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Meine Bar in Sansibar : durch Ostafrika zu den Quellen des Nil / Richard Grant

„Ich verstand die Studien, denen zufolge die Afrikaner südlich der Sahara stets als die optimistischsten Menschen mit der geringsten Selbstmordrate eingestuft wurden. Für das Krankheitsbild der Depression gibt es in den meisten afrikanischen Sprachen kein Wort. Die Alternative zum Optimismus war hier nicht Pessimismus, sondern Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung, und damit konnte man sich und seine Kinder nicht ernähren.“

Nach der Teilnahme an einer Expedition den Sambesi entlang den Spuren Livingstones entlang wendet sich der britische, in Amerika lebende Journalist erneut Ostafrika zu, fasziniert von der Landschaft und den Menschen. Er will den Fluss Malagarasi, wenig erforscht und unzugänglich, von der Quielle bis zum Tanganjikasees entlangpaddeln und damit geografisches Neuland beschreiben. Landeskundige warnen ihn vor der Fahrt, vor Krokodilen, Nilpferden, unschiffbaren Stellen und Banditen. Doch Grant, fasziniert von der Rastlosigkeit und dem unerschütterlichen Mut des legendären Richard Francis Burton, findet einen ortskundigen Reisepartner und macht sich auf den Weg.

Mein Interesse an Burton war historischer Natur – er ist unverzichtbar, wenn man wissen will, wie Ostafrika war, bevor die Europäe4r kamen und es kolonisierten – aber auch persönlich motiviert. Ich verfüge nur über einen Hauch seiner Fähigkeiten und Energie, dafür aber über ein wenig mehr von seiner Rastlosigkeit. Wie er bin ich ein im Ausland aufgewachsener Engländer, der häufig umzog und sich in England nie zu Hause fühlte. Ich finde es ebenfalls schwierig und bedrückend, lange Zeit an einem Ort zu bleiben, und wie Burton, der sich selbst als ‚Nomaden‘ bezeichnete, habe ich mein Leben und meinen beruf entsprechend eingerichtet. (S. 38-39)

Seine Reise führt ihn zunächst nach Sansibar, wo er rasch Kontakt findet, sich in das Nachtleben stüzrt und nach einigen Wochen auf den Weg auf das Festland macht. Schnell erfährt die befremdlichen, aber auch die beglückenden Seiten Afrikas, bescheibt eindrücklich die Armut, Gewaltbereitschaft, den Hang, Europäer als wandelnde Brieftaschen zu sehen, aber auch die Freundlichkeit und Würde vieler Menschen. Seine Reise wird so von Beginn an zu einer Entdeckungsreise in das gegenwärtige Herz Afrikas, zur Verlorenheit seiner Menschen, zu extremen Landschaften, kriegszerstörten Gebieten und zur Reflexion über den Sinn und Unsinn von Entwicklungshilfe.

„Manchmal dachte ich, dass die Probleme Afrikas ganz einfach die grundlegenden Probleme der menschlichen Natur waren – Gier, Zorn, Neid, Trägheit, Grausamkeit, hier noch verstärkt durch ein besonders brutales Zusammenwirken von Geschichte, Klima und Krankheiten. Dann wieder glaubte ich, dass sich die von dwen afrikanischen Stämmen entwickelten kulturellen Systeme und Haltungen besonders schädlich und selbstzerstörerisch ausgewirkt hatten, sobald sie aus dem traditionellen Stammesleben herausgelöst waren. Es gab zuviel Glauben an Hexerei, an Fatalismus, zu viel Verehrung von Macht und Gehorsam der Macht gegenüber, weil Macht in Afrika stets ein einschüchterndes übernatürliches Element enthält […]. Auch waren die besten und gescheitesten Leute oft damit überfordert, ihre immer größer werdenden Familien zu unterhalten. Ich betrachte diese Kultur des Teilens als auch ein Verbreiten von Armut […]. (S. 148-149)

