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Driver : Roman / James Sallis. Übersetzt von Jürgen Bürger

Der Held dieses Romans ist jung: wir erfahren, dass seine Mutter seinen Vater beim Essen erstach, als er zwölf war. Noch als Teenager verlässt er seine Pflegeeltern, schlägt sich durch nach Westen. Was er am besten kann, ist Autofahren. So wird er einer der besten Stuntfahrer für Hollywoodfilme, einer, der immer noch etwas mehr aus einem geplanten Stunt herausholen kann als es das Drehbuch vorsieht: kühl berechnend, hoch professionell und mit eiskalter Präzision.

Nebenbei lässt sich der kärglich und zurückgezogen lebende Driver anheuern, um bei Einbrüchen die Fluchtfahrzeuge zu fahren. Er will nichts wissen, nicht reden, mit niemandem Kontakt haben. Nur fahren. Lange geht alles gut. Doch dann zieht er in das Apartment neben Irene und ihrem Sohn Benicio. Irenes Mann Standard wird aus dem Gefägnis entlassen und wenig später von Gangstern wegen Schutzgeldschulden unter Druck gesetzt. Driver hilft ihm, ein Pfandhaus auszurauben – doch der Bruch verläuft anders als geplant: Standard wird erschossen und Driver gelingt nur mit Mühe die Flucht. Aus der Komplizin Blanche presst er heraus, wer hinter allem steckt und entdeckt, dass sie über eine Million Dollar erbeutet haben.

Driver will seine Ruhe und plant, die Beute zurückzugeben. Doch als auch Blanche getötet wird und sich Driver nur durch die Tötung zweier auf ihn angesetzter Männer mit knapper Not retten kann, eskaliert die Lage: die Hintermänner wollen alle töten, die von dem Deal wissen – als auch Irene ermordet wird und der kleine Benicio, den Driver ins Herz gechlossen hat, zur Großmutter nach Mexiko zurückkehren muss, zieht er sich mehr und mehr von den Stuntfahreraufträgen zurück und sinnt auf Rache. Über verschlungene Wege und einige Leichen später gelangt er an den Hintermann – und dieser an ihn …

James Sallis Roman als Kriminalroman oder Thriller zu bezeichnen greift zu kurz. Dem Autor gelingt es, mithilfe kunstvoll verschachtelter Zeitebenen ein hohes Maß an Spannung aufzubauen. Beginnend mit einer Szene, in der der Protagonist offensichtlich verletzt ist und es mehrere Tote gegeben hat, erfahren wir nicht nur den Hintergrund der Eingangsszene, sondern über Rückblenden auch etwas über den Held selbst und seinen lebensgeschichtlichen Hintergrund. Dabei vermeidet Sallis, allzu tief in seine Figur zu einzutauchen: er skizziert sie knapp, fast lakonisch, und lässt dabei eben jene Distanz deutlich sichtbar werden, mit der Driver, der wenig von sich preiszugeben gewohnt ist, seiner Umwelt begegnet.

Einzig Drehbuchschreiber Manny, mit dem er hochphilosophische Gespräche führt, vermag ihm nahezukommen. Jener Manny, der, so erfahren wir später, einmal einen Film über Driver machen wird.

Die Begegnung mit Irene und dem Jungen ändert etwas in Driver: womöglich erkennt er sich selbst in dem Jungen, so wie die Ermordung von Irene den Jungen ebenso wie Driver plötzlich der Welt aussetzt. Zu Irene selbst fühlt er sich hingezogen, gibt aber seine selbstgewählte Distanz nicht auf. Mit ihrem Tod aber sind für Driver die Regeln, die ihm so wichtig sind, überschritten. Seinen Zorn kanalisiert er in akribisch vollzogenen Schritten bis zur Begegnung mit dem einen Hintermann.

Wie es der englische Originaltitel „Drive“ schon suggeriert: der Held kommt nicht zur Ruhe, will es vieleicht auch nicht, verfolgt rastlos seine Ziele, stets die Unterkunft wechselnd, stets auf der Hut und mit dem Blick im Rückspiegel und überall. So treibt es ihn durch urbane und provinzielle Gefilde, an üble, heruntergekommene Orte, durch eine Welt voller versteckter und offensichtlicher Verbrechen, in der schnell eine scheinbar freundliche Unterhaltung in rohe Gewalt münden kann. So fährt die Handlung dieses Romans auf das kühl, fast lakonisch erzählte Finale zu. Dabei steht, anders als man vermuten könnte, nicht die Action im Vordergund, bis schliesslich am Ende des Romans alle Fäden zusammenlaufen und man erfährt, ob und welches Ende es mit Driver nimmt.

Sallis gelingt es dabei, trotzdem er den Leser auf Distanz zu Driver hält, ihm diesen kühl kalkulierenden Racheengel sympathisch zu machen. Ähnlich wie in „Winter in Maine“ identifiziert sich der Leser ein Stück weit mit dem eigentlich düsteren Helden – gerade soweit, dass man dessen illegales, ja mörderisches Tun fast schon zu tolerieren bereit ist, nur um ihn überleben zu sehen. Dabei wohnt dem Roman zwischen den Zeilen eine tiefe Melancholie inne darüber, was der Mensch an sich sein könnte und wie weit er unter seinen Möglichkeiten bleibt, womit er sich abfindet.

