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Frerk, du Zwerg / Finn-Ole Heinrich. Gelesen vom Autor.

Es gibt Bücher, die haben einen ganz eigenen Ton. Und es gibt Autoren, die einen besonderen Blick auf die Welt haben und Dinge wahrnehmen, die uns allen nur zu leicht aus dem Blickfeld geraten. Ein solcher ist der 1982 geborene Autor und Filmemacher Finn-Ole Heinrich, der mit „Räuberhände“ (Rezension hier klicken) seinerzeit ein fulminantes Romandebüt vorlegte.

Mit „Frerk, du Zwerg“ nimmt sich Heinrich eines schüchternen Außenseiters, des vergleichweise kleinen Frerk, der von eher schwächlicher Konstitution ist, in der Schulklassenhackordnung unten steht und auch zu Hause nicht viel zu lachen hat: seine Mutter ist eine nervige Hygienefetischistin und absolute Spaßbremse, die mit Energie gegen Schokolade, Hunde, Gäste udn alles andere zu Felde zieht und im Zweifel mit einer Allergie reagiert. Sein Vater ist nahezu nichtexistenz, da schweigsam und fügsam sich in die freudlose Regie der Mutter fügend.

So lebt Frerk sein freudloses Leben, verschluckt jedes unangemesse Wort und schreitet durch den Tag mit dem Kopf voller Träume und dem Herzen angefüllt mit Sehnsucht nach Abenteuern, nach Wildheit und nicht zuletzt einem richtigen Hund. Doch eines Tages findet er ein seltsames Ei und stopft es in seine Hosentasche. Nach kurzer Zeit hat er unwillentlich einen Haufen wilder, ungehobelter kleiner Zwerge ausgebrütet, die seine Träume vom Kopf auf die Füße stellen. Und plötzlich traut sich auch Frerk … rebelliert und kämpft sich frei.

„Frerk, du Zwerg“ lag als Hörbuch einige Zeit permanent im CD-Spieler meines Sohnes. Die Geschichte hat einen ganz besonderen Charme, denn Heinrich gelingt es, einen ganz in das Herz, in die Vorstellungs- und Lebenswelt des Protagonisten zu versetzen, dessen lebensgebremste Träume und Sehnsüchte einem so unerhört nah geraten. Unwillkürlich fühlt man mit ihm, entwickelt die gleiche Abneigung gegen die wenig motivierenden Eltern, die hackordnungsgereglte Umwelt, erinnert sich vielleicht auch an eigene Erfahrungen oder an Kinder aus dem Umfeld, die man selbst bedauernd als Opfer ihrer regiden Sozialisation wahrnimmt, ohne ihnen helfen zu können.

Mit Hilfe der wilden kleinen Gesellen findet Frerk zu seiner eigene Widerstandskraft, seinem Selbstbewußtsein und begehrt endlich auch – selbst dann, als die Zwerge eines Tages weg sind und er alleine klarkommen muss. Frerk traut sich was, lässt auch mal ungehobelte, bunte Worte raus, wird respektloser, unangepasster und freier. Und so hat man am Ende das Gefühl, dass Frerk seinen Weg gehen wird, da er endlich den Mut gefunden hat, sein Leben selbst zu leben und sich vom Lamento seiner Mutter und anderen ausbremsenen lebenseinflüssen nicht mehr beeindrucken lässt als notwenidg.

Dabei beweist der Autor seine Sprachmächtigkeit, gelingen ihm doch aberwitzige Passagen von geradezu verboten schönem Sprachwitz und anarchischer Respektlosigkeit. Dabei wirkt nichts gekünstelt oder aufgesetzt – Frerk spricht uns aus dem herzen an und wir meine, wenn das Hörbuch endet oder man die letzte Seite umgeblättert hat, dass man ihm vielleicht da draussen begegnet, mit einem lockeren bunten Wort auf dem Lippen und einem streunenden, auf der Straße aufgelesenen zotteligen Hund neben sich. Auch als Vorleser macht sich Heinrich dabei hervorragend, da er die Geschichte genauso vorliest, wie man sie meinem Gefühl nach vorlesen sollte: ohne Effekthascherei oder Überbetonung, fast lakonisch und mit hoher Präsenz. Kein Wunder bei dem Autor, der durchaus bühnen- und sprecherprobt ist.

Also, „pesen“ sie los und lesen oder hören sie das. „Volle Stulle“ natürlich. Ab 6 zum Vorlesen und ab 8 Jahren zum Selberlesen.

23 thoughts on “Frerk, du Zwerg / Finn-Ole Heinrich. Gelesen vom Autor.

    • Lieber Gregor,
      ein paar volle Regale habe ich schon daheim – aber viele der Bücher und Medien, die ich hier vorstelle, gehören mir gar nicht, da ich sie aus der Öffentlichen Bibliothek meines Vertrauens entleihe. Eine gewissermaßen unvermeidliche berufliche Nähe zu Büchern und Medien erleichtert dazu manches.
      Empfehlen kann ich vieles – die Frage ist, wo Deine Interessen genau liegen ….😉
      Liebe Grüsse von
      Jarg

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      • Hmm schwer zusagen. Ich mag es wenn es komisch und niedlich ist und ich mag auch Bilder, die niedlich sind🙂
        Nicht gerade für n 5-jährigen, was zum Nachdenken, zum Lachen, Schmunzeln und Spaß haben🙂
        Und dick darf es auch nicht sein🙂
        So was wie eine 5 Minuten Terrine🙂
        ich möchte mich aber auch danach nicht so doof fühlen, dass ich es ausgeliehen und auch noch gelesen habe🙂
        Na? Hast Du was für mich?🙂
        Liebe Grüße und viel Spaß bei deinen Kinderbüchern und mach doch mal mehr Bilder vom Inneren bitte.
        Gregor

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      • Ganz klarer Tipp: „Schinken & Ei“. Rezension einfach auf Jargsblog suchen. Herrlich schraeger Spaß für grosse und kleine Leute😉
        Liebe Gruesse von
        Jarg

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      • Du sollst ja auch nicht das ganze Buch abscannen🙂
        Und haben die Bilder kein Copyright Zeichen oder eine Unterschrift?
        So gesehen ist das Cover ja auch geschützt🙂
        Liebe Grüße, Gregor

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      • Der Inhalt klingt superklassegenial. Wenn es mir schlecht geht schaue ich mir gerne solche Kinderbücher an…und ich überleg grad ob ich es anderen Erwachsenen zu Weihnachten schenken kann. Die Botschaft geht ja irgendwie grade heute jeden an.

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      • Auf jeden Fall ist das auch für andere Erwachsene geeignet, wenn sie sich auf Kinder- und Jugendbücher einlassen können (die ja auch große Literatur sein können, was gern vergessen wird). Finn-Ole Heinrich kann jedenfalls nicht nur schreiben und erzählen, sondern fühlt sich auch sehr gut in seine Protagonisten ein.

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    • Ich habe es bisher nur als Hörbuch mit den Kindern im Auto gehört und war sehr angetan – gerade, weil es so viele Frerks in dieser Welt gibt und dieses Buch sich ihrer warmherzig, humorvoll und letztlich befreiend annimmt.

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