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Im Jahr des Tigerochsen / Christian Y. Schmidt

Christian Y. Schmid, der in China wohnende, mit einer Chinesin verheiratete Ex-Titanic-Redakteur hat schon zweimal in Buchform über China berichtet (vergl.: „Allein unter 1,3 Milliarden„) und dabei neben journalistischer Distanz und Akribie auch bewiesen, dass er spannend und – wo angebracht – humorvoll schreiben kann. Mit „Im Jahr des Tigerochsen“ legt er ein weiteres Buch über das fernöstliche Riesenland vor.

Nach Jahren in China hat er mittlerweile einen eigenen Blick für landestypische Eigenheiten entwickelt, manche Verhaltensweisen angenommen, manche westlichen Betrachtungen über China einem kritischen Urteil unterzogen und sie nicht selten revidiert. „Im Jahr des Tigerochsen“ beruht überwiegend aus Kolumnen, die in der „taz“ erschienen sind. Der Autor reflektiert darin nicht nur über seine Erfahrungen in Peking, sondern geht auch spezifischen Fragestellungen nach, denen er im Laufe seiner chinesischen jahre begegnet ist und die zu klären er etliche Reisen auf sich nimmt.

So geht er der Frage nach den prügelnden Chinesinnen und der auf den ersten Blick nicht erkennbaren Verbindung zum Flirten ebenso nach wie den Posertreppen in chinesischen Schwimmbädern und dem Rätsel, warum Chinesen im allgemeinen rund fünfzig Jahre nach Maos berühmten Schwimmzügen im Jangtze selten schwimmen können. Befremdet steht er vor der Tasache, dass manche Hotels in China nicht für Ausländer lizensiert sind, erstaunt vor dem Faktum, dass es alkoholabstinent lebende Mongolen gibt und verwundert vor der Tatsache, dass es in Chinas zart wachsendem Inlandstourismus mittlerweile Wüstenerlebnisparks gibt.

Aber Schmidt beschränkt sich längst nicht auf seine Erlebnisse in China und bleibt nicht allein bei der humorvollen Betrachtung fernöstlicher Lebensgepflogenheiten. Er wirft auch einen Blick auf etliche ihm mittlerweile vertraut gewordene chinesche Verhaltensweisen, die daheim in Deutschland zu Irritaionen führen: so kennt man in China keine Lichtschalter für Hausflure, sondern stampft kräftig auf, um dem Bewegungsmelder das Signal zum Einschalten der Treppenhausbeleuchtung zu geben. Auch brüllt man in Deutschland nicht nach dem Kellner, bleibt an roten Ampeln stehen, wenn sich daneben ein Polizist aufhält. Und seine Erfahrungen als in China lebender Westler zeigen, dass die kulturellen Irritationen durchaus beidseitig sein können.

„Im Jahr des Tigerochsen“ zeichnet sich aber nicht allein durch die humorvollen, aber stets an der Vermittlung von landesüblichen Sitten und Gebräuchen orientierten Passagen aus. Schmidt bleibt kritischer Journalist – dies aber zum Glück in beide Richtungen. So verschweigt er durchaus nicht, wo China seine Probleme hat, ja es offen zu kritisieren ist aufgrund von Menschenrechtsverletzungen oder mangelnder dekokratischer Entwicklung. Gleichzeitig hält er aber auch und gerade den deutschen Medien eine ausgesprochen einseitige Berichterstattung vor wie etwa bezüglich der – offensichtlich fingierten – Massaker an den Uiguren, die in Wirklichkeit Massaker an Han-Chinesen gewesen sind. Dabei zeichnet er insgesamt von China ein äußerst differenziertes Bild, dass sich von dem Bild in der Mehrheit der deutschen Medien unterscheidet, die China oft nur in Zusammenhang mit Umweltverschmutzung, Menschenrechtsverletzungen und Großmachtstreben bringen, selten aber aufzeigen, dass es durchaus mehr Bewegung und damit auch positive Entwickung in dem sich drastisch verändernden Riesenreich gibt als man denkt.

Erschreckend ist sein Bericht über einen Besuch Horst Seehofers in China und dessen bizarres Online-Tagebuch. Man fragt sich in anbetracht der Merkwürdigkeiten in Seehofers Blick auf die Welt (abgesehen von ortographischen Seltsamkeiten), was den Mann zum Ministerpräsidenten qualifiziert und kann gut nachvollziehen, dass Schmidt China sofort verlassen würde, wenn Seehofer dort Asyl bekäme (Im Online-Tagebuch Seehofers kann man übrigens zum eigenen Amüsenment hier lesen)

China ist und bleibt ein faszinierendes Land voller Widersprüche, das sich rasant entwickelt, sowohl kritische und wie positive politische und wirtschaftliche Entwicklungen zeigt. Christian Y. Schmidt gelingt es einmal mehr, dem westlich sozialisierten Leser einen tiefen Blick in die Besonderheiten Chinas, seiner Bewohner und ihres Alltags zu ermöglichen. Ein ausgesprochen lesenswertes Buch, das humorvoll ist, wo es der Sache dient, ernst wird, wo es abgebracht ist und eine überaus bereichernde Lektüre darstellt.

13 thoughts on “Im Jahr des Tigerochsen / Christian Y. Schmidt

  1. Oh, ich habe gar nicht mitbekommen, dass der Gute noch mal nachgelegt hat – und das schon vor so langer Zeit. Klingt ja fast so, als wäre das Buch noch besser als das erste, da noch ausgewogener. Danke für den Tipp!

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    • Ja, der Job strahlt schon oft positiv ins Private aus … ich kann echt dankbar sein.
      König Olaf ist natürlich sehr speziell … wer weiss, ob er überhaupt schreibt.
      Ein zauberhaftes Wochenende wünscht
      Jarg

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