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In Bedrängnis : Roman / Richard Hughes. Deutsch von Michael Walter

„Das heißt, sie waren allein bis auf die Delphine. Denn als der Vordersteven des Schiffs das violette Glas durchschnitt, pflügte er glitzernde, schneeweiße Schaumberge auf; und etwas Schöneres als die tief im Inneren des Glases tanzenden Delphine hatte ich noch nie gesehen. Ein Dutzend Tiere, mächtig, viel größer als ein Mensch, am Rücken olivbraun, die Flanken und der Bauch von einem leuchtenden Blassgrün; ihre Form: Gestalt gewordene Geschwindigkeit. Die spitze Schnauze vor der wulstigen Stirn teilte das Wasser perfekt, und hinter der rudernden Schwanzflosse schloss es sich wieder, so als sei nichts gewesen. Meistens tanzten sie paarweise, glitten vor dem Steven hin- und her wie Schlittschuhläufer, dann kreuzten sie – einer oben, einer unten – übereinander hinweg, drehten sich um die eigene Achse, ein silbrig grünlicher Blitz tief unter Wasser, stiegen nach oben, bis ihre Rückenflosse die Luft wie eine weiße Feder durchtrennte, schnellten hoch wie kraftstrotzende Meerjungfrauen, haltlos vor Glück, warfen sich im Sprung auf den Rücken bald zu zweit, manchmal zu dritt, zu viert oder auch zu fünft. Plötzlich schossen zwei davon und verließen das Schiff; aus dem Nichts tauchten zwei neue auf, kreuzten den Bug und gesellten sich zu dem himmlischen Wasserspiel“. (S. 25)

Der Kampf des Menschen gegen die Gewalten der Natur ist ein immer wiederkehrendes Thema in der Literatur: die Bandbreite reicht dabei vom einfach gestrickten Abenteuerroman mit einer ordentlichen Portion Heldentromantik und Kitsch bis hin zu den unsterblichen Werken von Weltrang, etwa den Romanen Jack Londons, Joseph Conrads oder Hermann Melvilles, in denen der Konflikt zwischen Mensch und übermächtiger Natur elementare, existentielle Konflikte und Probleme des modernen Menschen spiegelt.

Auf den ersten Blick könnte man die Neuübersetzung von Hughes Roman „In Bedrängnis“ (im englischen Original 1938 erschienen) für einen klassischen Seefahrer- und Abenteuerroman halten, doch er ist weit mehr als das:
Im Jahr 1929 fährt der britische Dampfer „Archimedes“, ein hochmodernes und tadellos in Schuss gehaltenes Frachtschiff, unter Kapitän Edwardes mit Tabal und Altpapier an Bord Richtung Panamakanal. Den bereits recht ausgefeilten meteorologischen Vorhersagen zum Trotz fahren sie nicht auf einen leichten Sturm zu, sondern geraten in einen Orkan mit einer nie gemessenenen Wucht und Stärke, der sich rasch zum Hurrikan auswächst. Trotzdem Edwardes zu jedem gegegeben Zeitpunkt kühl und gelassen die richtigen Entscheidungen trifft, können er und seine Mannschaft schon bald die Maschinen nicht mehr am Laufen halten: die Archimedes wird manovrierunfähig und nimmt überdies Wasser über.
Die Besatzung des Schiffes kämpft vier Tage und Nächte lang gegen den Untergang. Besatzung und Schiff überstehen den Ozean, doch so wie das Schiff schwer beschädigt ist, so versehrt und verstört ist die Mannschaft nach diesem Sturm, der sie über ihre Kräfte hinaus gefordert und ihnen auf elementare Weise die Grenzen menschlicher Macht gegenüber den Urgewalten der Natur aufgezeigt hat.

