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Frauen und Kinder zuerst : die gefährlichsten Reisen der Welt! / Carl Hoffman. Übersetzt von Ingo Wagener

In jenem Augenblick befand ich mich nirgendwo und doch überall, allein und fremd, verunsichert in einem Strom nicht enden wollender Bewegung. Das hier war Reisen in seiner unwirtlichsten Form, es legte alles bloß und entledigte mich meiner letzten Gefühle von Angst und Unsicherheit. Wenn man reist, glaubt man, sein altes Selbst hinter sich lassen zu können. Aber Hunger, Erschöpfung und die körperlichen Unannehmlichkeiten, die das Leben auf einem Bussitz mit sich bringen, dienen dazu, sein wahres Ich zu erleben – vor sich selber kann man sich nicht verstecken.“ (S. 55)

Wenn man an das Reisen denkt, denkt man an Touristen in mehr oder weniger bequemen Flugzeugen, in Busse, Autos oder Schiffen, die zu touristisch interessanten Orten gefahren werden oder in ihr Standhotel. Vielleicht noch an Geschäftsreisende in der Businessclass. Manchmal liest man etwas über den Untergang einer Fähre in Bangla-Desh oder den Absturz eines heruntergekommenen Flugzeuges in Südamerika oder waghalsig überladene Minibusse in Afrika und verbucht das ganze als exotisch: gefährlich klingt es, aber es betrifft uns nicht.

Was man sich meistens klar macht ist die Tatsache, dass ein Großteil der Menschheit nicht in sicheren Verkehrsmitteln reist, weil es keine anderen Möglichkeiten gibt. Entweder ist das sichrere, gut gewartete und von gut ausgebildeten Menschen bewegte Verkehrsmittel zu teuer – oder es ist schlichtweg in dieser Region nicht verfügbar.

Der amerikanische Reisejournalist Carl Hoffman (National Geographic Traveler und Wired) macht sich auf die Reise um die Welt in den gefährlichsten Verkehrsmitteln. Er besteigt marode Flugzeuge, komplett überladene Fähren, waghalsig gefahrene Minibusse, bei denen die Fahrgäste auch auf dem Dach sitzen. Er fährt in Indien in überfüllten Zügen, in denen täglich Reisende zerquetscht werden aufgrund der schieren Masse an Fahrgästen. Er überquert ohne genauen Reiseplan über abenteuerlich-abgründige Strecken die Anden, stets in der Hoffnung aiuf irgendeine Anschlussmöglichkeit in dem Kaff, in dem der Bus endet. In Afghanistan kleidet er sich landestypisch und quert Gebiete, die von Taliban und Warlords beherrscht werden.

Die Ratschläge reisekundiger Einheimischer, dieses oder jenes Verkehrsmittel auf gar keinen Fall zu nehmen, schlägt er stets in den Wind, ja nimmt sie als Anregung, jenen wackeligen Kahn, diesen verrosteten Bus auf jeden Fall zu besteigen. Dabei kann man Hoffman keine Sensationslust vorwerfen: er begegnet auf seiner Reise einer Vielzahl von Menschen, die sich zum Teil täglich auf für uns unvorstellbar unbequeme, unsichere, langsame und dreckige Verkehrsmittel einlassen, weil sie darauf angewiesen sind und keine andere Möglichkeit haben: die Begegnungen mit diesen Mensche, ihren Geschichten und Lebenshaltungen gehören auf jeden Fall zu dem, was dieses Buch so lesenswert macht: da ist der streng gläubige Senegalese, der Hoffmans Aussage, Atheist zu sein, und nach einigen Fragen zur Freiheit Homosexueller in den USA sagt, dass alle Menschen so leben sollen können, wie sie möchten ; da ist der Schuhputzer in Bangladesh, der mit Hingabe einen blockierenden Reißverschluß repariert, den man hier im Westen sofort samt anhängendem Kleidungsstück in den Müll werfen würde. Hoffman zeigt Respekt vor den Menschen, die er trifft, auch wenn seine Erschöpfung nach Tagen entbehrungsreicher Reisen ohne Dusche, ohne Bett, ohne richigen Schlaf ihn manchmal auch genervt sein lassen für die Form des Reisens, der er sich ausgesetzt hat.

