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Irrtum Unser! oder Wie Glaube verstockt macht / Peter Henkel

Wenn es um Zeus, Apollo, Ra, Wotan, das Goldene Kalb oder das Fliegende Spaghettimonster geht, sind Sie doch auch ein Atheist. Ich setze eben nur einen weiteren Gott auf die Liste. (Richard Dawkins. Zitiert nach: Irrtum unser!, S. 174)

Peter Henkel fiel bereits mit dem scharfsinnigen Ach, der Himmel ist leer – Lauter gute Gründe gegen Gott und Glauben ausgeprochen positiv auf, in dem er fundiert die Gottesfrage diskutiert und schlüssig nachweist, dass auch ohne Gott und Religion moralisches, sinnhaftes Leben in eben diesem einen, endlichen Leben möglich und lebenswert ist, ohne auf eine jenseitige Erlösung hoffen zu müssen.

Ohne Gottesglauben ist die Welt bitter. Mit Gottesglauben ist die Welt bitter und absurd. (Johannes Kahl, a.a.O. S 7)

„Irrtum unser!: Wie Glaube verstockt macht“ diskutiert auf hohem Niveau die Verweigerungshaltung von vielen Gläubigen, über Glauben und Glaubensbegründungen jedweder Art ernsthaft zu diskutieren und ihrer oft genug belegten Absurdität fundierte Argumente entgegenzustellen: statt über die Begründungen von Glaubensrichtungen und Religionen den ergebnissoffenen Diskurs zu führen, verweigern insbesondere Amtsträger diese Diskussion. Leicht gemacht wird es ihnen durch das richtige, aber oft mißverstandene Toleranzgebot bezüglich Glauben und Weltanschauung, das zwar richtigerweisen jedem die Religions- und Glaubensfreiheit zugesteht, aber oft so interpretiert wird, dass über die Inhalte oder Begründungen jedweder Glaubensrichtungen und Weltanschauungen nicht diskutiert werden kann, weil ja „jeder nach seiner Facon selig werden“ darf. Gerne wird dann Atheisten vorgeworfen, sie würden „missionarisch“ diskutieren wollen, weil sie Glauben und seine argumentativen Grundlagen grundsätzlich infrage stellen. Dabei werden aber die Missionsbetrebungen von Glaubensgemeinsschaften mit ihren historisch und gegenwärtig fatalen Auswirkungen ebenso komplett ausgeblendet wie das gerne unter seinergleichen wiederholte Diktum, Atheisten würden dann ja in die Hölle kommen.

Henkel zeigt auf, wie absurd die Glaubensbegründungen besonders im Christentum sind, wie wenig belegt und wie widersprüchlich. Moderne Auslegungen von studierten Theologen blenden oft aus, was problematisch ist, verstricken sich in Widersprüche oder irren wie Ex-Papst Ratzinger „im Semantischen“ [umher], um am Ende alles in einen Topf zu werfen. Deutlich macht der Autor, auf welch niedrigem Diskursniveau religiös geprägte Erwiderungen auf den sogenannten Neuen Atheismus, auf Bücher wie „Gotteswahn“ von Richard Dawkins und anderen stehen: da wird nicht wirklich auf die vorgetragenen, gut belegten Argumente eingegangen und der Versuch gemacht, sie zu widerlegen.

Stattdessen wird diffamiert, versteigt man sich im hochtheologischen Geschwurbel, unterstellt Atheisten global ein kaltes, auf das sachlich-nüchterne reduziertes Weltbild. Zeitgleich wirft man Atheisten vor, es sich mit ihren Argumenten zu einfach zu machen: Glauben sei komplexer. Selbst studierte Theologen sind aber, so Henkel, als intelligente, wissenschaftlich geschulte Menschen kaum in der Lage, die Begründungen ihrer Religion einfac, verständlich, widerspruchsfrei und logisch darzulegen. Da wird dann auf das Mysterium des Glaubens abgehoben, das man halt nicht erklären könne. Henkel beklagt, dass selbst hochintelligente, studierte und wissenschaftlich geschulte Gläubige und religiöse Amtsträger in ihren Argumentationen den Eindruck von Rationalität und Wissenschaftlichkeit zu erwecken versuchen – bei genauem Hinsehen jedoch sich in ihren Argumenten verstricken oder geschickte Nebelkerzen werfen, die von den dünnen eigenen Argumenten ablenken sollen mit der Intention, den Schwarzen Peter dem Atheisten zuzuschieben:

Hans Küng, Papst Benedikt, die allseits beliebte Marion Kässmann: Henkel zeigt ihre Ausweichmanöver, ihre Schwärmereien, begrifflichen Unklarheiten und offen zutage tretenden Widersprüche, aber auch ihre in gesalbte, zum Teil extrem kitschige Worte gepackten Attacken gegen die Vernunft. Sehr schön zeigt er die fadenscheinigen Belege auf, die der Astrologie wie dem Glauben eigen sind und plädiert entschieden dafür, offen absuride Begründungen und scheinrationale Argumente für den Glauben anzusprechen. Auch Glauben stehe nicht außerhalb des gesellschaftlichen Diskurses und darf sich durchaus nach der Stichhaltigkeit seiner Begründungsargumente befragen lassen. Eben dort aber versagt das Bodenpersonal Gottes komplett:

Vor allem aber: So lange werden immer neue girlandenartige fromme Beschwörungsformeln ersonnen, so lange wird mit rauschhaft eskalierender Rhetorik der Anschein von Rationalität zu erwecken versucht, dass der geneigte Leser um so verwunderter ist, wenn die eine oder andere Stelle von fern den Argwohn weckt, dieser Hans Küng traue in Wahrheit der Statik seines hoch aufragenden Glaubensgebäudes schon längst selber nicht mehr so recht. (a.a.O., S. 141).

