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Wenn ich Dich umarme, hab keine Angst : eine wahre Geschichte / Fulvio Ervas

Die ganze Welt dringt ungehindert in Andrea ein, wie ein bergab rollender Stein, wie eine Lawine. Andrea hat keine Abwehr, keine Barriere, er saugt alles auf wie ein Schwamm, und man braucht ihn nur anzuschauen, um zu verstehen, dass er ein ganz eigenes, inniges verhältnis zur Realtiät hat. Wenn er spricht, drückt er sich zusammenhanglos mit abgehackten Worten aus: „daheim“, „unterwegs“, „das grüne“. Seine Antworten klingen mechanisch, sie nehmen einen Teil der Frage wieder auf.
Was er durchsickern lässt, ist ein Konzentrat. Er ist ein Alchemist, der Worte destilliert. Man muss nur lernen, sie zu hören. (S. 21)

Als Francos Sohn Andrea drei Jahre alt ist, ändert sich für die Eltern alles: denn bei Andrea wird Autismus diagnostiziert. Für die Eltern ein Schock, der große Unsicherheiten auslöst, wie man am besten mit dem Kind umgeht, und auch eine Kette verschiedener, weitestgehend erfolgloser therapeutischer und medizinscher Ansätze zur Folge hat, um Andrea auf seinem Weg zu helfen.

Der Hausarzt bringt es es auf den Punkt: „Das Leben ist unvollkommen, aber es hat seine eigene Kraft“ (S. 14). Andreas Kindheit verläuft anders, als es sich seine Eltern vorgestellt haben: er geht zur Schule, wird siebzehn Jahre alt, kommuniziert am ehesten über den Computer und malt leidenschaftlich Biolder mit buchstäblich allem, was ihm in die Finger kommt. Für Franco ist klar, dass eine von Autisten regierte Welt komplett anders aussehen würde: die Wochen hätten Farben, nach denen sich auch das Angebot der Geschäfte zu richten hätte, Reißverschlüsse wären entweder auf oder zu, Flaschen leer oder voll, Heizungen bis zum Anschlag aufgedreht oder abgestellt und Pizzen und ihr Belag würden nach einer genau festgelegten Reihenfolge verzehrt.

Andrea geht allein zur Schule – zum Befremden aller anderen Eltern: so erfährt er ein Stück Freiheit, dass er ebenso dringend braucht wie den Halt in festen, zum Teil von ihm selbst bestimmten Strukturen, Anordnungen, Ritualen: dazu gehört das Umarmen auch von Fremden, gehört bald ein T-Shirt mit der Aufschrift „Wenn ich Dich umarme, hab keine Angst“.

Wenn ich Andrea in den Pausen in der Schule besuchte, fand ich ihn in einer Ecke des Hofes. Immer in derselben Ecke, immer allein, fuchtelte er mit den Armen herum und hüpfte auf zehenspitzen. Mit seinem Popcorn, seinen Mandarinen oder einem Päckchen Grissini. Die Lehrer erzählten mit eifrig, ob es ein guter oder schlechter Vormittag gewesen war. Ich hörte zu, daoch abgesehen vom jeweiligen Tagesverlauf verletzte es mich, Andrea so zu sehen. Zu wissen, dass die anderen eine Gruppe bildeten und er nicht dazugehörte […]. Anderssein wird sei je bestraft, wenn nicht per Gesetz, dann aus alter Gewohnheit. So läuft es, so bitter es klingt. (S. 244)

Nach einem Zwischenfall mit Andrea, der in einem wie seit langem aufgestauten Schrei endet, liegt Franco lange wach. Und plötzlich ist er da, dieser Gedanke zu reisen, und er holt die Weltkarte hervor. Jene Weltkarte, die schon am nächsten Morgen fein säuberlich in winzige Schnipsel zerteilt unter dem Stuhl des Arbeitszimmers liegt. Die Ferien stehen bevor, und entgegen dem üblichen Verlauf beginnt Franco sich mit dem Gedanken einer großen Reise zusammen mit Andrea vertraut zu machen. Schnell fällt die Entscheidung, die bei vielen auf große Zweifel stösst. Doch Franco und auch Andrea sind bereits, und es geht los, „die blaue Raupe suchen“, es geht los nach Amerika.

