Startseite » Bücher » Kanada / Richard Ford. Aus dem Englischen von Frank Heibert

Kanada / Richard Ford. Aus dem Englischen von Frank Heibert


„Die Einsamkeit, habe ich gelesen, ist so, als stünde man in einer langen Schlange und es wäre einem versprochen worden, wenn man drankomme, geschehe etwas Gutes. Nur dass sich die Schlange nie voranbewegt, andere Leute drängen sich immer vor, und der Ort, wo man endlich drankommt und wo man sein will, rückt immer weiter weg, bis man gar nicht mehr daran glaubt, dass er einem etwas zu bieten hat.“ (S. 267)

Der 15jährige Dell Parsons wächst mit seiner Zwillingsschwester Berner im US-Bundesstadt Montana auf. Sein Vater, bei der Army wegen krummer Geschäfte gescheitert und sich selbst gerne maßlos überschätzend, überredet die in ihrer Ehe unglückliche Mutter zu einem Banküberfall. Doch die beiden werden schnell überführt und festgenommen. Für ein paar wenige Stunden scheint das aus dem Alltag gerissene Leben der Geschwister stillzustehen.

Doch dann flieht Dell nach Kanada in ein winziges Städtchen namens Fort Royal. Dort nimmt ihn der zwielichtige Arthur Remlinger auf, Betreiber des angeranzten Jagdhotels „leonard“. Da Remlinger zunächst von Dell kaum Notiz nimmt, nimmst sich der schräge Charley Quarters seiner an, bringt ihn in einer verwahrlosten Bretterbude unter, weist ihn in die abzuleistende Arbeit ein und warnt ihn schliesslich auch vor der Gefahr, in der Remlinger aufgrund seiner Vergangenheit schwebt.

Als Dell in das „Leonard“ umzieht, kommt er Remlinger näher. Doch das scheinbare Interesse Remlingers liegt nicht in Dell selbst begründet, der nur ein kleiner Spielstein in einem größeren, düsteren Spiel zu sein scheint. Schliesslich spitzen sich die Ereignisse zu und Dell erkennt, dass er sich einen neuen Weg suchen muss …

„Warum die Veränderung von Wetter und Licht auch in mir etwas veränderte und mich, mehr noch als die vergehende Zeit, mein Los leichter hinnehmen ließ – keine Ahnung. Aber in all den Jahren seit jenen Tagen in Saskatchewan hat sich diese Erfahrung bestätigt. Ich war ein Stadtkind, und in der Stadt ist Zeit so wichtig; vielleicht lieferten mich das und das plötzliche Ausgesetztwerden an einem unbekannten Ort und unter praktisch unbekannten Menschen den Elementarkräften umso stärker aus, die nachzuahmen schienen, was ich erlebte, und es erträglicher für mich machten. Gegenüber diesen Kräften – einer sich drehenden Erde und einer Sonne, die in einen anderen Winkel am Himmel steht, regengesättigten Winden und einfliegenden Gänsen – ist die zeit nur eine erfundene Größe und verliert an Bedeutung, ganz zu recht“ (S. 295)

Die Geschichte des erwachsen werdenden Dell könnte man auf den ersten Blick für einen Krimi halten. Tatsächlich aber gelingt es Ford, eine unerhört spannende Geschichte über das Erwachsenwerden eines Jungen zu schreiben, der jäh aus der scheinbaren Idylle seiner Kindheit ausgestossen wird und sich vor einem Abgrund wiederfindet, unsicher, wem er noch vertrauen kann. Versetzt in die ländliche kanadische Umgebung, ein Ausgesetzter unter Fremden, scheint er bei Null anzufangen und kann sich und seiner Geschichte doch letztlich nicht entfliehen. Erst, als sich Arthur Remlinger nicht nur als Mann mit dunkler Vergangenheit erweist, sondern auch noch als Mörder, der planvoll vorgeht und den Jungen zu einem Puzzlestück in seinem von einer in der Vergangenheit aufgeladenen Schuld verstörten Leben reduziert, vollzieht sich für Dell die Wende: er, der eben noch beteiligt war, die Folgen eines Mordes unsichtbar zu machen, geht den nächsten Schritt und bricht auf.