Dabei argumentiert Henkel stets bei aller analysierenden Schärfe fair und mit Augenmaß. Er gesteht in Religionen durchaus die Rolle zu, die ihnen in der Vergangenheit zukam: damals fehlten die Mittel, sich die Welt und ihre Entstehung zu erklären, geschweige denn wissenschaftlich seriös an diese Fragen heranzugehen und so Antworten auf die Fragen der Menschen zu finden. Damals kam Religionen durchaus eine welterklärende und die Menschen verbindene soziokulturelle Rolle zu. Henkel bestreitet auch nicht, dass Religionen zum Teil auch heute noch diese kulturelle Bedeutung haben. Er bestreitet aber, dass sie notwendig ist oder dem Mensch „innewohnt“ als quasi genetisch disponierte religiöse Sehnsucht:

Eine noch so kleine gottlose Minderheit belegt aber, sass de Mensch keineswegs dazu verurteilt ist, religiös zu sein; zumindest aber, dass er die Möglichkeit hat, seine religiösen Bedürfnisse, wenn er sie denn verspürte, kraft besserer Einsicht zu überwinden; dass er im religiösen Angebot die Bestechungskomponente erkennen und biblisch gesprochen, sich weigern kann, für das Linsengericht eines trügerischen Glaubens seine Selbstachtung herzugeben (a.a.O., S. 32).

Es wird noch lange dauern, bis der Mensch in der Lage ist, frei den Dialog auch über religlöse Weltanschauungen und ihre zum überwiegenden Teil hanebüchenen Begründungen zu führen. Von einer Welt, in der wir einander endlich als Menschen begegnen, frei und ohne Denkblockaden ganz zu schweigen. Obwohl atheistische Überzeugungen weltweit zunehmen, sieht Henkel eine religionsfreie Gesellschaft noch in weiter Ferne und gesteht Religionen bei aller Kritik durchaus eine stabilisierende Wirkung für weite Teile der Menschheit zu, deren plötzlicher Wegfall destabilisierend wirken könnte.

So bleibt nur, dieses scharfsinnige, den Diskurs um Religion und Vernunft befördernde Buch allen Zweiflern, diskursfreudigen Gottlosen und – ja! – Gläubigen – zu empfehlen und mit Gottfried Keller zu enden:

Anders der […] Dichter Gottfried Keller, nach einer Begegnung mit dem Atheisten Ludwig Feuerbach:
‚Wie trivial erscheint mir gegenwärtig die Meinung, daß mit dem Aufgeben der sogenannten religiösen Ideen alle Poesie und erhöhte Stimmung aus der Welt verschwindet. Im gegenteil“ Die Welt ist mir unendlich schöner und tiefer geworden, das Leben wertvoller und intensiver, der Tod ernster, bedenklicher und fordert mich nun erst mit aller Macht auf, meine Aufgabe zu erfüllem und mein Bewußtsein zu reinigen und zu befriedigen, da ich keine Aussicht habe, das Versäumte in irgendeinem Winkel der Welt nachzuholen‘. (zitiert nach: a.a.O., S. 199)

16 thoughts on “Irrtum Unser! oder Wie Glaube verstockt macht / Peter Henkel

  1. Pingback: Kirche heute, 2. November 2013 | Christliche Leidkultur

  2. Lieber Jarg,
    eine geradezu mitreissende Besprechung eines Buches ist Dir da mal wieder gelungen, dessen Inhalt ich nur vollkommen zustimmen kann. Dennoch muss ich gestehen – nach langen, zwangsweise (und auch familiär bedingten, wg Priester in der Familie) intensiven Auseinandersetzungen und Diskussionen mit dem Thema, dass ich mir das Buch zwar notiert habe, aber wohl so schnell nicht lesen werde. Ich musste einfach immer wieder feststellen, dass man am Ende beim gläubigen Gegenüber auf einen irrationalen Kern trifft (der jedem Menschen vermutlich innewohnt), der einer Art stahlarmierter Betonwand gleicht. Und zwar passiert das immer an dem Punkt, an dem die (rationalen) Argumente des gläubigen Gegenübers ausgehen. Und das geht ja häufig recht schnell. Ich bin dessen inzwischen einfach müde und vermeide solche Diskussionen immer öfter, insbesondere, weil an diesem Punkt sehr häufig bei Menschen, die man eigentlich als diskussions- und argumentationsfreudige, offene kennt, ganz schnell die Rolladen runtergehen und sich eine erschreckende Intoleranz einstellt, die man so nicht vermutet hätte. Dabei möchte ich anmerken, dass ich noch nie einem Menschen versucht habe, seinen Glauben auszureden, wo werd ich denn.
    Danke für den Denkanstoss und liebe Grüsse
    Kai

