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Lieben : Roman / Karl Ove Knausgård. Aus dem Norwegischen von Paul Berf

„Aus meiner eigenen Kindheit sind mir nur eine Handvoll Episoden im Gedächtnis geblieben, die ich alle als bahnbrechend und bedeutsam empfand, obwohl sie eigentlich, wie ich heute erkenne, in einem Meer anderer Geschichten schwammen, was ihren Sinn gänzlich auslöscht, denn woher will ich eigentlich wissen, dass ausgerechnet diese Ereignisse, die sich mir eingebrannt haben, entscheidend waren, und nicht all die anderen, über die ich nicht das Geringste weiß“ (Karl Ove Knausgard, „Lieben“. S. 23)

Was betimmt ein Menschenleben, wie findet sich in der Banalität des Alltags so etwas wie Sinn, wie verändert sich das Bild der eigenen Kindheit, wenn man selbst Kinder hat? Karl-Ove Knaus Knausgård beschäftigt sich im zweiten Band seines auf sechs Bände angelegten Werkes mit der Veränderung, die sein Leben nimmt, als er seine Frau Linda kennenlernt: beide sind selbstbewußte, auf Selbstverwirklichung bedachte menschen, deren Leben sich durch die Kinder drastisch verändert. Eigene Ansprüche wie etwa die Karl Ove Knausgards an sein literarisches Schaffen und die Zeit dafür geraten in den Widerspruch zur den Notwendigkeiten einer Familie und den ganzen alltäglichen Banalitäten, die damit einhergehen.
Das hätte ein ziemlich banaler Erlebnis- udn Erfahrungsbericht werden können, wenn es Knausgård nicht gelungen wäre, seine extrem authentisch erscheinenden Schilderungen normaler Alltagsszenen eines im Spannungsfeld zwischen Berufung und Familienleben Schriftstellers mit Reflexionen über die Sinnhaftigkeit des Ganzen, die Infragestellung eigener Positionen und ausgesprochen klugen, zuweilen phiosophischen Gedanken über die Bedeutung von Literatur, das Verhältnis von Mann und Frau oder auch die Frage nach der Bedeutung von Kindheit für den eigenen Charakter zu verbinden.

„[Es] ist nicht so, dass wir gleich geboren werden und die Lebensbedingungen unsere Lebensläufe ungleich machen, es verhält sich umgekehrt, wir werden verschieden geboren und die Lebensbedingungen gleichen unsere Leben einander an. Wenn ich an meine drei Kinder denke, habe ich nicht nur ihre charakteristischen Gesichter vor Augen, sondern auch ein ganz bestimmtes Gefühl, das sie ausstrahlen. Dieses Gefühl, das unveränderlich bleibt, ist das, was sie für mich „sind“. Und was sie „sind“, hat seit den allerersten Tagen mit ihnen stets in ihnen existiert“. (S. 17)

Knausgård zeigt sich dabei nicht eben als einfacher Charakter und auch seine Frau, deren manisch-depressive Erkrankung er zu erwähnen und beschreiben nicht auslässt, ist kein umkomplexer Mensch. Er macht es dem Leser zuweilen schwer bis unmöglich schwer, sich mit ihm zu identifizieren, schont sich aber selbst ebenfalls nicht und zeigt ohne Gnade eigene Widersprüche und zu kritisierende Verhaltensweisen auf. Dennoch gelingt ihm auf sprachlich höchst ansprechende Weise, aus der Verbindung banaler Alltäglichkeiten mit Reflexionen und Gedanken Literatur werden zu lassen. Allein seine Beschreibungen von Menschen und ihren typischen Eigenschaften offenbaren seine Beobachtungsgabe und seinen scharfen Blick, gehröen sie doch fürmich zu den schönsten Beschreibungen dieser Art, die einem die beschriebene Person regelrecht plastisch vor Augen erscheinen lässt.

[…] er lachte die ganze Zeit und besaß eine Unbekümmertheit, die mir gefiel. Gleichzeitig interessierte es sich wirklich für die Menschen und hatte etwas über sie zu sagen. Er war jemand, der unter die Oberfläche drang und damit jemand, der den Unterschied ausmachte“ (S. 111)

Der Autor hat ein ambilvalentes Verhältnis zu seiner Familie, zeigt er sich doch nicht selten von Alltäglichkeiten genervt und davon, dass er nicht zum Schreiben kommt, weil er auf die Kinder aufpassen muss. Andererseits ist deutlich spürbar, dass er die Kinder liebt und er diesen Widerspruch in sich selbst nicht aufzulösen in der Lage ist, weil das Schreiben für ihn Einsamkeit erfordert und die Familie das genaue Gegenteil, ihn der Alltag aufreibt und ihm das die Kraft und zeit für die andere Seite seines Lebens – das Schreiben – raubt (Wer Kinder hat, wird sich bei aller Liebe zu diesen auch nicht selten solchen kraftzehrenden Tagen ausgesetzt sehen). Innere Widersprüche, Verzweiflung und Unruhe bestimmen nicht wenige seiner Tage und ihm gelingen eindrückliche Bilder für die Beschreibung seiner Gemüts- und Gefühlszustände.

„Ich lag auf einer Couch in einer Wohnung vor den Toren Stockholms, wo ich keinen Menschen kannte, und alles in mir war Chaos und Unruhe. Die Unsicherheit reichte bis in den Kern hinein, bis in das, was definierte, was ich war“.

