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Jargsblogs beste Scheiben 2013: Film

Auch im Bereich Film gilt es, eine Jahresbilanz zu ziehen: ich hoffe, es darf eine Scheibe mehr sein, da ich bei der Musik leider nur neun auserwählte Alben präsentieren konnte, die den Kriterien der radikal-subjektiven Best-of-Wahl für 2013 standhalten konnten. Einfach war es wieder nicht, da es 2013 eine ganze Reihe wunderbarer und beeindruckender Filme gab.
Die Auswahl ist wieder bunt gemischt und umfasst Kinderfilme ebenso wie Dokumentationen, Action-Filme, Komödien und ernsteren Stoff. And the Jarg goes to …

Ingo Haeb ist mit seiner kleine, feinen Komödie „Sohnemänner“ etwas Wunderbares gelungen: er treibt einem die Lachtränen in die Augen und verfolgt sein Thema doch mit großer Ernsthaftigkeit und Sorgfalt. So wird daraus ein kleines cinestisches Kammerspiel, dass mit durchweg hervorragender Besetzung glänzt und bei aller Komik die Vater-Sohn-Beziehung und das Thema Alter in den Fokus rückt. Ein bemerkenswert schöner Film, den als reine Komödie zu bezeichnen unzutreffend wäre, vermischt sich hier doch der lakonische, trockene Humor mit tiefer Traurigkeit, auch wenn am Ende die Versöhnung steht.

Eine wunderbare Komödie mit fantastisch-skurrilen Elementen ist „Die Fee“ von und mit Dominique Abel: ein wunderbar anachronistischer Film, unerhört lebendig, absurd und zugleich bezaubernd und berührend zugleich. Es passt alles: die sparsamen, sorgfältig in die Handlung eingebauten Dialoge, die Rasanz der Verfolgungsjagden, die trotz aller Absurdität und fast schon beiläufigen Fantastik schlüssig und glaubhaft ausgebaute Geschichte, die stark von Gestik, Mimik und Bewegung lebt und der man rasch verfallen ist. Er wird zu Recht in die Tradition großer Filme von Buster Keaton, Charles Chaplin undJacques Tati gestellt.

Wer in den 1970er und 1980er Jahren sozialisiert weworden ist und kluge Komödien zu schätzrn weiß, wird an dem Film „Was weg is, is weg“ seine helle Freude haben. Christian Lerch ist eine aberwitzige, absurde und tiefschwarz-makabre Komödie gelungen, die geschickt bayerisches Landleben, die 1980er Jahre, bauerliche Idylle und die durhstartende Umweltbewegung durch den Kakao zieht. Hervorragend besetzt, werden hier mit gutem Gespür für Timing und Dramatik die Bälle ausgespielt und den Figuren mit viel Gespür und Liebe zum Detail Leben verliehen. Dabei bedient sich Lerch auch der Übertreibung, um in seiner Komödie einen humorvollen Blick auf diese seltsame Dekade, ihre Verwerfungen, Ängste und Neurosen zu werfen.

Im reinen Action-Kino-Bereich ist Dax Sheperds „Hit and run“ anzusiedeln: Furios inszeniert, stehen in der Geschichte wilde Autojagden, schräger Witz und rasante körperbetonte Situationskomik. Unwillkürlich fühlt man sich an Filme wie “Cannonball run” oder “Smokey and the Bandit” erinnert, versetzt in die Gegenwart. Spannend, witzig und mit liebevoll gezeichnetene Figuren vom fiesen Kleingangster bis hin zum diletantischen US-Marshal, langweilt der solide gemachte Film mit seinen aberwitzigen Stunts und schnellen Wortwechseln keine Sekunde und garantiert 96 Minuten besten, relativ unblutigen Popcornkino-Spaß. Und nein, der Film hat keine Botschaft, erklärt einem nicht den Sinn des Lebens oder die Frage des Rosinenbrötchens, ob es ein Leben vor dem Teig gibt – macht aber Laune. Auch das muss mal sein.

Auch David Koepps „Premium Rush zählt zu den Action-Filmen, überzeugt aber mit einem Fokus auf Fortbewegungsmittel der alternativen Art: Fahrräder. Koepp, der als Regisseur und Drehbuchautor unter anderem für Blockbuster wie Jurassic Park und Mission Impossible verantwortlich war, liefert mit “Premium Rush” einen atemberaubenden und geschickt aufgebauten Thriller ab, der das in Actionfilmen zum Standardrepertoire gehörende Element Verfolgungsjagd zu ungeahnten velocipädischen Höhen treibt. Die nicht chronologisch, sondern mit eingeflochtenden Rückblenden erzählte Geschichte, die nahezu in Echtzeit erzählt wird, reisst einen von Beginn an mit: sorgfältig spinnt Koepp den Faden der Geschichte, bis dieser ebenso zum Zerreissen gespannt ist wie die Nerven der Zuschauer.

Dieser mit fantastischen Elementen im Genre der Dystopie spielende Film lässt einen so schnell nicht los: „Beasts of the southern wild, der seine Geschichte ganz aus der Perspektive der kindlichen Protagositin erzählt. Ein fantastischer Film des magischen Realismus voller Leben, Wildheit und elementaren Gedanken, wunderbar inszeniert und gespielt, hervorragend in der musikalischen Untermalung mit einem gehaltvollen Subtext, der noch lange nachwirkt. Schalten Sie also nach dem Film ihr Bewußtsein wieder an – und schauen Sie, welche Bilder und Gedanken ihnen kommen nach diesem besonderen Film.

