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Anhängerkupplung gesucht : man braucht andere, um voranzukommen / Tjerk Ridder mit Peter Bijl. Mit einem Vorwort von Herman van Veen

Es ist ganz sicher ein Klischee, dass Niederländer grundsätzlich nur mit Wohnwagen verreisen. Wie jedes Klischee enthält es ein Körnchen Wahrheit und lässt sich natürlich auch gnadenlos übertreiben.

Das Letztgenannte hat der Liedermacher und Theaterkünstler Tjerk Ridder gemacht, der sich mit einem Wohnwagen durch Europa treiben lässt von den Niederlanden bis in die Türkei. Wohlgemerkt: ein Auto hat er nicht dabei. Zusammen mit seiner Dackeldame Dachs und oft begleitet von Peter Bijl trampt er durch Europa im festen Vertrauen, dass sich immer wieder jemand finden wird, der den Wohnwagen ein wenig weiterzieht – und wenn es nur ein paar Kilometer sind.

Die Reise ist dabei kein Selbstzweck: Ridder sucht die Hilfe anderer, wildfremder Menschen, die bereit sind, seinen Wohnwagen anzukuppeln, ihm etwas von ihrer Zeit zu geben. Manchmal geht es auch nur um eine Tasse Kaffee oder eine Möglichkeit zum Waschen. Ohne die Hilfe vieler Menschen zwischen Utrecht und Istanbul hätte er es nicht geschafft. Er nutzt dabei auch die Möglichkeiten der sozialen Medien, regionaler und überregionaler Fernseh- udn Radiosender. So spricht sich rasch herum, auf welch ungewöhnliche Weise hier ein Wohnwagen durch Europa bewegt wird und das dies nicht ohne die Hilfe anderer Menschen möglich ist.

Doch Ridder gibt auch etwas zurück: er lässt sich von den Menschen ihre Träume erzählen und schliesst sie in einer Traumdose ein. So kommt auf beiden Seiten etwas in Bewegung: der Eriba-Wohnwagen mit Ridder, Dachs und Bijl – und so mancher Lebenstraum wird konkreter durch das Gespräch, das Aufschreiben, die dadurch bedingte Fokussierung – und nähert sich so der potentiellen Verwirklichung.

Ridder dokumentiert zusammen mit Bijl die Reise, lässt auch einige der unterwegs getroffenen Menschen zu Wort kommen und ergänzt die Texte mit zahllosen großen und kleinen, schnappschußartigen Bildern, die dem Buch einen sehr persönlichen Charme geben und dazu beitragen, es ehrlich und authetisch wirken zu lassen. Seine Berichte von unverhofften Begegnungen, tagelangen Sackgassen, aus denen sich doch ein Weg findet, und der großen Hilfsbereitschaft in allen bereisten Ländern beeindruckt zutiefst und lassen zwischenzeilig aufschimmern, dass Europa sehr viel mehr ist als die Summe seiner Länder, als Finanzkrise und Bürokratie. So wird das Buch auch zu einer Dokumentation dessen, was möglich ist, wenn man sich gegenseitig hilft und die Augen füreinander offenhält.

Dem Buch ist eine DVD beigefügt mit Liedern in gitarrenpoppigen Liedern auf Niederländisch und Deutsch. Dazu kommen etliche mit der Handkamera aufgenommene Filme, die Szenen von der Reise festhalten und auf Niederländisch (mit deutschen Untertiteln) sind: diese handgemachten Filme in Originalsprache haben einen ganzen besonderen Reiz und Charme, zeigen sie doch unverstellte Szenen von der Reise, die wenig bearbeitet zu sein scheinen und so einen dokumentarischen und fast schon intimen Charakter bekommen. Dabei werden nicht nur schöne Dinge sichtbar: die zerschossenen Häuser in Kroatien etwa machen deutlich, dass hier vor gar nicht so langer Zeit ein Krieg tobte. Und mancher letztlich erfolgreich umfahrener bürokratischer Irrsinn zeigt, wie engstirnig Europa auch sein kann.

Gerade in Zeiten der Europaskepsis und bedrohlicher Allianzen rechtsextremer Kräfte, die die europäische Einigung torpedieren wollen, ist das Buch ein Beleg dafür, wie nah wir einander in Europa sind, diesem einst von Kriegen zerrütteten Kontinent, welche Vielfalt Europa anderseits bietet – und wie gut wir daran tun, einander zu helfen und beizustehen.

