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Taste the Waste : Warum schmeissen wir unser Essen auf den Müll? / Valentin Thun

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Einen der beeindruckensten Filme, die 2012 auf DVD erschienen sind, habe ich bisher unterschlagen, da er im Ordner für Entwürfe stecken geblieben ist: „Taste the waste“ (Regie: Valentin Thun) dokumentiert den Umgang der modernen Industriegesellschaften mit Lebensmitteln und die weltweite Verschwendung von Lebensmitteln durch Verbraucher, Industrie und Handel: 90 Millionen Tonnen Lebensmittel werden allein in der EU jedes Jahr in den Müll geworfen.

Am Beginn begleitet der Film zwei „Mülltaucher“ und beleuchtet ihre Motivation, mit dem Entzug verwendbarer Lebensmittel aus Supermarktmülltonnen ein Zeichen gegen die Verschwendung zu setzen. Interessanterweise ist die Antwort der Supermärkte darauf nicht selten ein Schloss an den Mülltonnen um die bis zu 500 Tonnen Lebensmittel, die ein Supermarkt pro Jahr entsorgt, der kostenlosen Verwertung durch Mülltaucher zu entziehen. Die Lebensmittelabfälle aus Supermärkten dürfen noch nicht mal als Tierfutter verwertet werden, was zum zusätzlichen Anbau großer Mengen an Getreide führt, die ausschliesslich der Tiermast dienen. Die Abfälle werden stattdessen auf Mülldeponien gekippt und erzeugen klimaschädliches Methan: eine Quelle, die ganz erheblich zum globalen Anstieg des Treibhausgases in der Atmosphäre beiträgt.

Thun begleitet einen Kartoffelbauern, der gewzungen ist, 50% der Kartoffeln auf dem Feld auszusortieren, weil sie nicht den Normen entsprechen und nicht verkauft werden dürfen, und froh ist, wenn die eigentlich gutenKartoffeln doch noch jemand aufsammelt. Bäckereien werden von den sie beherbergenden Supermärkten aus verkaufsstrategischen Gründen gezwungen, bis zum Abend permanent frisches Brot nachzulegen, dürfen aber das alte Brot vom Vortrag weder verschenken noch verkaufen. Eine Großbäckerei reagiert immerhin darauf, nicht verkauftes Brot zum Heizen ihrer Öfen zu verwenden und damit massiv Heizöl einzusparen.

Orangen werden in französischen Großmärkten tonnenweise weggeschmissen, weil niemand sich die Mühe macht, überreife Früchte auszusortieren. Eine Initiative zur Speisung der Armen darf die guten Früchte aber nicht verwerten, weil so ja potentiell Geld dem handel entzogen wird.

Doch „Taste the waste“ richtet den Blick nicht nur nach Europa, seinem verschwendungsanregenden Normenwahn und seinen dem primat der Wirtschaft unterlegenen Märkten, wo aus vorgeblichen Effizienzgründen eher zum Wegwerfen anregt wird. In den USA arbeiten Food Coops daran, den Handel zu umgehen und ihren Mitgliedern günstiges und gesundes Gemüse und Obst zu liefern.
Fazit des Films: allein mit der Menge an Lebensmitteln, die in Europa weggeworfen werden, könnte man den Hunger in der Welt besiegen. Doch die wirtschaftlichen Interessen der großen Food-Giganten und der Blick des Verbrauchers auf die möglochst größte Menge zum kleinsten Preis führen zu einer giganttischen Verschwendung mit sozialen und ökologischen Folgen.

Der Film setzt dabei den Fokus auf wenige, exemplarische Beispiele, die er ausführlich dokumentiert. Dabei setzt er ganz auf klassische Dokumentationstechniken, arbeitet mit geschickt ineinander montierten Aufnahmen und Interviews. Dadurch, dass er das Moralisieren vermeidet und es dem Zuschauer überlässt, sich angeregt durch die thematischen Schlaglichter, die der Film auf den globalen Umgang mit Lebensmitteln setzt, seine eigenen Gedanken zu machen, bezieht er einen erheblichen Teil seiner starken Wirkung: der Zuschauer sieht sich selbst im Spiegel und reflektiert die eigene Wertschätzung, den eigenen Umgang mit Lebensmitteln, während er fassungslos vor dem Ausmaß der Verschwendung steht, die durch ineffiziente Strukturen und wirtschaftliche Interessen entstehen.

Ein beeindruckender Film mit erschütternden Fakten und Bildern, der zu recht viele positive Kritiken erhielt und einen bewegt, entsetzt und sehr nachdenklich zurücklässt sowie Reflexionen zum eigenen Verhalten anstösst. Ein Film, der hoffentlich nicht nur dazu führen, das eigene Verhalten als Verbraucher zu überdenken, sondern die Diskussion um eine ethischen Normen verpflichtete Wirtschaft befördert, die, wenn sie sich nicht nachhaltig ändert (und das wird sie ohne Druck nicht tun), wesentlich stärkerer Regulierung durch die Gesellschaft und damit durch die Politik bedarf.

13 thoughts on “Taste the Waste : Warum schmeissen wir unser Essen auf den Müll? / Valentin Thun

  1. Auslöser: Raffgier, Lobbyismus und Ausbeutermentaität schreien nach politischen Wendungen. Leider scheinen auch dort viele schon die Hand offen zu halten.
    Doch abgesehen von den Müllbergen treiben wir so auch unsere eigenen Landwirte in den Ruin. Die Industrie drückt die Preise immer weiter und ökonomische Lebensmittel werden so immer fragwürdiger. Wodurch die Qualität immer fragwürdiger wird und alles zu Lasten unserer Gesundheit.

