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Das Handwerk des Teufels : Roman / Donald Ray Pollock

USA, Ohio, in den 1950er und 1960er Jahren. Nach „Knockenstiff“ entführt uns Pollock erneut in den „Bible Belt“ der USA, nach Ohio und lässt auch den Ort des Vorgängerromans wieder vorkommen.

Der junge Arvin wächst in einer Welt voller Gewalt, Korruption und religiösem Fanatismus auf. Sein Vater, ein spät religiös erweckter Weltkriegsveteran, versucht vergeblich, durch Blutopfer und inbrünstige Gebete den drohenden Tod seiner über alles geliebten Frau zu vermeiden, tötet sich am Ende selbst und lässt Arvin verstört zurück. Der bei der Großmutter aufwachsende Junge beginnt seinen eigenen Weg zu gehen, um entgegen aller Wahrscheinlichkeiten seinem vorgezeichnet scheinenden Schicksal zu entrinnen.

Doch die Welt, in der Arvin aufwächst, ist von Gewalt, Korruption und religiösem Fantismus erfüllt: da sind die zwei reisenden Prediger, pädophil der eine, arachnophobisch und exaltiert der andere. Da ist der korrupte Sheriff, der nur seine Wiederwahl im Blick hat. Wir begegnen einem gottesfürchtigen Pfarrer, der Mädchen mißbraucht und einem psychopathisch veranlagten Serienkillerpärchen, das auf Menschenjagd geht.

Arvin geht einen schmalen Weg ins Erwachsenenleben und versucht, sich und seine Familie nur dort mit Gewalt zu beschützen, wo kein anderer Ausweg möglich scheint. Doch als seine Cousine sich nach einer fatalen Affäre mit dem bigotten Dorfprediger erhängt, nimmt Arvin Rache, flieht – und kann doch nicht entkommen.

Pollock ist ein atmosphärisch ungeheuer dichtes und zutiefst bedrückendes Buch gelungen über menschliche Angründe, Verrohung und egozentrische Verwahrlosung: zuweilen scheint in seinen Protagonisten so etwas wie Erkenntnis über ihren düsteren Lebenswandel aufzuglimmen, die jedoch stets von der Gegenwart getilgt wird wie eine zögernde Flamme im Wind. Arvin scheint, obwohl er Selbstjustiz an dem am Tod seiner Cousine mittelbar schuldigen Prediger übt, der einzige zu sein, der im Handeln die Folgen seines Handels reflektiert und sich in seiner verzweifelten Flucht aus dem Elend von Armut und Gewalt so etwas wie menschliche Würde bewahrt. Doch die sich überaus böse zuspitzenden Umstände eskalieren und zwingen ihn trotz seines Bestrebens, aus dem Elend und den vorgezeichneten Wegen auszubrechen, letztlich zum Äußersten, wenn er überleben will.

Geschickt führt Pollock die Lebenswege des psychopathischen Serienkillers Carl und seines Lockvogels Sandy mit dem Weg Arvins zusammen: in der fast zwingend erscheinenden Zusammenführung wird die innere Konsequenz und Schlüssigkeit von massiv beschädigten Lebenswegen jenseits jeglicher Menschlichkeit erst sichtbar. Dabei gelingen Pollok sprachliche Bilder von eindringlicher Wucht, die den Leser ungewollt tief in die Gedankenwelten von Menschen eintauchen lassen, die sich fern jeglicher zivilisatorischer Errungenschaften bewegen und nur von eigenen Motiven leiten lassen. Düster, böse, brutal und hoffnungslos erzählt Pollock und lässt auch Arvins Schicksal am Ende offen, wenngleich der verstörte Leser nicht anders kann als hoffen für den einzigen Protagonisten, mit dem ihn eine wenn auch von innerem Widerstreben und Widerspruch gekennzeichnete Identifikation möglich scheint.

Dabei ist Pollock weit entfernt von jener Literatur, in der der einsame Rächer gefeiert wird, der Selbstjustiz übt und am Ende für das Gute steht. Hier steht niemand am Ende als strahlender Held da, ist niemand nur gut, niemand am Ende der Gewinner, niemand ist reingewaschen von jeder Schuld und strahlender Retter vor dem sogenannten Bösen.

Ich mochte das Buch kaum aus der Hand legen, so gekommt spinnt Pollock die Fäden seiner Geschichte, variiert er das Tempo. Seine Charaktere sind dabei weit davon entfernt, eindimensional zu sein: in ihnen werden die Beschädigungen sichtbar, die das Leben zufügt, wenn Menschen verrohen und sich erlittende Gewalt, fehlende Liebe und Zuwendung in äußerster Brutalität und Selbstbezogenheit nach aussen wendet. Selbst der Gegenpol all dieser düsteren Charaktere kann seinem Milieu dabei nur entrinnen, in dem er bis zum Äußersten geht, ohne es wirklich zu wollen.

Ein beklemmendes, sprachmächtiges Buch in der Tradition Cormack McCarthys und William Gays und nicht minder eindringlich und elementar.

8 thoughts on “Das Handwerk des Teufels : Roman / Donald Ray Pollock

    • Liebe Susanne,
      ja, traurig ist es. Und sehr beeindruckend zugleich. So eine Krimi-Noir-Phase hat hält zwei Seiten …
      Eine zauberhafte Woche Dir!
      Liebe Gruesse von
      Jarg

      Gefällt mir

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