„Lieben“ fällt als stark autobiografischer Roman trotzdem aus dem üblichen Genre der Autobiografie heraus, da er dafür zu sehr reflektiert über Dinge, über die zu reflektieren zwar die Erlebnisse den Anlass geben, die jedoch weit darüber hinausreichen. Auch als Familienroman lässt sich das Buch daher nicht beschreiben, nähert es sich doch streckenweise einem (ausgesprochen klugen) Essay, einer Reisebeschreibung oder einem schriftlich dokumentierten Gedankengang über Literatur oder Geschichte an. Dabei gelingen ihm Passagen von eindringlicher sprachlicher Schönheit:

„Die Tatsache, dass die Menschenströme entlang der Kanäle und auf den Kieswegen, auf den Rasenflächen und in den Wäldchen an den Wochenende im Prinzip diesselben waren wie Ende des 19. jahrhhunderts, verstärkte mein Gefühl noch: Wir waren wie sie, nur noch verlorener“ (S. 336)

„Lieben“ ist mit Sicherheit kein Roman, der sich einfach so wegliesst. Dafür hat er zuweilen eine zu große emotionale Schwere, ja Sperrigkeit, die zusätzlich zur Ambivalenz, die man als Leser gegenüber dem Autor empfindet und die zum Teil seiner durchaus umstrittenenen Offenheit, sein Leben und das seines Umfeldes offen zu legen, zum Teil aber auch einigen eher egozentrischen Charakterzügen des Autors entspringen.
Dennoch war der Roman für mich ein bewegendes Leseerlebnis, da die hohe gedankliche Tiefe, die Knausgård erreicht, die zum Teil über weitere Strecken bestimmenden alltäglichen Banalitäten, aber auch die Offenheit und Direktheit rechtfertigt. Knausgård macht aus Alltäglichem Literatur, in dem er das Leben in seiner Banalität dem Gedanken, der Reflexion gegenüberstellt. Geht man mit dieser Haltung an das Buch, so ist das Leseerlebnis ein durchaus nachhaltiges. Selbst wenn man mitten im Buch aufgrund einer defekten E-Book-Datei von der digitalen auf die analoge Ausgabe wechseln muss.

8 thoughts on “Lieben : Roman / Karl Ove Knausgård. Aus dem Norwegischen von Paul Berf

  1. Liebe Jarg,
    ich freue mich dank deiner Rezension noch einmal in dieses Buch abtauchen zu dürfen, dessen Lektüre bei mir nun schon über ein Jahr zurückliegt. Ich habe „Lieben“ gerne gelesen, auch wenn ich meine Schwierigkeiten mit dem Roman hatte. „Sterben“ hat mich ganz persönlich einfach stärker erreichen können. Für den Herbst ist mit „Spielen“ der dritte Band angekündigt und ich blicke der Lektüre mit Spannung entgegen.

    Liebe Grüße
    Mara

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    • Liebe Mara,
      „Sterben“ muss dieser Lektüre natürlich folgen, geht es dem Buch doch eigentlich voraus. Ein wenig schrecke ich vor dem Gewicht zurück, da der Regionalexpress mein bevorzugter Leseplatz ist. Da „Sterben“ als eBook leider nicht über die mir zur Verfügung stehenden Onleihen zu erreichen ist, werde ich wohl schleppen müssen.
      Die von dir erwähnten Schwierigkeiten kann ich gut nachvollziehen – es gab Momente, da hätte ich das Buch (resp. meinen Kobo) gerne in die Ecke gepfeffert. Aber letztlich bewegt es nachhaltig, auch wenn man seine Ansichten und Dedanken des Öfteren nicht teilt, ja ihnen vehement widersprechen möchte.
      Liebe Grüsse von
      Jarg

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  2. Lieber Jarg,
    danke, dass du Knausgard hier vorgestellt hast. Mich haben seine Romane auch sehr bewegt, ich finde sie lesenswert, wenn ihnen auch manchmal eine eingängige Anmut fehlt – eben nicht stromlinienförmig, sondern interessant.
    Liebe Grüße
    Klausbernd

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    • Lieber Klausbernd,
      eben das mochte ich an dem Buch: es hat mich auch ein wenig herausgefordert, Widerspruch hervorgerufen oder Fragen aufgeworfen. Und sind das nicht die besten Bücher, die etwas in einem hinterlassen, einen bewegen? Stromlinienförmige lassen einen ja nur durch die Seiten gleiten und man kommt unverändert hervor. Das ist hier anders.
      Liebe Grüsse aus dem wieder sonnigen Hamburg von
      Jarg
      PS: Samstag gibt es einen schönen Filmtipp, der diehiermit herzlich gegrüssten Buchfeen ansprechen dürfte😉

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      • Lieber Jarg,
        da gebe ich dir völlig recht. Erstaunlich und es gibt Hoffnung, dass solche Bücher noch einen Verleger finden.
        Huch, und Siri und Selma sind schon ganz flattrig und gespannt auf deinen Filmtipp. Sie lassen dich und die Zwillinge liebst grüßen.
        Auch von mir liebe Grüße
        Klausbernd🙂

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      • Mal sehen, wie Siri und Selma den Film finden. Er ist auf wunderbare Weise „magisch“ und besonders.
        Liebe Grüsse von
        Jarg

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