße vom heute grauen Meer
    Klausbernd

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    • Lieber Klausbernd,
      mit der Schwermut hast Du sicher recht – und bei Petterson ist ihr noch eine Lebenstrotzigkeit beigemischt, die den Romanen i Verbindung mit den intensiven Landschaftsbildern eine ganz eigene Färbung gibt.
      Tatsächlich scheint er hier noch nicht so bekannt zu sein … aber vielleicht ändert sich das noch. Verdient hätte er die Aufmerksamkeit auf jeden Fall.
      In Vorfreude auf den nächsten Petterson liebe Grüsse aus dem knackkalten Hamburg von
      Jarg

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