Geschickt lässt der Autor den Protagositen selber in der Rückschau erzählen. Dell, der kurz vor der Pensionierung stehende Lehrer, lässt seine Geschichte nochmal Revue passieren, indem er sie erzählt. Nach und nach, zum Ende hin, fliessen auch die Reflexionen des erwachsen, ja alt gewordenen Dell mit ein, bis wir schliesslich am Ende sein Leben gespiegelt sehen von Anfang her und deutlich wird, dass das Trauma seiner späten Kindheit Dell nie ganz verlassen hat. Schnell spürt der Leser, dass Dell sich nie ganz von seiner traumatischen Geschichte befreien konnte, dass sie ihn bis heute quaält und die Erzählung ein Versuch ist, die eigenen Gedanken zu ordnen. Während die Zeit über die Orte seiner Kindheit hinweggeht, sie verändert, ja vernichtet, was einmal war, bleibt die Erinnerung lebendig in Dell und wirkt fort. Nur seine Frau, erkennbar eine Lebens- und Weggefährtin, scheint zu ahnen, wie schwer es Dell fällt, zur Ruhe zu kommen, loszulassen.

Der geschickt komponierte Roman lebt nicht nur vom sorgfältig geknüpften Spannungsbogen, den Ford in großer Ruhe und Gelassenheit spannt. Ihm gelingen Natur- und Landschaftsbilder von großer Intensität und Schönheit, die zusammen mit den sorgfältig gezeichneten Charakteren und der Empathie des Autors für seine Figuren eine erheblichen Reiz des Buches ausmachen. Die Verlorenheit des Protagonisten ist beim Lesen fast schon körperlich spürbar und man verfolgt atemlos seine Geschichte, seine Reflexionen und Gedanken.

Eine düstere, eine traurige und zutiefst menschliche Geschichte über Schuld und Einsamkeit, über die jähe Zerbrechlichkeit der menschlichen Welt, über den dünnen Schutzraum, der Kinder umgibt, bevor sie, erwartbar oder plötzlich herausgerissen aus der heil erscheinden Kindheitswelt, in eine ungewisse Zukunft aufbrechen. Ein Entwicklungsroman und zugleich auch eine Geschichte über eine Familie, die am Leben zerbricht.

Für mich war dies das erste Buch von Richard Ford und sicher nicht das letzte. Ganz sicher aber ist dies eines, dass ich wärmstens empfehlen kann.

6 thoughts on “Kanada / Richard Ford. Aus dem Englischen von Frank Heibert

  1. Wie schöööööön, dass dir „Kanada“ ähnlich gut gefallen hat, wie mir!🙂 Ich denke immer noch gerne an die Lektüre zurück, die bei mir bereits einige Monate zurückliegt. Die Geschichte der beiden Geschwister hat mich jedoch sehr nachhaltig begeistert und beeindruckt.

    Gefällt mir

    • Liebe Mara,
      das Buch lag bei mir schon einige Wochen rum und war jetzt fällig. Und da sich mein Lesekreis irgendwie nicht aufraffen kann, etwas von Ford zu lesen, obwohl er schon oft vorgeschlagen wurde, war es für mich die richtige Zeit, ihn endlich für mich zu entdecken. Ein hevorragender Erzähler und eine intensive Geschichte, die lange nachwirkt …
      Liebe Grüsse von
      Jarg

      Gefällt mir

  2. Ein sehr gelungenes Zitat zur Einsamkeit von Ford präsentierst du uns da, Jarg.
    Ich bin ein Verfechter davon, dass die Einsamkeit schön sein kann, auch wenn man in der Schlange steht. Es können daraus viele Bilder eintstehen, die aus dieser Stimmung kommen. Und es kann aus dieser Einsamkeit auch eine große Zufriedenheit entstehen.
    Einen schönen Tag wünscht dir Susanne

    Gefällt mir

    • Liebe Susanne,
      ja, die Einsamkeit hat ganz sicher (neben ihren unzweifelhaften Schatten-) genauso auch ihre guten Seiten, dass empfinde ich genauso. Es kann sehr heilsam und wohltuend sein, sie aufzusuchen und ganz bei sich zu sein. Besonders, wenn man vielleicht noch draussen in der Natur, weit weg von den Städten und Straßen unterwegs ist mit nichts dabei ausser wenigem Gepäck und seinen eigenen Gedanken … das sind jedenfalls die Momente, die mir in den Sinn kommen.
      Herzliche Grüsse aus dem tags sonnigen, jetzt regennassen Hamburg sendet Dir
      Jarg

      Gefällt mir

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s