Startseite » Bücher » Die Bayou-Trilogie / David Woodrell

Die Bayou-Trilogie / David Woodrell

Immer wieder verschlägt es mich zu Autoren, die sich mit der Kehrseite des amerikanischen Traums auseinandersetzen, darunter Schriftsteller aus dem Umfeld der Southern Gothic (William Gay oder Cormack McCarthy) oder Autoren, die ihre Plots dezidiert im Millieu des ‚American White Trash‘ anlegen, wie etwa Willy Vlautin oder David Woodrell. Zumeist ist in diesen Büchern wenig bis keine Hoffnung, geht es düster und gewalttätig zu unter Protagonisten, die sich ohne Chance auf den gesellschaftlichen Aufstieg durch ein von Beginn an auf schmalen Wegen laufendes Leben kämpfen, stets auf der Suche nach Krümeln vom großen Kuchen. Es sind in der Regel Hinterwäldler, Alkoholiger, Spielernaturen, heruntergekommene „Working Poor“, traurige Figuren, die sich maßlos selbst überschätzen und nicht selten mit einem trotzigen Stolz auf ihre angeblich überlegene Hautfarbe der Karotte nachjagen, die sie nie erwischen werden.

Woodrells Romane „Winters Knochen“ und „Der Tod von Sweet Mister“ waren bereits Thema auf Jargsblog. In der hier vorgestellten Bayou-Trilogie, auf die ich in der Onleihe der öffentlichen Bibliotheken gestoßen bin, sind drei bereits in den 90ern auf Deutsch erschienene Romane versammelt, die sich mehr oder weniger um den aus niedriger sozialer Schichte stammenden Polizisten Rene Shade drehen und von Woodrell als Country-Noir-Krimis bezeichnet wurden.

In „Cajun Blues“ (Orig.: Under the Bright Lights) wird ein in der Lokalpoitik engagierter Farbiger ermordet. Shade vermutet hinter dem Mord mehr als den rasch als Täter identifizierten, sich selbst maßlos überschätzenden Gewalttäter und Möchtegern-Gangster Jebb Cobb und sorgt bald für Unruhe bis in höhere Kreise, bis es in den Sümpfen zum Showdown kommt.

Rene Shade ist es auch, der in „Zoff für die Bosse“ (Orig.: Muscle for the Wing) einen fatalen Fehler begeht und seine Existenz gefährdet: als drei Ex-Häftlinge als Teil einer neuen Gang namens „The Wing“ anfangen, illegale Soielhallen auszurauben und dabein Mensch ums leben kommt, lässt er sich von seinem Jugendfreund, dem zwielichtigen Shuggie, bei der Suche nach den Hintergründen helfen und gerät dabei selbst auf ausgesprochen dünnes Eis.

Schliesslich taucht in „John X (Orig.: The Ones You Do) der vor langer Zeit abgehauene Vater von Shade und seinen beiden Brüdern auf: sichtlich gealtert, alkoholkrank und in Begleitung seiner pubertierenden Tochter versucht der früher für sein Billiardspiel gerühmte John X, an die alten Zeiten anzuknüpfen. Dummerweise hat er Geld mitgehen lassen, dass ihm nicht gehört: schon bald ist der skrupellose Lunch ihm auf den Versen und es steht zu befürchten, dass er ihn finden wird.

Woodrell setzt den Fokus in den ersten beiden Geschichten klar auf Rene Shade, während er im dritten Teil John X in die Mitte der Handlung stellt. Die Familiengeschichte der Shades mit ihren drei unterschiedliche Wege einschlagenden Söhnen zeigt dabei die ganze Bandbreite möglicher Wege in und aus einem sozal schwachen, zu gewalt, Alkohol, Spiel und Drogen neigenden Milleu: Rene Shade, der knappp am Straßengangstertum vorbeigeschramte Polizist, sein Bruder Ted mit seiner zwielichtigen Spelunke und Francois, der Staatsanwalt, der sich am deutlichsten von seiner Kerkunft entfernt hat und ihr doch nicht entfliehen kann.

