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Jargsblogs beste Bücher 2013: Sachbücher

Da der despotische Chefredakteur von Jargsblog Urlaub hatte, die Vertretung im Zimtsternkoma unter dem Redaktionsschreibtisch lag, der Blogadministrator an einem Stück kalter Pizza erstickt ist und der Praktikant vom 20. Dezember bis zum Neujahrsmorgen versucht hat, seinen Tetris-Highscore zu brechen, erscheint die unverzichtbare Zusammenstellung der besten Sachbücher für 2013 leider erst jetzt. Dabei stehen im abgelaufenen Jahr Skepsis, nüchterne Analyse und Aufklärung ebenso im Fokus wie bemerkenswerte biografische Ausführungen und philosophische Überlegungen.

Zu Recht mit „Eine Anstiftung zum Denken“ untertitelt, begeisterte mich das schmale Büchlein „Das hier ist Wasser“ von David Foster Wallace. Ein Buch, dass man jedem jungen Erwachsenen beim Aufbruch in das eigene selbstbestimmte Leben empfehlen sollte zu lesen: Wahre Bildung geht für Wallace über Noten und Bewertungen weit hinaus und zeigt sich im Öffnen gegenüber der Welt und den anderen, im Eingestehen der eigenen Unzulänglichkeit und in der ständigen Selbstüberwindung, aus dem eigenen Trott des Denkens auszubrechen und über den Tellerrand zu schauen. Wallace verschweigt dabei nicht, dass diese vorgebliche so leichte Grundhaltung immer und immer wieder aufs neue gesucht und eingenommen werden muss im Erwachsenenleben.

„Gedankenlesen durch Schneckenstreicheln“ ist das zweite Buch der Sciencebuster aus Österreich, jener besonderen Boygroup der aufgeklärten Wissenschaft. Ein wunderbares, launig und mit spitzer Feder geschriebenes Buch, dass Lust macht auf Naturwissenschaften und naturwissenschaftliches Denken, mit Wiener Schmäh und viel Witz die Leichtgläubigkeit vieler Menschen durch den Kakao zieht und gegen jegliche Form von Aberglauben, Glauben und Hokuspokus das solide Denken setzt. Und seien Sie versichert, dass es allemal besser ist, ein Wurmgrunzer zu sein statt ein Seehase oder ein Wasserbär. Warum? Nun, dass müssen Sie schon selber nachlesen.

Auch dieses Buch regt zum eigenständigen Denken an: eine Lücke im Sachbuchmarkt schliesst Patrick Lindenfors mit seinem wunderbar unaufgeregten, aufklärenden Buch „Gott gibt es wohl nicht“, richtet es seine religionskritischen Ausführungen doch direkt an Jugendliche, für die es in der Fülle oft schwülstiger religiöser Traktätchen für die Altergruppe kaum Texte gibt, die die sachlich und nüchtern die Gegenposition einnehmen und fundierte Kritik an Glaubenspositionen und -begründungen üben. Für Eltern ist das Buch ebenfalls geeignet als gute Grundlage für Diskussionen mit irritiert aus dem Religionsunterricht heimkehrenden Grundschulkindern ist der ohne missionarischen Eifer sein Thema vortragende Lindenfors sehr gut geeignet, können doch einzelne Argumentationen durch die einfache (aber nicht vereinfachende!) Sprache des Autors auch gut heruntergebrochen werden auf das Niveau kleinerer Kinder ab etwa 8 Jahren. Zum Selberlesen, Selberdenken und diskutieren ist das Buch ab etwa 11 bis 14 Jahren gut geeignet.

Zornig, doch nah am Puls unserer durchökonomisierten Zeit beschäftigt sich Info Schulze in „Unsere schönen neuen Kleider“ mit unserer einer weitgehend enthemmten Wirtschaft ausgesetzten Gesellschaft und Politik und hält uns und unseren Vorksvertretern den Spiegel vor. Ein ungemein wichtiges, sein Anliegen ebenso eindrucksvoll wie sprachmächtig artikulierendes Buch jenseits allen Politikgeschwafels. Schauen wir also hin, entdecken wir, wie “nackt der Kaiser” wirklich ist – und nehmen wir unsere Volksvertreter in die Pflicht und uns selbst ebenso.

In „Unterwegs mit wilden Kerlen“ berichtet Birgit Lutz von ihrer zum Teil aus Zufall geborenen Leidenschaft für die Arktis, die einen rasch bei der Lektüre ansteckt: dabei erfahren wir nicht nur viel über die Reisen in die Arktis zu und letztlich auch einen Fußmarsch zum Pol: Lutz beschäftigt sich auch stark mit der Faszination, die diese menschenfeindliche Landschaft auf sie und andere Menschen ausübt – und sie gibt die Faszination an ihre Leser weiter in ihrem geschickt aufgebauten Buch, dass den Bericht über die Polwanderung abwechselnd verschränkt mit Reportagen von Spitzbergen, von den Eisbrechern.