Dabei begegnet er, der sich über viele Jahre als reisender Journalist, der auch Krisengebiete kennt, von seiner Familie entfernt hat, bei dieser extremen Reise auch sich selbst. Er entdeckt, dass er auch als Journalist in Kriegs- und Krisengebieten nie wirklich der Lebensrealität der Menschen nahegekommen ist, leben doch auch Journalisten oft in geschützten Enklaven wie etwa in Afghanistan. Wohin er auch kommt: er begegnet großzügigen, hilfsbereiten Menschen, die oft selbst kaum etwas besitzen, erstaunlichen, zum Teil erschütternden Lebensgeschichten und erlebt immer wieder, welches Unbill Menschen in Kauf nehmen, um sich und die ihren durchzubringen und ihr kleines Stück vom Glück zu bekommen. Unverkennbar bewundert er sowohl die Reisenden als auch die Fahrer, Kapitäne und Piloten, die sich diesen Reisen aussetzen und dabei nicht selten eine im Vergleich mit westlichen Verhältnissen erstaunlich hohe Flexibilität und Geduld zeigen.
Dabei widerfahren ihm immer wieder kuriose Missverständnisse, zum Teil kulturell bedingter Art, und absurde Situationen, deren Schilderung ihm auf humorvolle Art gelingen, ohne jemanden in die Pfanne zu hauen, und dem Buch zum Teil eine sehr komische Note verleiht.

Dabei erliegt er niemals humoreskem Eskapismus oder der romantischer Beschönigung: er zeigt auch die Fakten, berichtet über die tatsächlichen Risiken und Gefahren, beschönigt nichts und versucht zum Teil auch, den ermittelnden Fakten in den entsprechenden Behörden und Unternehmen nachzugehen, um mehr zu erfahren.

Aber seine Erfahrungen gehen am Ende, nach fast einem halben Jahr der Reise, weiter und tiefer: Hoffman entdeckt, dass er all die Jahre mit seinen beruflichen Reisen stets auch auf der Flucht war:

Als junger Man war ich den Möglichkeiten und Chancen hinterhergelaufen, dem Lockruf von Karriere und Abenteuer gefolgt. Es hatte keine andere Wahl für mich gegeben. Erst später, als ich Erfolg gehabt und den Preis dafür gezahlt hatte, musste ich zugeben, dass mich mein Werdegang teuer zu stehen kam. (S. 255)

So wird diese Reise, wie alle guten Reisen, auch zu einer Reise zu sich selbst. Für den geneigten Leser bleibt die Begnung mit einer fernen Welt des Reisens, die wir gegebenenfalls nur aus den Schlagzeilen schwerer Unglücke kennen, und mit Menschen, deren Lebenshorizont sich unserer Wahrnehmung meistens komplett entzieht. Die Lektüre dieses überaus humorvollen, an menschlichen Erfahrungen, Geschichten und Begegnungen reichen Buches kann man jedem, der an Reisen mehr schätzt als das bloße Da-Sein an exotischen Orten oder in abgeschotteten strandnahen Entspannungszentren, sehr ans Herz gelegt werden.

8 thoughts on “Frauen und Kinder zuerst : die gefährlichsten Reisen der Welt! / Carl Hoffman. Übersetzt von Ingo Wagener

  1. Zum einen ist natürlich erschreckend, unter welchen Umständen manche Menschen gezwungen sind, von einem Ort zum anderen zu reisen. Auf der anderen Seite faszinierte mich an dem Buch aber auch, wie sich der Autor während seiner Reise verändert hat bzw. wie er die Menschen seiner Heimat nach seiner Rückkehr gesehen hat.

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  2. Klingt spannend. Ich war ja selbst ein wenig unterwegs, per Anhalter ins Blaue, als ich keine richtige Verantwortung hatte. Da lernt man auf jeden Fall, die Prioritäten anders zu setzen. Heute bin ich dank Kind und Kegel eher auf gründliche Planung abonniert.
    Wenn du übrigens auf Reiseberichte stehst, gibt es ein aberwitziges neues Buch von einem brasilianischen Autor, der aber irgendwie ein verdrehtes Deutsch schreibt. Ich habe es gerade angefangen, aber es fällt völlig aus dem Rahmen dessen, was ich bis jetzt gelesen habe. Falls du das besprechen willst, es heißt „Per Anhalter durch die Brasilianische Galaxis

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    • Hallo Hannes,
      ja, ohne Planung geht bei uns auch nichts mehr. Früher bin ich halt auch immer allein los mit Zelt und wusste morgens noch nicht so genau, wohin mich meine Füsse abends getragen haben werden.
      Irgendwo bin ich dem Namen Zé do Rock schon begegnet und werde Deine Empfehlung zum Anlass nehmen, mal nach einer Quelle für das Buch Ausschau zu halten. Danke für den Tipp.
      Herzlich grüsst
      Jarg

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    • Unbedingt!
      Ich bin ja Bahn-Vielfahrer und meistens recht gelassen, was Störungen betrifft. Nach der Lektüre dieses Buches kann man manche, die mit hochrotem Kopf den unschuldigen Schaffner verbal einkürzen, weil sie ihren Anschluss verpassen, auch im Ansatz nicht mehr verstehen. Gemessen an den Reisen, die Hoffman schildert, ist es bei uns extrem zuverlässig, ungefährlich und stressfrei – zumindest mit der Bahn und dem ÖPNV.

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