Ein feines, schön ausgestattetes Reisebuch mit ganz besonderen Reiz und der beste Beweis dafür, dass Reisen ungemein verbindend sein kann, Menschen einander brauchen und buchstäblich bewegen können. Dank an den Patmos-Verlag für die Zusendung des Rezensionsexemplars.

18 thoughts on “Anhängerkupplung gesucht : man braucht andere, um voranzukommen / Tjerk Ridder mit Peter Bijl. Mit einem Vorwort von Herman van Veen

  1. Hallo Jarg,
    sehr schöne Besprechung. Hört sich sehr gut an und ich werde es mir auf jeden Fall mal zu Gemüte führen. Bin immer dankbar, wenn man auch mal was zu lesen/hören bekommt, wo die (europäische) Gemeinschaft und das Miteinander dann doch funktioniert.
    VG, Angela

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    • Hallo Angela,
      danke für das Kompliment.
      Ich freue mich auch immer über solche Bücher … gerade weil das gegenwärtige Europa doch so viel mehr ist als Finanz- und Schuldenkrise. So viele Jahrhunderte Krieg und Blutvergießen … und heute sind die Grenzen durchlaessig wie nie, werden Kontakte über sprachliche und räumliche Barrieren hinweg gepflegt und gelebt. Dafür lohnt es sich zu streiten … und es immer wieder ins Bewusstsein zu rufen.
      In diesem Sinne herzliche Grüße von
      Jarg

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      • Das hast du aber schön gesagt, Verzeihung, geschrieben! Ich bin ganz deiner Meinung. Leider sehen viele nur das Negative…wo wir doch immer auf unglaublich hohem Niveau jammern…

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      • Danke schön!
        Ja, es ist schon bitter, wie wenig manche zu schätzen wissen, was in Europa erreicht wurde und wie trivial sich die Jammeranlaesse demgegenüber aufnehmen …

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      • Irgendwo..Bericht/Kino/Vortrag gab es jetzt ein Elternpaar was mit Fahrrad und Anhänger eine Monatelange Reise samt Kindern wagte. Und es phantastisch gewesen sein. Freunde von mir sin dmit Ihrem 5jährigen mal eine ganze Strecke auf dem Jakobsweg gegangen…fand ich auch toll. Obwohl ich die Hape Kerkeling Methode dafür vorziehen würde🙂

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      • Ja, ich kann mir das gut vorstellen. Weltumseglungen mit Kindern klappen ja auch, ohne dass das Kindswohl der Reiselust der Erwachsenen geopfert wird. Wahrscheinlich muss man sich bloss trauen …
        Nun ja – ich versuche es erstmal mit einem 1200-Meter-Berg, von dem mein Sohn seit zwei Jahren träumt. Man muss ja langsam steigern und Europa per Kind, Kegel und Bollerwagen wäre ja auch eine Option😉

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      • Das glaube ich: Katzen und Reisen geht ja leider gar nicht … obwohl ich trotzdem gerne eine Katze hatte, was wiederum leider gar nicht geht wg Katzenallergie.
        Fotos sind versprochen. Obwohl dann wieder Beschwerden kommen, weil Vater so oft stehenbleibt😉

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      • Der Weg ist das Ziel und langsam laufen entspannt doch so schön. Bei Hunden ist das praktisch, da schmeißt man das Bällchen und er bringt es wieder, powert sich derweil schön aus und der Mensch kann in Ruhe Fotos machen *g* oder Du schenkst der Familie auch Kameras? Und eine Aufgabe dazu…

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      • Ja, mit Hunden ist das einfacher …
        Wir bauen halt Schnitzeljagdelemente ein und irgendwann gibt es Geocaching und Spurensuchen obendrein😉
        Laufen schon ganz gut mit, die zwei, wenn der Weg etwas zu bieten hat.

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      • Ja, geocaching muss ich mir auch noch erarbeiten. Wir haben sogar einen Nano-Cache in der Bibliothek, den ich mittlerweile mit Argusaugen beschütze und der uns immer wieder man Neuanmeldungen von glücklichen Cachern beschert.
        Die Zwillinge werden demnächst acht Jahre alt. Das geht alles so rasend schnell …

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