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Driver 2 / James Sallis. Übersetzt von Jürgen Bürger und Kathrin Bielfeldt

„Unsere Augen prallen an den Oberflächen ab, wir können weder weit noch tief sehen. Wir treffen Entscheidungen aufgrund des jämmerlichen bisschens, dass wir wissen, darüber, wer wir sind, und das gibt uns Stabilität. Dann halten wir die Luft an und erwarten, dass der Himmel jeden Moment aufreißt. Jeder von uns macht das […]. Nicht nur du …“ (S. 130)

Düster und melancholisch ist das Menschenbild sowohl im klassischeh Film Noir als auch in seinen literarischen Entsprechungen. In „Driver“ erlebten wir den Weg des gleichnamigen, sehr zurückhaltend auftretenden Protagonisten, der nach einem gescheiterten Überfall, an dem er als Fahrer teilnahm, plötzlich zur Zielscheibe der Mafia wird und den Spieß umdreht, bis er am Ende den Drahtzieher ausfindig gemacht hat.

Nun lebt er, mittlerweile über dreissig Jahre alt, unter einem anderen Namen an einem anderem Ort. Langsam geraten die Ereignisse, die ihn hierhin gebracht haben, ausseinem Blickfeld. Doch dann kommen an einem Samstagmorgen plötzlich zwei Männer und versuchen, ihn zu ermorden. Als er beide ausser Gefecht gesetzt hat, sieht er, dass seine Freundin Elsa tödlich verwundet ist. Driver flieht und benutzt seine Kontakte, um herauszufinden, wer die Killer auf ihn angesetzt hat. Doch das erweist sich als unerwartet schwierig: in einem Netz mafiöser Strukturen, Gefälligkeiten und Gegengefallen scheint Driver bloß das Zielobjekt kühl verhandelter Kompromisse zu sein. Undurchsichtig bleibt zunächst, wer immer wieder neue Killer auf ihn ansetzt und warum, auch wenn Driver ahnt, dass es mit seiner Vergangenheit zu tun hat.

Während Drivers Sinne durch die drohende Gefahr geschärft sind, er mit seinem alten, hochgetunten Ford Fairlane durch Phoenix und seine staubige Umgebung fährt, abgeranzte Wohnungen und heruntergekommene Motelzimmer aufsucht und er mehr als einmal dem Tod entgeht, setzt er alles daran, die Gründe für den Tod Elsas und die Quelle der Gefahr herauszufinden. Doch in einer Welt des Verbrechens gibt es keine einfache Lösungen – und Driver muss lange forschen und mehr als einmal Gewalt anwenden und anwenden lassen, um schliesslich an die Hintermänner zu kommen. Durch alte Kumpel und einen schwerkranken Cop gelingt es ihm schliesslich. Doch das heisst noch lange nicht, dass die Gefahr für immer vorbei ist …

„Aber ja, wir sind plötzlich am Leben, flitzen herum wie die Kakerlaken, wenn das Licht angeht, und dann gehen die Lichter wieder aus.“
„Das ist verdammt düster, Manny.“
„Keine Frage. Aber diese Augenblicke des Lichts, in denen wir herumlaufen – die können wunderschön sein.“
(S. 33)

Kühl, zurückhaltend und lakonisch-distanziert inszeniert Sallis die Fortsetzung von „Driver“: ein Roman, der reduziert ist auf das Wesentliche, keinen Satz zuviel enthält und so eine kühle, harte Eleganz entwickelt, ganz die Handlung in den Fokus setzend und wenig von der Innenwelt ihrer Figuren verratend. So führt uns „Driver 2“ erneut in eine gefühlsreduzierte Männerwelt voller Verbrechen, subtiler und offensichtlicher Gewalt, Düsternis und einem philosophisch-melancholischen Subtext über die existentielle Ausgesetztheit, das Getriebensein des Menschen und seiner Unwissenheit dem Leben gegenüber. Der namenlose Driver wird so auch im zweiten Band zum archetypischen Lonesome-Cowboy, in dessen widersprüchlichem Charakter sich eine deprimierende Sicht auf die Menschheit kristallisiert, während der Roman an sich die absurde Banalität des organisierten Verberechens spiegelt.

„Uns wird beigebracht, dass sich die Menschheit durch große Ideen nach vorne bewegt. Aber wenn man älter wird, versteht man, dass große Nationen nicht wegen großer Ideen gebildet, Kriege nicht für große Ideen ausgefochten werden. Es passiert, weil die Menschen nicht wollen, dass sich Dinge ändern“. (S. 105)

Auch wenn „Driver 2“ tatsächlich nach der erfolgreichen Verfimlung des ersten „Driver“-Romanes auf einem Auftrag aus Hollywood beruht, ist davon in dem Buch nichts zu spüren. Konsequent setzt Sallis auf die bewährten Elemente des ersten Teils und lässt seinen einsamen Helden zwischen Flucht und Verteidigung genügend Zeit, um mit seinem Drehbuchschreiberfreund Manny über das Menschsein zu reflektieren.

Ein düsterer Krimi-Noir, der einen keine Sekunde loslässt.

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