Seine Reise wäre nicht möglich ohne ortskundige Helfer, aber auch nicht ohne Bestechung korrupter Beamter und so manchen halblegaer Schleichweg oder die Bewältigung absurder bürokratischer Vorschriften und Abläufe. Doch sein Ziel, den Malagarasi komplett zu befahren, erreicht er trotzdem nicht. Zu unsicher ist abschnittsweise die Lage, zu wenig schiffbar sind sumpartige Abshcnitte des Flusses. Doch Grants Reise wandelt sich, so wie auch er sich wandelt, sich anpasst an die fremden Gewohnheiten, ohne sich als Europäer mit einer anderen Lebensauffassung aufzugeben. Es gelingen ihm bemerkenswert intensive Beschreibungen der Landschaften, ausdrucksstarke Porträts der Menschen, die er trifft, die ihm helfen und ihm beistehen. Doch immer und immer wieder beschäftigen ihn die Probleme Afrikas, kann und will er doch dem Elend nicht ausweichen auf seiner Fahrt etwa durch Burundi, das ärmste Land der Welt.

Afrikaner [wären] widerstandsfähiger, erfinderischer und begabter als viele andere. Und doch ist ihr Kontninet ein schändliches Chaos. Menschen leiden und sterben jünger als anderswo auf der erde, während die Benzi-Eliten sich mit Luxusgütern vollstopfen und phantastische Vermögen auf ausländischen Bankkonten aufhäuften – schamlos und ohne Bedauern. Warum? Was kann man dagegen tun – wenn überhaupt? Warumm scheitern unsere besten Ideen hier und ziehen unbeabsichtigte Folgen nach sich?
Ryan hatte eine kurze, schonungslose Antwort darauf. ‚Ich sags Ihnen, was das Hauptproblem Afrikas ist‘, sagte er. ‚Vernunft und Gemeinsinn werden durch Traditionen, Glauben und Tabus erstickt. Das ändert sich allmählich. Aber viel zu langsam‘ (S. 150)

Fassungslos steht er auch vor der Geschichte der Region, den blutigen Bürgerkriegen in Burundi, dem Völkermord in Ruanda – Konflikten, die auch, aber nicht nur durch die koloniale Geschichte Afrikas stets von neuem aufzubrechen drohen.

Ich würde nie selbst erfahren, wie es sich anfühlt, in Lumpen und chinesischen Flipflops dazustehen, 13 Jahre Bürgerkrieg erlebt zu haben mit all dem Abschlachten, Verstümmeln, Vergewaltigen, das aus europäischen kriegen schon vor langer Zeit verschwunden ist – und dann zu sehen, wie blitzsaubere, überaus höfliche Weiße aus ihren 60000-Dollar-Landcruisern steigen und Plänne ausbreiten, wie die Armut der Vergangenheit angehören sollte und dass man sich an einem Kurs für die gegenseitige Achtung der Geschlechter beteiligen sollte, die Folgen seiner bisherigen Jagd- und Ackerbaumethoden für die Umwelt berücksichtigen sollte, seine sexuellen gewphnheiten ändern, ebenso die Art zbd Weise, wie man morgens scheißt, Wasser holt, Felder beflanzt […]. Würde ich mich bevormundet fühlen, wäre ich dankbar, verwirrt, zornig, verlegen, desinteressiert? Würde mich so etwas ermutigen, […], oder würde ich […] denken: Die haben so viel, ich habe nichts, also gebt mir, gebt mir, gebt mir! keine Ahnung. (S. 276-277)