Vordergründig scheint „The Hunter“ allein schon vom Titelbild her ein Actionfilm zu sein. Doch der Film ist letztlich alles andere als das: Der wunderschön inszenierte und fotografierte Film hat einen sehr traurigen, melancholischen Unterton und lässt seinem nur zaghaft positiven Ende verstörende Szenen vorausgehen, die jedoch im Gesamtkontext des Filmes großen Sinn machen: sie laden zu Reflexionen ein, die weit über die Hauptfigur und ihre innere Wandlung hinausgehen und zu ökologischen und ethischen Diskussionen anregen können in einer Zeit, in der der Mensch die dominierende, alles formende Spezies auf diesem Planeten geworden ist. Der filmische Blick in die Augen des letzten tasmanischen Tigers und die einsame Entscheidung des Protagonisten bekommen so eine geradezu elementare Bedeutung. Ein ungemein packender, traurig-schöner Film, atmosphärisch dicht und gehaltvoll, der einen zunächst stumm und bedrückt zurücklässt.

Bedrückend ist der australische Film „Last Ride“ mit Hugo Weaving, der ein wenig an „The Road“ (nach Cormack MacCarthy) erinnert, auch wenn hier nicht die Dystopie, sondern die Beziehung eines gescheiterten Mannes zu seinem Sohn im Vordergrund steht. Gelingt es in “The Road” dem Vater, seinen Sohn in düsterer Zeit unter Aufopferung seiner Kraft und letztlich seines Lebens in den Süden zu retten, so flieht in “Last Ride” der Vater vor seinen eigenen Dämonen, denen er sich am Ende nur durch seinen Sohn und dessen trotz Gewalt und Flucht anhaltende Liebe stellt. So unterschiedlich beide Geschichten sind, so berührend sie sich doch am Punkt der Vaterliebe, die im erstgenannten Film offen zutage tritt und in “Last Ride” erst unter dem Geröll eines offensichtlich mehrfach gscheiterten Lebens neu entdeckt werden muss. Wie in “The Road” bleibt es am Ende ungewiss, ob es Rettung für den Jungen gibt – aber die Fantasie des Zuschauers hofft es im Angesicht der letzten Filmbilder, ja wünscht es sich herbei. Meisterhaft gespielt von beiden Hauptdarstellern, bewegt einen der Film noch lange nach der letzten Szene.

Eine Mischung zwischen Dokumentation und Kinderfilm ist Claude Nuridsanys „Das Wunder der Natur“. Nuridsany? Richtig, den kennt man von „Mikrokosmos“, jenem Klassiker des Dokumentarfilms der 1990er. Nuridsanys Film zeigt uns das Leben im besten Sinne als etwas Erstaunliches und Außergewöhnliches: ein Film voller Fragen und Neugier, aber auch voller Staunen über die kleinen Welten um uns herum und ihre inneren und äußeren Zusammenhänge. Eine wundervolle, in eine kindgerechte Rahmenhandlung eingebettete Naturdokumentation voller Poesie und Schönheit für alle neugierigen “Naturwissenschaftler” ab sechs Jahren, die sich gern bezaubern lassen.

Es gibt Naturdokumentationen, die sich auch und gerade für Kinder hervorragend eignen, setzen sie doch auf die Kraft der Bilder, ohne mit blutrünstigen Szenen oder zu viele Worten kleine Filmgucker zu überfordern. Eine solche ist „Serengeti“ von Reinhard Radke. Ihm gelingen spektakuläre Bilder von Tieren und Landschaften, die er dramaturgisch geschickt inszeniert und mal mit Zeitlupe, mal mit Zeitraffer ablaufen lässt. Nicht selten stockt einem der Atem, so schön sind die Landschaften, so dramatatisch die Situationen, denen sich die Tiere – ob Jäger oder Gejagte – ausgesetzt sehen. Die Überwindung des Steilhangs des Flusses Mara durch die Gnus etwa hat Radke so meisterhaft gefilmt, dass die Bilder lange nachwirken und man den unbedingten Überlebenswillen der Tiere. Der Kommentar ist auf das wesentliche reduziert und begleitet die opulenten Bilder mit gut ausgewählten Informationen, ohne sich in den Vordergrund zu speilen. So können die einmaligen Filmbilder ihre Wirkung voll entfalten.

Auch die Dokumentation über Paul Watson, Gründer der Sea Sheoperd Conservation Society, verdient einen Platz auf dieser Liste. Ein absolut parteiischer Film, der mit einem sarkastischen, selbstironischen Kommentar unterlegt ist und klar Position gegen die Ausbeutung der Meere bezieht, sei es aus wirtschaftlichen oder vorgeblich traditionellen Gründen oder um des Blutrausches wegen (s. Färöer). Die zum Teil drastischen Bilder sind für Kinder ganz sicher noch nicht geeignet, auch wenn man nur hoffen kann, dass er weiter junge Menschen für sich und seine Idee begeistern kann.

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