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Über Schiffsbesuche, Zwillingsnotwendigkeiten und analogen Zauber

Wenn sie klein sind, werden Zwillinge ja gerne zusammen eingeladen. Das verändert sich mit den Jahren insbesondere bei jenen Zwillingen, die sowohl dem Jungs- als auch dem Mädchenuniversum jeweils einen Vertreter zuzuordnen haben: so findet sich ein Zwilling auf einem Geburtstag wieder, während der andere mit Vater oder Mutter daheim bleibt. Nun ist ja nichts unschöner, als wenn ein begeisterter Zwilling von einer rauschenden Geburtstagsparty heimkehrt und der andere außer den üblichen, oft genutzten heimischen Möglichkeiten (Spielplatz, Bücherlesen, Tierpark, Einkaufsnotwendigkeiten) so gar nichts erlebt hat.

Zum Glück bietet Hamburg da einiges an Möglichkeiten. Da ich vor Jahren mit der besten Freundin von allen und mit ihrem (mittlerweile schon studierenden) Sohn die Cap San Diego besuchte und unser Zwillingssohn jetzt ein ähnliches Alter erreicht hat, bot sich der Weg an die Landungsbrücken geradezu an. Per U-Bahn ist das von uns aus leicht gemacht und die Cap San Diego trotz der Baustellen rasch erreicht. Fest vertäut liegt die immer wieder auslaufende Cap San Diego in ihrer yachtartigen Schönheit am Kai als technisches Denkmal einer Zeit, in der man noch elegant anmutende Schiffe baute.

Die Begeisterung ist dementsprechend groß und rasch sind Zwillingssohn und Vater nicht nur am Museumsschiff angekommen, sondern auch audioguidevollverstöpselt (was sich aufgrund vorhandener Ungeduld als überflüssig erweist) und unterwegs: beide durchmessen zügigen Schrittes das Schiff von Bug bis Heck, von der Brücke bis hin zum Maschinenraum. Natürlich gibt es immer wieder Momente, wo innegehalten wird: vor allem dort, wo es Hebel, Schalter, Anzeigeinstrumente und Maschinen zu sehen gibt. Die überwiegende Mehrzahl der Gerätschaften ist noch wunderbar analog: Technik zum Anfassen. Auch das Reisen war damals komplett anders: als Passagier konnten sich die Schiffspassage nach Südamerika nur wenige leisten, die aber dafür an Bord einiges an Komfort genossen bis hin zum Schwimmbad. Heutige Passagierschiffe gleichen ja eher schwimmenden Mietskasernen und haben mit der klassischen Seereise nichts mehr gemein.

Im Funkraum wird uns rasch das Morsen erklärt und mit einiger Großzügigkeit dem auf weitere Entdeckungen erpichten Sohnemann das kleine Funkdiplom ausgestellt, das aufgrund der dreibuchstabigen Namens auf den Morsetasten einigermaßen sauber zu erledigen ist. Zumindest der erste Buchstabe, da die Geräte nach etlichen taktunsicheren Museumsbesuchern wohl nicht mehr so sauber reagieren. Egal. Diplom ist Diplom. Rasch wird der die fototechnischen Leistungen seines Smartphones testende Vater weitergezogen und beide entern die nächste Treppe.

Der Bauch des Schiffes erweist sich natürlich als wahre Augenweide für einen knapp 8jährigen Jungen: übertall Hebel, Schalter, Leitungen, Rundinstrumente, riesige Zylinder, blanke Schraubenmuttern von der Größe eines Babykopfes, Hilfsdiesel, Tanks und Leitern über Leitern, Ölschlieren und Treibstoffgeruch. Dazu kommt noch der enge Wellengang in das Heck des Schiffes, der nach kurzem Zögern und ernsthaften Versicherungen des Vaters, diesen Durchgang bereits erfolgreich überlebt zu haben, ebenfalls in Angriff genommen wird.

Bleibt noch der Frachtraum, dessen Beplankung manchmal unter den Füßen knarzt und den Vater zur verbalen Absonderung kleiner Vorträge über die Geschichte der Seefracht im Allgemeinen und des Stückguttransportes vergangener Zeiten im Beseonderen verleitet nebst eines Exkurses über die Sinnhaftigkeit von Containern.

So ein Schiffsbesuch erschöpft. Zum Glück findet sich rasch im nahen Portugiesenviertel ein passender Italiener mit akzeptablem Eissortiment und ein Hauseingang, auf dessen Treppenstufen sich Zwillingsvatwer und Zwillingssohn ausruhen und beim Zitroneneisessen die zahllosen spätsommerlichen Passanten beobachten können.

Bald ist der Sohn auf eine Geburtstagsparty eingeladen. Die Zwillingstochter hat schon Interesse an einem Schiffsbesuch gezeigt – man darf gespannt sein, welchen Beobachtungsfokus sie setzen wird und mit welchen Fotos der Zwillingsvater dann dilletiert. Hier sind jedenfalls diejenigen restlichen Bilder, die bei dem hier beschriebenen Besuch aufgenommen wurden.

12 thoughts on “Über Schiffsbesuche, Zwillingsnotwendigkeiten und analogen Zauber

  1. Für die Cap San Diego hatten wir bei unserem Besuch in Hamburg [http://tinyurl.com/kmy9ycn] vor etwas mehr als zwei Jahren leider keine Zeit mehr, dafür aber für die Eagle der amerikanischen Küstenwache, die da gerade zu Besuch war. Liebe Grüße aus dem südlichen Texas, Pit

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