Aus Burundi nach Ruanda, dem heutigen Kunsterschüler Afrikas gereist, steht er erschüttert vor den Zeugnissen des Völkermords und fragt sich, was passieren wird, wenn der derzeitige Diktator Paul Kagame eines Tages abtritt. Eine Frage, die er ihm auch selber stellt in einem der Höhepunkte des Buches, der Begegnung mit Kagame selbst, von dem er ein Bild abliefert, dass beeindruckend und erschreckend zugleich ist: beeindruckend, weil Kagame das Land das so tief gepaltene Land mit harter Hand zuzsammenhält und einiges für den wirtschaftlichen Aufschwung und die Stabilisierung getan hat, erschreckend, weil er dabei natürlich die Menschenrechte mißachtet und sich auch Grant die Frage stellt, ob die Versöhnung tatsächlich weiterreicht und er sich im Kongo an illegalen Rohstoffausbeutungen beteiligt. Bei aller berechtigten Kritik an der Entwicklungshilfe macht es sich Grant aber durchaus nicht einfach:

Ich hatte eine ziemlich bescheidene Meinung über Missionare und den Kolonialismus, aber immerhin hatte man ja den Kontinet erfolgreich umgeformt und auf die eigenen Ziele und Absichten abgestimmt. Das war bei der Entwicklungshilfe nicht der Fall. 40 Jahre Afrikahilfe, die sich auf rund 300 Milliarden Dollar beliefen, hatten so gut wie keins der gesetzten Ziele erreicht, ja sogar manche Dinge verschlimmert: vor allem durch die unbeabsichtigte Finanzierung und Verlängerung von Kriegen, die Unterstützung unfähiger und korrupter Regime […] und die Förderung der Abhängigkeit von immer mehr Hilfe. Doch andererseits – wie konnte sich der Westen einfach zurücklehnen […].? (S. 251-252)

Richard Grant ist ein faszinierendes Buch gelungen, dass erheblich zum Verständnis der Region, ihrer Probleme und der Mentalitäten der Menschen in Ostafrika beiträgt. Ihm gelingen sensible, aber auch deutliche Porträts der Menschen, denen er begegnet. So zeigt er Ostafrika in seiner ganzen Widersprüchlichkeit, seiner Farbe, seiner Kraft und auch seinem Elend. Dabei macht der Atheist Grant, der diese seine Überzeugung während der Reise durchaus und aus guten Gründen für sich behält, keinen Heln aus seiner Überzeugung, dass auch überkommene und aus dem Westen übernommene Glaubensvorstellungen ihren Teil zur Situation in der Region beitragen. Stets ist er aber auch wohltuend selbstkritisch, spielt sich niemals als allwissender westlicher Beobachter auf, sondern versucht sich konkret in die Mentalität, die Geschichte und die Prägungen der Region einzufühlen.
Das Buch ist darüber hinaus nicht nur temporeich geschrieben, sondern auch sprachlich ausgesprochen intensiv und ansprechend.In der Verschränkung mit Richard Francis Burton, den er häufig zitiert, wird daraus ein ausgewöhnliches Stück Reiseliteratur mit Reportagecharakter.

4 thoughts on “Meine Bar in Sansibar : durch Ostafrika zu den Quellen des Nil / Richard Grant

    • Lieber Kai,
      Gern geschehen: Grant schafft es, einen für die Gegenwart Afrikas ebenso zu interessieren wie für die Vergangenheit. Und er schärft auch den politischen Blick auf die Region und lässt einige Zweifel über die Sinnhaftigkeit von Entwicklungshilfe aufkommen.
      Liebe Grüsse von
      Jarg

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  1. Wie die meisten National Geographic Bücher hat mich auch dieser Band wie dich fasziniert. Man lernt einiges über die Expeditionsgeschichte und er ist gut geschrieben. Obwohl mich Afrika nicht so interessiert, habe ich das Buch begeistert durchgelesen.
    Liebe Grüße vom kleinen Dorf am großen Meer nach Hamburg
    Klausbernd

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    • Lieber Klausbernd,
      mich interessieren in der Regel auch mehr die Eis- und Sandwüsten dieser Welt. Aber Richard Grant vermag es wirklich, für Afrika in Vergangenheit und Gegenwart zu interessieren. Das macht neugierig auf mehr von ihm – ob über Afrika oder andere Regionen.
      Liebe Grüsse aus dem bewölkten Norden Deutschlands von
      Jarg

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