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Und wieder Februar : Roman / Lisa Moore. Aus dem Englischen von Kathrin Razum

Was Helen bei Müdigkeit überkommt, ist eine Art Nebel. Ein Tag am Strand nach einer langen Fahrt. Wie das Licht auf das gelbe Gras fiel; die Ränder der Halme schimmerten wie Stahl. Das Ende einer Jahreszeit. Dunst hing über den Brechern. Im Wind der Geruch, mal wahrnehmnbar, mal nicht, von etwas Totem. Die ablaufende Gischt, gelblich gefärbt, dick wie Schlagsahne. Diese Jeans, die Cal trug.
Wir waren jung, denkt Helen. Das klare, kalte Meer strudelte heran und zog sich wieder zurück, schloss sich wie Ketten um Cals nackte Knöchel. Und er bückte sich, tauchte die Hand ein und steckte sich den Finger in den Mun
d“ (S. 135-136)

Kanada, Neufundland. Die hochschwangere Helen hat 1982 ihren Mann Cal beim Untergang der Bohrinsel Ocean Ranger verloren. Niemand von der Besatzung der Bohrinsel überlebte. Helen muss nun ihre vier Kinder allein großziehen, was ihr nach einem Jahr tiefer Trauer und Depression auch gelingt. Dabei entwickelt sie große Stärke, hinter der ihre Trauer zurückzutreten scheint.

Man sieht sein eigenes Leben, doch es ist, als stünde man hinter einer Glaswand: die Funken fliegen, doch man spürt sie nicht“ (S. 76)

Jetzt, fast dreissig Jahre später, sind die Kinder längst erwachsen und aus dem Haus und Helen hat bereits Enkelkinder. Sie lässt ihr Haus von dem wortkargen Handwerker Barry renovieren und reflektiert über ihr Leben und das ihrer Kinder, über Cals Tod, sein letzten Stunden. Jetzt, im fortgeschrittenen Alter, spürt sie es einmal mehr, dieses einsame Leben ohne Cal, die tiefe, nie verwundene Trauer. Und sie spürt die Einsamkeit:

Wenn sie aufwacht, hat sie ein schlechtes Gewissen, weil sie beschlossen hat zu bleiben. Etwas Unbeugsames, Lebensbejahendes, das nicht bereit ist einzuknicken, gewinnt die Oberhand. Damit verrät sie ihn, jede einzelne Nacht in ihrem Leben, und es zehrt an ihren Kräften. Sie weist ihn ab, sie vergisst ihn. Jedes Mal, wenn sie in einem Traum nein zu ihn sagt, vergisst sie ihn ein bisschen mehr“ (S. 80)

Ihr ältester Sohn John, der für eine Firma um die Welt reist, ruft sie eines Tages an und teilt ihr mit, dass eine Frau, mit der er eine flüchtige Affäre hatte, ein Kind von ihm erwartet. Ohne es zu wissen, verändert diese Nachricht Helen nachhaltig: ihre Gedanken kreisen nicht mehr nur um vergangenes Glück und Unglück, um ein mögliches, aber verlorenes Leben mit Cal. Plötzlich scheint auch in der Gegenwart für sie Nähe und Zuwendung möglich, wenn sie bereit ist, etwas zu riskieren. Mehr und mehr wird ihr ihre Einsamkeit bewußt.

Wie sehr sehnt sie danach sehnt, berührt zu werden. Denn was folgt, wenn man nicht berührt wird, das hat Helen festgestellt, ist mehr desselben: nicht berührt zu werden. Und was folgt, wenn man länger nicht berührt wird, ist das schmutzigste und banalste Geheimnis überhaupt: Man vergisst, es sich zu wünschen.“ (S. 265)

Lisa Moore hat den realen Untergang der „Ocean Ranger“ 1982 nach einer Monsterwelle als Ausgangspunkt genommen und die Trauer um eines der Opfer als Kulisse für die Geschichte von Helen. Gefangen in den familiären Notwendigkeiten, die von ihr Stärke für die vier Kinder verlangen, löst sich Helen nie aus ihrer Trauer um Cal und der Liebe zu ihm. Doch durch die Nachricht ihres Sohnes von seiner unverhofften Vaterschaft beginnt sie sich zu verändern, kommt es zur Wende in ihrem Leben. Sie entdeckt, dass sie einen Toten nicht lieben kann, und findet trotz der tiefen Erinnerungen an Cal einen Weg aus ihrer Einsamkeit und zu einem neuen, späten Glück.
Moore ist es gelungen, über Trauer, Verlust und spätes Glück ohne gefühlsselige Worte in einem von intensiven Naturbildern angereichterten Klang zu erzählen. Dabei arbeitet Moore Helens Gefühlswelt, ihre Trauer und ihre innere Wandlung durch geschickte Rückblenden auf ihr Leben und Einblendungen in das Leben von John heraus. So entsteht ein Erzählfluß, der Vergangenheit und Gegenwart miteinander verknüpft und einen starken Sog auf den Leser entwickelt. Die Hintergründe des Unglücks der Ocean Ranger baut Moore dabei nur in dem notwendigen Umfang in die Handlung ein, lässt aber erkennen, dass ihrem Buch umfangreiche Recherchen vorangegangen sein müssen. Eng verknüpft Moore den Fortgang ihrer Erzählung mit Beschreibungen der kargen Küstenlandschaft, des Wetters, der Bewohner des Landstrichs und schafft so eine dichte, die Handlung unterstützende Atmosphäre, der man sich nicht entziehen kann.
Ein tief berührendes, sprachlich äußerst ansprechendes und hervorragend komponiertes Buch, das sein Thema – Trauer und Einsamkeit – unpathetisch und mit großem Einfühlungsvermögen meistert. Der Autor dieser Zeilen mochte es kaum aus der Hand legen und war nach der Lektüre tief und nachhaltig beeindruckt.

2 thoughts on “Und wieder Februar : Roman / Lisa Moore. Aus dem Englischen von Kathrin Razum

  1. Eine wunderschöne Besprechung, lieber Jarg. Das Buch steht seit seinem Erscheinen auf meiner Wunschliste, aber ich bin irgendwie nie dazu gekommen, es zu lesen. Wenn ich mich nicht irre, erscheint bald das Taschenbuch, so dass ich es spätestens dann endlich werde lesen können.🙂

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    • Das Buch lohnt die Lektüre – und macht neugierig, mehr von Lisa Moore zu lesen. Ihr Debütroman wurde wohl gerade vom Hanser-Verlag für den deutschen Buchmarkt herausgebracht …

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