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    • Bleibt zu hoffen, dass das irgendwann kippt und so teuer für uns alle wird, dass wir endlich umsteuern. Spätestens dann, wenn alle Welt so viel Autofahren, so viel Fleisch essen will wie die Menschen im Westen, kommt dieser Planet ressourcentechnisch ans Ende – was er eigentlich jetzt schon ist.

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  2. Es ist eine Wechselwirkung zwischen Politik einerseits und Konsument andererseits. Leider sind die Einflusssmöglichkeiten auf die Politik ja gering, aber sein Konsumverhalten, das kann jeder überdenken und ändern. Es ist auch ein Gutteil Gedankenlosigkeit und die Entfremdung von der Lebensmittelproduktion. Oder mal anders ausgedrückt: Wir haben letztes Jahr zum ersten Mal Kartoffeln in unserem Gärtchen angebaut und grandiose zwei Eimer voll von nur 12 Pflanzen geerntet. Die mit kleinen Macken – da waren wohl mal ‚kleine Mitesser‘ dran – haben wir zuerst verbraucht. Nie und nimmer hätten wir die weggeworfen. Aber gekauft hätte die niemand …

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    • Den Kartoffelbauern in „Taste the waste“ finde ich auch deshalb beeindruckend, weil er eben dieses Dilemma auf den Punkt bringt und sein eigenes Arbeitsethos an den Anforderungen der Industrie scheitern sieht …
      Während wir Obst und Gemüse normen und dabei Vielfalt und Geschmack auf der Strecke bleiben, wird uns gleichzeitig mit zB tausenden Joghurtsorten eine Vielfalt vorgegaukelt, die es in Wahrheit gar nicht gibt … was bei uns dazu führt, dass wir eigentlich immer die gleichen, unbehandelten und möglichst naturnahen Produkte kaufen und uns alle „neuen“ Lebensmittelprodukte und -erzeugnisse kalt lassen …

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      • Ich finde diese Überfülle und vermeintliche Riesenauswahl für mich schrecklich. Aber vielleicht ist das so gewollt, damit man nicht so viel Gelegenheit hat sich über die Inhaltsstoffe zu informieren.

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      • Ich finde das auch furchtbar mit der Riesenauswahl – und nutze sie für mich nicht. Die Wirtschaft bedient sich da natürlich den Instinkten der Menschen, ihrer Neugier, ihrer Langeweile … und der Tatsache, dass kaum jemand auf die Inhaltsstoffe schaut. Ich bin manchmakl sehr überrascht, was selbst in relativ unverdächtigen Produkten wie Müsli drin sein kann – Gelatine zum Beispiel. Ekelhaft. Und die Fülle an Fertiggerichten finde ich gruselig – ebenso wie die Tatsache, dass manche Einkaufswagen fast nur solches Zeug enthalten. Meistens sehen die Leute dann aber auch so aus wie das, was sie mit Vorliebe essen 😉

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    • Äh, ich meinte natürlich: Toll, dass Du einen FILM darüber rezensierst. Es ist Montag, da kann ich die Medien Buch und Film offenbar noch nicht so ganz auseinanderhalten😉.
      Mit dem Film, den ich schon gesehen habe, meinte ich die Erwähnung von Nomadenseele. Aber „Taste the Waste“ werde ich mir auf jeden Fall mal vormerken.

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      • Das kenne ich: der Koffeinspiegel muss Montagsmorgens erstmal auf das für den ersten Arbeitstag erforderliche Niveau gebracht werden, bis alles richtig funktioniert …
        Herzlich grüsst
        Jarg

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  3. Es ist eine Schande, wie wir mit all dem umgehen…und kaum jemand regt sich darüber auf.
    Da wird so viel Überproduziert und zu viel weggeworfen.. die ganze Welt könnte satt werden, (und dann wird Sprit aus Lebensmitteln gemacht)…der reinste Hohn.
    Es gab da vor kurzem im TV einen Film, der auch diese Dinge zeigte…
    Diesen Film werde ich mir bestimmt besorgen, DANKE für den Tipp.
    LG, Petra

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  4. Bezüglich der Lebensmittelvernichtung gab an Anfang Dezember auch einen Beitrag im Österreichischen Fernsehen in der Sendung „Am Schauplatz“. Wenn man die Bilder sieht, fragt man sich wirklich, in welcher Welt leben wir, wenn es schon genügt, dass eine nicht gleichmässig gewachsene Kartoffel schon aussortiert wird. Angeblich auf Grund der Vorgaben unserer Lebensmittelkonzerne. „Die Käufer wollen es so!“ So ein Schmarren. Und wie viele Lebensmittel einfach auf den Feldern verbleiben, nur weil die großen mechanisierten Erntemaschinen gar nicht alles aus dem Boden aufnehmen bzw. ernten können. Erschütternd. Ich freue mich hingegen immer wieder, wenn ich in den auf meinem lokalen Bauernmarkt erstandenen Kartoffeln Figuren entdecken kann. Eine davon habe ich ja auch schon publiziert. LG hereshecome

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    • Ja, es ist wirklich bitter und teilweise unglaublich – und leider nicht durch uns Konsumenten allein zu lösen: da ist die Politik gefragt, um aus diesem Norm- ud Effizienzwahn rauszukommen!
      Liebe Grüsse von
      Jarg

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