Mit „Tiere klagen an“ legte der schweizerische Jurist und vormalige Tieranwalt der Stadt Zürich Anwalt Antoine F. Goetschel ein Buch zum Thema Tierethik und Tierrechte vor, das die lektüre mehr als wert ist. Es regt dazu an, sich mit den katastrophalen Haltungsbedingungen von Tieren auseinanderzusetzen, ihrem wirklichen Wert für uns und der Frage, welchen hohen ethischen Preis uns das Stück Fleisch auf dem Teller, der besondere, hochgezüchtete Hund an der Leine oder die neueste Antifaltencreme wirklich wert sind. Dem Autor ist gut recherchiertes, trotz Leidenschaft für die Sache des Tieres sehr ausgewogenes Buch gelungen, das einlädt, eigene Haltungen zu überprüfen und darüber hinaus als Grundlage für tierethische und -rechtliche Diskussionen hervorragend geeignet ist.

Jede Generation scheint Montaigne neu für sich zu entdecken. Einen besonders schönen Beitrag zu Leben und Gedanken dieses schon klassischen Autors und Philosophen leistet Sarah Bakewell mit „Wie soll ich leben oder das Leben von Montaigne in einer Frage und zwanzig Antworten“. Die bringt uns nicht nur Montaignes fazinierendes Leben, sondern vor allem in zwanzig leitsätzen seine Lebenserkenntnisse nahe, die seine Lebenshaltung umreissen, Anregung für die eigene geben und machen Lust darauf machen, noch mehr von ihm zu erfahren. Ein ungemein bereicherndes und beglückendes Buch, dass Lust auf die Essais macht.

Tief berührt hat mich im Herbst die biografische Aufzeichnung von „Wenn ich dich umarme, hab keine Angst“ von Fulvio Ervas über die Reise eines Vaters mit seinem autistischen Sohn durch Amerika. Ws erlaubt einen Blick in die Erlebnisse eines Vaters, der seinen autistischen Jungen über alles liebt, und in die Erlebniswelt des Jungen selbst, die anders, aber nicht weniger reich zu sein scheint als die sogenannter “normaler” Menschen.

Seiner eigenen Familiegeschichte spürt Edmund de Waal in „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ in Verbbindung mit Familienerbstücken in Form japanischer Kleinskulpturen namens Netsuke nach. Für mich eines der intensivsten Lektüreerlebnissen in diesem Jahr, ein Buch, das mich bewegt, berührt und bereichert zurückgelassen hat. Es geht weit über eine bloße Familiengeschichte hinausreicht und beschäftigt sich auf einer anderen, tieferen Ebene damit, was wir haben und hatten, wie schnell ein an Erlebnissenn und Begegnungen reiches Leben vorbei ist, wie wenig von uns bleibt ausser dem Schatz der Erinnerung, sofern ihn einer zu heben vermag – wie hier.

„Fräulein Jacobs funktioniert nicht“ von Louise Jacobs ist nur vordergründig die Biografie einer Tochter aus gutem Hause, die einen anderen als den vorgezeichneten Weg genommen hat. Rasch wächst bei der Lektüre der Respekt des Lesers für eine Frau, die sich trotz des familiären Hintergrundes ihren eigenen Weg schwer erarbeitet hat. Jacobs gelingen Bilder von Landschaften, Menschen und Emotionen, die – sprachlich schön, intensiv und treffend zugleich – tief berühren und in Bann halten, bis das Buch ausgelesen ist.

6 thoughts on “Jargsblogs beste Bücher 2013: Sachbücher

  1. Pingback: (Die Sonntagsleserin) KW #02 – Januar 2014 | Bücherphilosophin.

  2. David Foster Wallace habe ich auch sehr gerne gelesen, die Rezension zu „Das ist Wasser“ gehört immer noch zu den beliebtesten Postings auf meinem Blog. Deine Übersicht ruft mir noch einmal das Buch von Louise Jacobs in Erinnerung, das ich unbedingt lesen möchte.

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    • Louise Jacobs Buch lohnt sich unbedingt.
      Und von Foster Wallace möchte ich dieses Jahr auch mehr lesen … am liebsten „Ein unendlicher Spaß“. Kennst Du „Schrecklich amüsant …“? Das ist unvergleichlich komisch und bitterboese! Solltest Du aber nicht lesen, wenn Du eine Kreuzfahrt planst …😉

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