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Die unheimliche Bibliothek / Haruki Murakami. Kai Menschik [Illustration]. Ursula Gräfe [Übersetzung].

„Natürlich war die Leihfrist nicht überschritten. Ich hielt sie immer auf den Tag und die Stunde genau ein. Schon weil meine Mutter mich städnig darauf hinwies. Es war wie bei einem Schäfer. Passte er nicht ordentlich auf seine Schafe auf, gingen sie verloren. Ich hütete die Bücher wie ein Schäfer die Schafe.“ (S. 5)

Bibliotheken sind ja Orte, wo die Erscheinungen der Welt auf unterschiedliche Weise zusammenlaufen und sich kreuzen können. Nicht umsonst kommen Bibliotheken in der fantastischen Literatur, in Dystopien und Science-Fiction immer wieder gerne vor: dabei stehen sie nicht symbolisch für Orte des Wissens und des Gedächtnisses, sondern auch für Orte voller Geschichten, voller Fantasie.

In „Die unheimliche Bibliothek“ begleiten wir einen Jungen, der eigentlich nur wie so oft seine Bücher in der Bibliothek abgeben will, um auf keinen Fall die Leihfristen zu überschreiten. Er gibt die Bücher ab und fragt nach einem Buch. Die Frau an der Rückgabe schickt ihn in Raum 107: dieser liegt im Keller, den der Junge bisher noch nie gesehen hat.

In Raum 107 begegnet er einem alten Mann, der ihm sofort unheimlich ist. Die Bücher, die er lesen möchte, dürfen aber nicht ausgeliehen werden. Der alte Mann führt den Jungen immer tiefer in den Keller hinein, durch lange, dunkle Korridore, steile Treppen hinab. Doch sie landen nicht im Lesesaal. Der alte Mann sperrt den Jungen in ein karges Verlies. Dort muss er die Bücher auswendig lernen bei nichts als Wasser und äußerst schmackhafte Donuts, die ihm von einem seltsamen Schafsmann und einem wunderschönen, stumnmen Mädchen gebracht werden.

Der Schafsmann warnt den Jungen vor dem alten Mann, der dem Jungen nach dem Leben trachtet und sein Gehirn verspeisen will, sobald er die Bücher auswendig gelernt hat. Immer unheimlicher wird es dem Jungen und die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verschwimmen zusehend. Gemeinsam mit dem Schafsmann will er fliehen und hofft, nach der Flucht auch das Mädchen wiederzusehen. Doch die Flucht erweist sich als ungeahnt schwer …

Murakami führt uns in eine unhemliche, eine klaustrophobische Bibliothek, einen Ort der Schatten und des Schreckens, düster, skuril und seltsam, der alte Kindheitsängste aufflackern lässt. Die Geschichte fesselt ungemein, fühlt man sich doch in die bizarren Realitäten eines nächtlichen Alptraums versetzt, in dem Schönheit und Tod, heitere Momente und offensichtliche Grausamkeit nahe beieinanderzuliegen scheinen. Die ausdrucksstarken Illustrationen von Kai Menschik tragen ihren Teil zu der dunklen, bedrohlichen Atmosphäre des Buches bei.

Ein ungemein fesselndes Buch, das im japanischen Original bereits 2005 erschien, jetzt erstmals ins Deutsche übertragen wurde und bei aller Kürze des Textes einen tiefen, schwer in Worte zu fassenden Eindruck hinterlässt.

13 thoughts on “Die unheimliche Bibliothek / Haruki Murakami. Kai Menschik [Illustration]. Ursula Gräfe [Übersetzung].

  1. Pingback: Haruki Murakami: Die unheimliche Bibliothek | DruckSchrift

    • Liebe Susanne,
      dann passt das Buch ja hervorragend. Viel Spaß damit und ein zauberhaftes Adventswochenende!
      Liebe Grüsse aus dem sturmumtosten, flutumspülten Hamburg von
      Jarg

      Gefällt mir

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