„Zum ersten Mal, seit dem Höhepunkt des Sturms, konnten sie das Schiff vom Heck bis zum Bug überblicken. Zum ersten Mal sahen sie den gähnenden Krater, den der Fuß des Schornsteins hinterlassen hatte. Zerschmetterte Ladebäume, verbogene Stage. Das Ruderhaus glich einem zertrümmerten Wintergarten. Dazu die Schlagseite. Anfangs hatten sie sie noch wahrgenommen, als sie sich dann allmählich daran gewöhnten, dachten sie kaum mehr daran; aber jetzt sah man den Horizont seitlich weggekippt daliegen, den Ozean steil aufgerichtet wie eine Wand, als wolle er sich über den Rand der Welt ergießen, so steil, dass er sich über der Leereling aufzutürmen schien. Das Meer wimmelte von Haien, die einen auf Augenhöhe anglotzten, man konnte fast meinen, sie starrten auf einen herunter. Es schien, als könnten sie jeden Augenblick die steile grüne Wasserwand aufs Deck herabgleiten, direkt auf einen zu. Sie warteten offensichtlich auf etwas, und zwar voller Ungeduld“.

„In Bedrängnis“ ist nur vordergründig ein Abenteuerroman: tatsächlich geht er tiefer, wird doch im existentiellen Kampf der Besatzung deutlich, wie ausgeliefert und ausgesetzt auch der moderne Mensch in seinem Leben ist. Richard Hughes schrieb die Geschichte kurz vor dem Beginn des Zweiten Weltkrieges nieder, als die Folgen des Ersten Weltkrieges und der großen Werltwirtschaftskrise noch im kollektiven Bewußtsein verankert waren. Hughes „Helden“ versuchen zum Teil in der Krise, sich auf ihre Erfahrungen zurückzuziehen und daraus in der Krise Kraft zu schöpfen, entdecken aber dabei neben ungeahnten Kräften gleichzeitig auch ihre tiefe Verwundbarkeit und Verlorenheit. Der Sturm als existentielle Krise bringt bei den Protagonisten Hughes nicht nur die hellen, kraftvollen Seiten hervor, sondern auch die düsteren Seiten, den Fatalismus, den Egoismus und die (wenn auch nicht vollzogene) Bereitschaft, für die eigene Rettung andere zu opfern.

Das Buch verliert seinen Reiz auch dann nicht, wenn man weiß, dass es reale Ereignisse gab, die Hughes dazu inspiriert haben: in einem schweren Hurrikan vor Kuba geriet 1932 der Dampfer SS Phemius für vier Tage in Seenot und überstand das Unwetter mitsamt seiner Besatzung. Deutlich wird, dass der Mensch, egal wie modern und technisch versiert er ist, seinem Schicksal nicht entgehen kann: der unausweichliche Tod kann ihn auf einem Schiff in einem Sturm unerreichten Ausmaßes erreichen oder nicht, doch die Erkenntnis, dass alles Leben letztlich veroren wird, bleibt.

Michael Walter übersetzt den Roman von Richard Hughes in eine kühle, präzise und dabei überaus schöne Sprache, die auch die Innenschau der Protagonisten einschliesst und den Ablauf der vier Tage so genau wie spannend schildert. Hughes gelingen dabei sprachliche Bilder von bestechender Schönheit – und wahrscheinlich ist das eingangs angebrachte Zitat über Delphine eine der schönsten literarischen Beschreibungen dieser Tiere.

Ein ausgesprochen dichter, hochpräzise aufgebauter Roman und sorgfältig komponierter Roman, der weit über das ihm vordergründig zuzuschreibende Genre hinausreicht und den modernen Menschen in seiner existentiellen Krise zum Thema hat, vorgeführt im Konflikt mit einer übermächtigen Natur. Aufgrund des tiefen Eindrucks, den das Buch in mir hinterliess, gehört es für mich zu den Büchern des Jahres, die mich am meisten berührt und bewegt haben.


(The S.S. Phemius, 7,406 tons, 1921 to 1943, British)

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