Die Geschichten entführen uns nach Louisiana ins fiktive St. Bruno, in den tiefen Süden der USA, wo ganze Stadtviertel seit Jahrzehnten vom Niedergang geprägt sind, sich die Menschen eingerichtet haben in einer Welt aus Drogen, Gewalt und Spielsucht, wo das wenige, was man hat, schon bald die Begehrlichkeiten eines anderen weckt und nur eine Minderheit sich ihre Integrität erhalten kann. Woodrell setzt seine Protagonisten der Hitze und den undurchdringlichen Sümpfen, den gleichgültigen heruntergekommenen Stadtvierteln aus, der Gewalt, dem Exzess und zeigt, wie brutal Menschen zu ihrem eigenen Vortil sein können. Dennoch zeigt er in all der Düsternis, all dem Elend auch Elemente der Hoffnung, zum teil berkörpert in Handlungselementen und Motivationen, zum Teil fokussiert in Nebenrollen wie Shades Freundin Nathalie oder seiner Halbschwester Etta.

Die Krimielemente treten dabei in den Hintergrund: weder bekommt jeder Täter das, was er verdient, noch ist Gerechtigkeit in allen Ebenen zu erwarten. Deutlich wird, welche emotionalen und sozialen Defizite hier über Jahrzehnte gewachsen und im fortwährenden, für die meisten aussichtlosen Kampf um ein kleines Stück vom „American Dream“ weiter verschärft werden. In reduzierter, verknappter und teilweise slangartiger Sprache erzählt Woodrell seine Geschichte und schlägt dabei in allen drei Teilen einen geschickten Spannungsbogen mit unerwarteten Volten, der die Hoffnungen des Leser auf eine guten Ausgang aller Handlungsstränge zumeist enttäuscht und doch das Licht der Hoffnung nie ganz ausgehen lässt.

9 thoughts on “Die Bayou-Trilogie / David Woodrell

  1. In letzter Zeit zieht es auch mich immer häufiger zu rauer Literatur. Woodrells Winters Knochen habe ich sehr gerne gelesen, außerdem Pollocks Knockemstiff, das ebenfalls im Liebeskind Verlag erschienen ist; von beiden will ich demnächst noch mehr lesen. Auch das Genre des Noir entdecke ich immer mehr für mich. Sallis‘ Driver liegt bereit zur Lektüre (geht doch auch in die Richtung, oder?), ich freue mich schon auf tolle Entdeckunge. Merci für diesen Tipp, auf die Trilogie bin ich bisher nicht aufmerksam geworden, sie wandert sofort auf meine Leseliste. LG caterina

    Gefällt mir

    • Liebe Caterina,
      gern geschehen. In dem Genre liegen wirklich einige literarische Perlen verborgen. Pollock kenne ich noch nicht, habe aber den von Dir genannten Titel in der Onleihe entdeckt: da merke ich doch rasch mal vor und weiss dann schon, was ich ab dem 25.11 auf meinem Kobo lesen werde. Und auf Sallis Driver klicke ich auch mal rasch und … zack, die Lektüre für die Zugfahrt morgen ist auch gesichtert. Danke!! Büchertipps von anderen Bücherbloggern sind doch immer wieder das Beste am Bloggen …!!😉
      Kennst Du „Winter in Maine“ von Gerard Donovan? Und die Bücher von William Gay?
      Liebe Grüsse von
      Jarg

      Gefällt mir

      • Sallis habe ich ehrlich gesagt selbst noch nicht gelesen, aber es wurde mir mittlerweile schon von so vielen Seiten empfohlen, dass es nur gut sein kann. Vom Setting her ist es – glaube ich – nicht unbedingt vergleichbar mit Woodrell oder auch Pollock, aber es ist eben ein Beispiel von dieser rauen amerikanischen Literatur, die sich an der Grenze zum Krimi/Noir bewegt.

        Dir wiederum danke für den Hinweis fu Donovan und W. Gay, die ich beide noch nicht kenne. Ich stöbere gleich mal🙂.

        Herzlich,
        caterina

        Gefällt mir

      • Liebe Caterina,
        Klasse, jetzt sind wir beide um Lesetipps bereichert. So schön können Kommentare sein. Danke und eine dauerhafte Restwoche!
        Jargon

        Gefällt mir

      • Ah, Downloadverwirrung. Lese „Driver“ von Alles als E-Book … Pollock kommt Ende November dran … Multitasking ist echt nix für mich😉

        Gefällt mir

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s