In Key West beginnen sie ihre Fahrt quer über den nordamerikanischen Kontinent, begegnen fantatischen Landschaften, großen Städten, kleinen Provinznestern. Auch hier bleibt Andrea seinem Wesen treu, räumt auf seine Weise auf, wo er Unordnung vermutet, nimmt Menschen spontan in den Arm, fasst sie an den Bauch, „um zu erkennen wer bei mir ist“, und ist manchmal plötzlich verschwunden, um auf seinen eigentümlichen Wegen wieder aufzutauchen. Nicht selten löst er Verwirrung auf, oft wohlmeinende Heiterkeit und Offenheit. Selbst Situationen, in denen Andreas Verhalten Mißverständnisse mit zunächst ernsthaft scheinenden Folgen auslöst, lösen sich in der Regeln bald auf, führen zu neuen Kontakten, neuen Begegnungen mit Menschen unterschiedlichster Art.

Vater und Sohn aber scheinen nicht nur durch Landschaften zu reisen, sondern auch aufeinander zu. Intensiv, offen und ehrlich reflektiert Franco über die Reise, aber auch über Andrea und seine Welt und ihr Verhältnis als Vater und Sohn: seine Ärger, seine Wut in manchen Momenten kommen ebenso zur Sprache wie seine Ängste und Hoffnungen als Vater, seine Liebe zu Andrea, den er irgendwann – spätestens mit dem eigenen Tod – wird loslassen müssen.

Sosehr ich auch fluche, ich liebe ihn. Ich weiß nicht, woraus diese Liebe besteht. Ich glaube, dass es Eltern nie leicht fällt, diese Frage zu beantworten. Manchmal ist die Liebe wie verschüttet. Manchmal ist sie einfach da. Manchmal ist sie nichts anderes als Eigenliebe. Manchmal ist sie das Gefühl, dass das Leben durch dich hindurchgeht: Es kommt zu dir, du nimmst es in Empfang und gibst es an jemanden weiter. (S. 262)

Dabei begegnen sie immer wieder Menschen, die auf die eine oder andere Weise Einfluss auf ihren Reiseweg nehnem. Schliesslich reisen sie bis zu einem Freund Francos nach Mexiko und von dort aus aufgrund der absurd scheinenden Bitte, einen Brief zu überbringen, per Schiff, Bus, Flugzeug, Mietwagen und erneut per Motorrad bis in den äußersten Westen Brasilien: natürlich ist der Brief längst in kleinste Schnipsel zerlegt, als sie dort ankommen. Es ist das Ende der Reise und doch im gewissen Sinne auch eine Wendepunkt, lässt Franco doch seinen Sohn auf eine Weise frei sein, die er eigentlich nicht für möglich gehalten hätte. Beide kommen verändert und bereichert heim, intensiver verbunden als zuvor.

Wir gleiten zwischen zwei Flüssen dahin, die sich berühren, ohne je ihr Wasser zu vermischen, der eine klar und durchsichtig, der andere trüb und düster. Ich stelle mir vor, dass es Wassertiere gibt, die hin und her schnellen, ich ahne das leise dumpfe Schlagen der Flossen in der dunklen Tiefe und die munteren Zickzackbewegungen im Hellen. Wie Andreas Welten. Ich starre ins Wasser, und mich schaudert. (S. 240)

Die Geschichte von Franco und seinem Sohn Andrea und ihrer Reise durch Amerika war in Italien ein Bestseller und verdient es auch hierzulande. Fluvio Ervas erzählt ihre Geschichte nach intensiven Gesprächen mit Franco mit großer Sensibilität und lässt uns auch der Ich-Perspektive intensiv an der Reise, aber auch an den Gedanken udn gefühlen Francos teilhaben. Das Buch ist dabei von großer Offenheit und Ehrlichkeit, dabei aber frei von unbegründeten, irrealen Hoffnungen oder Selbstmitleid. Tief berührt ertappt man sich dabei, dass es einen zuweilen zu Tränen rührt, um im nächsten Moment mit seiner Ernsthaftigkeit oder seinem feinen Humor einen nicht minder tiefen Eindruck zu hinterlassen. Der Vater eines autistischen Jungen ist gezwungen, die Welt mit anderen Augen zu betrachten, um seinen Sohn besser verstehen zu können. Man ahnt bei der Lektüre des Buches, das der Blick auf die Welt aus den Augen eines autistischen Menschen ein komplett anderer ist als der unsere, die Welt aber ärmer wäre, wenn es diesen Blick nicht gäbe.