Ein „Krimi noir“ von fast schon klassischer Machart, reduziert auf das Wesentliche an Handlung und Sprache. Würde ich ihn verfilmen, würde ich mir einen jungen Steve McQueen für die Darstellung des Driver wünschen (stattdessen wurde es in der 2012 in die Kinos gelangten und mir noch unbekannten Verfilmung Ryan Gosling). Ein kühl kalkuliertes und sorgfältig komponierter Roman mit dichter Atmosphäre, erzählt in einer knappen, lakonischen und trefflich ins Deutsche übertragenen Sprache. Es wird allgemein empfohlen, ihn in einem Rutsch zu lesen – dem kann ich mich nur anschliessen, da es ohnehin schwer ist, sich dem Sog der kunstvoll verschachtelten Geschichte zu entziehen.

6 thoughts on “Driver : Roman / James Sallis. Übersetzt von Jürgen Bürger

  1. Lieber Jarg,
    ich habe Driver kurz nach dir gelesen und unmittelbar danach auch die Verfilmung gesehen, die im Übrigen auch äußerst empfehlenswert ist. Genau genommen ist mir durch sie sogar erst die Story richtig klar geworden, auch wenn Buch und Film natürlich nicht in allen Details übereinstimmen. Dem Film gelingt es jedenfalls, die düstere, melancholische, raue Stimmung aus dem Roman in Bilder umzusetzen, und Ryan Gosling ist durchaus ein überzeugender Driver.

    Gerard Donovan habe ich jetzt übrigens auch endlich auf die Leseliste gesetzt, danke schon jetzt für die Empfehlung!

    Herzlich,
    caterina

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    • Liebe Caterina, danke für Deinen Kommentar. Es freut mich, dass „Driver“ Dich zu fesseln vermochte. Den Film muss ich mir nach Deinen positiven Worten wohl auch ansehen … obschon ich wegen der FSK-18-Bewertung noch etwas zögere, da ich bei Gewaltszenen etwas duennhaeutig bin. Ich bin gespannt, wie Dir „Driver 2“ gefällt … und vor allem Donovans „Winter in Maine“, das ich für Meisterschaft gut halte. Liebe Grüsse von Jarg

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      • Lieber Jarg,
        glaube mir, ich bin auch zartbesaitet, was Gewaltdarstellung im Film betrifft, und tatsächlich sind einige Szenen in Drive ziemlich heftig, sodass ich weggucken musste. Aber insgesamt bringt der Film die Atmosphäre doch recht gut rüber: wenige Worte, stattdessen gute Musik und tolle Bilder und Darsteller, die fast ausschließlich über Blicke zu kommunizieren sein. Es lohnt sich den Film anzusehen, trotz der Gewalt. (Andererseits hat sie durchaus eine Daseinsberechtigung: Sie bedient ja keinen sonst wie gearteten Zuschauervoyeurismus – Gewalt als Entertainment sozusagen -, sondern verdeutlicht den Zwiespalt, den Abgrund, in den Driver, der sich sonst immer aus allem herausgehalten und nie auch nur eine Waffe getragen hat, hineingerät.)

        Herzlich,
        caterina

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      • Liebe Caterina,
        so wie Du ihn beschreibt, klingt das in der Tat nach einem Film, den ich mir ansehen sollte. Die Hand vor Augen halten kann ich mir ja immer … und neugierig bin ich nach Deinen Worten erst recht. Schätze, meine Lieblingsfilmquelle sollte ihn haben … spätestens dann, wenn ich danach frage😉
        Einen zauberhaften Samstagabend wünscht Dir
        Jarg

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  2. Lieber Jarg,
    klingt mach einem spannenden Buch. Werde es mir notieren und dermaleinst, wenn wir in hoffentlich recht naher Zukunft umgezogen und uns finanziell wieder etwas erholt haben bestimmt zulegen.
    Eigentlich komisch, so als Bibliothekar weiss man ja von der Möglichkeit, in Bibliotheken auszuleihen, Sach- und Kinderbücher, schön und gut, aber Belletristik und andere besondere Bücher? Hab ich lieber für mich. Ist ja dann auch irgendwie ein Teil der persönlichen Lesegeschichte, mit Knicken und Notizen und so… Ende des Abschwiffs
    Liebe Grüsse, Kai

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    • Lieber Kai,
      ein wenig kenne ich das auch. Zumindest bei den besonderen Büchern, die mir, da zu speziell, beruflich eher selten begegnen. Die mag ich dann auch gerne HABEN … zu mehr reicht es weder vom Platz (es muss stets auch eines gehen) noch von den Finanzen (die noch andere Leidenschaften bedienen) her.
      So bleibt meine häusliche Bibliothek klein, aber fein. Auch wenn ich sie mir manchmal groesser wünschte, mit mehreren Ebenen, Leitern, geheimen Schraenken und verborgenen Winkeln …;-)
      Einen guten Wochentag und liebe Gruesse von
      Jarg

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