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    • Lieber Kai,
      ja, das kenne ich. Leider trifft man selten auf jene, die gläubig sind, aber durchaus den Zweifel zuzulassen bereit und damit auch für Diskussionen offen sind. Wundersamerweise ist die Betonwand, von der Du sprichst, durchaus auch bei intelligenten Menschen vorhanden – als blendeten sie dort etwas aus, während sie restliche Lebensbereiche durchaus mit Verstand UND Herz differenzierten Abwägungen und Entscheidungsüberprüfungen unterziehen.
      Interessanterweise bekommt man als Atheist ja gerne den Vorwurf zu hören, man würde missionieren und versuchen, wie du schreibst, einem „den Glauben auszureden“. Das ist ungefähr so, als würde man einem Statiker, den die Standfestigkeit einer sehr eigenartig geformten Brücke interessiert, vorwerfen, sie einreissen zu wollen. Nun ja, ich halt mich da auch weitestgehend raus und betrachte das mit dem Auge des kulturhistorisch interessierten Menschen😉
      Liebe Grüsse aus dem Norden von
      Jarg

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    • Exakt die Erfahrung, die ich auch schon häufiger gemacht habe, Kai! So gesehen habe ich mit dem von Jarg angesprochenen, guten alten Sprichwort auch hier keinerlei Problem: „Möge in der Tat jeder nach seiner Facon glücklich werden.“

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      • Absolut. Solange die jeweilige Facon gesamtgesellschaftlich gesehen einigermaßen unschädlich ist und nicht Andersdenkenden gegenüber der alte Satz geltend gemacht wird: „Und willst Du nicht mein Bruder sein, so schlag ich Dir den Schädel ein“. Da würde meine Toleranz dann doch ratzfatz aufhören gegenüber der jeweiligen Betonkopfhaltung, sei es eine Ideologie oder eine Religion.

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      • Absolut!
        Aber immerhin (fast hätte ich geschrieben Gott sei Dank!😉 ) liegt ja doch über der menschlichen Neigung zur Gewalttätigkeit, die sich auch bei tiefreligiösen Menschen findet, meistens eine dünne Tünche von Zivilisation, weswegen wir heute noch noch in Einzelfällen mit gewalttätigen christlichen Priestern rechnen müssen. Früher war das deutlich anders…😉

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  3. Lichtgewimmels Gedanken sind nicht von der Hand zu weisen, mir allerdings hat die Lektüre atheistischer Vordenker – ich nenne sie einfach mal so – insofern eine ganze Menge gebracht, als ich dadurch meine eigenen Gedanken sortieren konnte. Was ich beispielsweise bei Richard Dawkins und Christopher Hitchens gelesen habe, schwirrte mir teilweise schon diffus im Kopf herum, ohne dass ich es strukturiert hätte ausdrücken konnte.

    „Irrtum unser!“ ist nun jedenfalls auf der Bücherliste gelandet, auch wenn ich erst einmal „Ach der Himmel ist leer“ lesen will. Man kommt zu nix!

    Gut geschriebene Rezension, guter Lektüretipp – danke!

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    • Vielen Dank für den Kommentar und die freundlichen Worte zur Rezension – ich wünsche eine intellektuell bereichernde Lektüre!
      Mir ging es genauso wie Dir: es gibt eine Reihe sehr lesenswerter Bücher zu dem Thema, die klassische Argumentationen nochmal mit dem geistigen Seziermesser auseinandernehmen und so zur inneren und äußeren Klarheit beitragen können.
      Übrigens gibt es ja durchaus Gläubige, die solche Bücher mit Interesse und Gewinn lesen – nämlich jene, mit denen man ohne Stress und gegenseitige Missionierungsversuche gegebenenfalls solche Thematiken diskutieren kann. Wenn man das möchte. Muss man natürlich nicht.
      Herzlich grüsst
      Jarg

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  4. Solche Bücher erscheinen mir immer ein wenig obsolet. Wer ist denn die Zielgruppe? Gläubige scheuen die Vorhaltung eines Spiegels. Weil sie ja glauben und das ist das Todschlagargument per se. Sie fühlen sich ohnehin immer auf der sicheren Seite. Mir als Atheisten bringt das Buch auch nichts, weil ich keinen Vorsprecher benötige, in dessen Horn ich tute. Ich hege auch kein Verlangen, Gläubige vom Gegenteil zu überzeugen. Das ist vergeudete Zeit und brächte selbst dann nichts, wenn es mir gelänge. Mich derer zu erwehren, die mich unbedingt missionieren möchten, war noch nie ein Problem, weil ja naturgemäß ihre Argumente löchriger als ein Fliegennetz sind. Das Buch wurde vermutlich in bester Absicht geschrieben, wird aber in meinem Bücherregal nicht landen.

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