Fulvio Ervas findet feine Worte für das, was Franco und Andrea erleben und macht den in der Ich-Form erzählten Reisebericht zu einem intiment, doch nie respektlosen oder kitschigen Einblick in die Welt eines Vaters, der sein Kind ungeschützt der Welt ausgesetzt sieht, wenig tun kann, dies zu ändern und doch vielleicht mit dieser mutigen Reise mehr erreicht hat für seinen Sohn und sich als mit allen Therapien und dem Behütetsein im Alltag.

„Wenn ich Dich umarme, hab keine Angst“ ist sicher kein Ratgeber und auch kein Sachbuch, um mehr über Autismus zu erfahren. Aber es erlaubt einen Blick in die Erlebnisse eines Vaters, der seinen autistischen Jungen über alles liebt, und in die Erlebniswelt des Jungen selbst, die anders, aber nicht weniger reich zu sein scheint als die sogenannter „normaler“ Menschen. Ganz sicher es es aber ein Buch, das in die enge Auswahl für „Jargsblogs beste 2013“ kommen wird – und ein Buch, desser Lektüre ich jedem, der Reise- und Erlebnisberichte der besonderen Art schätzt, nur wärmstens ans Herz legen kann.

23 thoughts on “Wenn ich Dich umarme, hab keine Angst : eine wahre Geschichte / Fulvio Ervas

  1. Pingback: [Rezension]: Fulvio Evras – Wenn ich dich umarme, habe keine Angst – Lesen macht glücklich

    • Liebe Mara,
      gern geschehen. Es freut mich, dass die Besprechung neugierig gemacht hat – und ich wünsche Dir ein intensives, nachhaltig wirkendes Vorleseerlebnis!
      Liebe Grüsse von
      Jarg

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    • Liebe Peggy,
      vielen Dank für Deinen Kommentar. Es freut mich, dass die Rezension Dich anspricht. Das Buch vermag einen innerlich zu bewegen, ohne jemals in Kitsch oder Platitüde abzugleiten.
      Auch Dir einen schönen Wochenstart, der hier im Norden recht sonnig ausfällt.
      Liebe Grüsse von
      Jarg

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  2. Mein lieber Jarg,
    ich glaube, etwas berührenderes hast Du hier noch nicht geschrieben. Wunderbar. Wenn ich darf, würde ich das gerne bei mir reinlöffeln – hm, das war wieder der fatale Worterfindungsautomat, aber irgendwie passt es ja…
    Liebe Grüsse, Kai

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  3. Was für eine wahnsinnig schöne Vorstellung dieses Buchs – vielen Dank. Ich hatte schon ein paar Mal etwas über die beiden gelesen, trotzdem war mir irgendwie entgangen, dass es ein Buch gibt, das die Geschichte der beiden erzählt. Klingt großartig.

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  4. Reblogged this on leidenschaftlichwidersynnig and commented:
    Heute nur ein Hinweis auf eine tolle Buchbeschreibung.
    Eltern von Kindern, die die Welt anders erleben als andere lernen fast immer auch diesen anderen Blick, zumindest ein wenig.
    Das entschädigt auf wunderbare Weise für den ganten Stress und Ärger mit der Normalo-Welt, nimmt aber leider nicht die Sorge und Verletztheit.
    Kommt auf die lange Winterabende-Leseliste.

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  5. Hallo Jarg,
    sehr schöne Empfehlung. Habe von den beiden auch schon einige Zeitungsberichte gelesen und war sehr beeindruckt, wie der Vater sich versucht einzufühlen ohne sich dabei an die gängien Konventionen zu halten.
    VG, Angela

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