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Dunkles Verhängnis / James Sallis

„Die Welt ist so sehr voller Worte. Und doch bleibt so vieles, was wirklich wichtig ist, für immer unausgesprochen.“(S. 116)

„Wie selten wir tatsächlich bewußte Entscheidungen treffen, ja wie selten wir uns überhaupt vor eine Entscheidung gestellt sehen. So vieles ist bereits festgelegt: durch unsere DNA, das soziale Umfeld, das Klima, durch unsere Erziehung und den Einfluß der Menschen, mit denen wir es zu tun haben. Und ein großer Teil des Rests ist purer Zufall – wohin die Strömung uns trägt.“ (S. 80)

Vermutlich ist es eher ungewöhnlich und in den meisten Fällen nicht ratsam, den letzten Teil einer Trilogie zuerst zu lesen. In diesem Fall führte mich der Zufall (das Buch war gerade in der Onleihe der Bibliothek meines Vertrauens verfügbar) dennoch dazu, den dritten Schritt vor dem ersten zu tun, da ich derzeit alles von James Sallis und vergleichbaren Autoren verschlinge. Und ich habe es nicht bereut.

Zum Inhalt: wir begleiten Turner, einen ehemaligen Polizisten und Therapeuten, der eine dunkle Vergangenheit als Ex-Sträfling hinter sich hat, durch die Kleinstadt in Tennessee, in der er lebt. Zwei Jahre sind vergangen, seit seine Freundin Val vor seinen Augen erschossen wurde, und noch immer trauert er. Doch mit dem Mordverdacht gegen einen alten Freund drängt sich die Gegenwart machtvoll in Turners Leben und er sieht sich gezwungen, noch einmal zu ermitteln. Doch seine Ermittlungen werden mehr und mehr überlagert von Erinnerungen, Reflexionen und Rückblenden auf das eigene Leben. Auch wenn er am Ende alles aufklärt, scheint er in seinem eigenen Leben wieder am Anfang zu stehen – und am Abgrund zugleich.

Schon merkwürdig, wie sich unser Leben mit zunehmendem Alter in eine Metapher verwandelt. Immer häufiger und ohne besonderen Anlass steigen Erinnerungen in uns auf, und es kommt so weit, dass alles uns an irgendetwas zu erinnern beginnt. Wir, unsere Handlungen, unser Leben, werden symbolisch. Wir stellen uns vor, die welt würde dadurch tiefer, reicher; tatsächlich wird sie nur abstrakter. Wir reden uns ein, wir wüssten jetzt, auf was es wirklich ankommt im Leben, tatsächlich geht es nach wie vor nur darum, die täglichen Routinen am Laufen zu halten. (S. 61)

James Sallis gelingt einmal mehr große Literatur, die sich weit von dem eigentlich zugeschriebenem Genre – dem Krimi und seinem ‚Whodunnit“ – entfernt hat und den Menschen mit seinen Sehnsüchten, seiner Verletztlichkeit und seinem Unvermögen in den Mittelpunkt stellt. Hier explodiert keine Gewalt, finden keine Verfolgungsjagden, dramatischen Ermittlungen und Fluchten statt. Turner ermittelt ruhig und abgeklärt, während Gewalt und Tod fast unspektakulär ihre Opfer finden, die eigentliche Handlung fast schon in den Hintergrund gerät und einmal mehr deutlich wird, wie sehr der Mensch unter seinen Möglichkeiten bleibt, wie vieles im Leben sich in der Rückschau als fast zwangsläufig geschehen erweist und wie wenige Freiheiten der Mensch hat – und sich nimmt.

So wird „Dunkles Vermächtnis“ zu einer in lakonisch-nüchterne, doch niemals kalte Worte gefassten philosophisch-literarischen Auseinandersetzung mit dem kurzen menschlichen Leben, seinen Höhen, Tiefen und Unauslotbarkeiten vor dem Hintergrund des sicheren Todes, dessen Lektüre sich allein für zahllose, anstreichungswürdie Sätze /wie „Ich weine, weil die Welt so schön ist. Das sollten wir alle tun“) mehr als lohnt. Behutsam, mit bewußten Variationen der Geschwindigkeit bis zum Stillstand und mit empathischer Zeichnung der Protagonisten entwickelt Sallis seine Geschichte, die sich im Laufe der Handlung mehr und mehr vom Genre des Krimis oder psychochologischen Thrillers löst und das Leben, die Vergänglichkeit, Freundschaft, Liebe und Verlust sowie die Erinnerung daran in den Mittelpunkt stellt.

Ein wunderbares, melancholisches Buch, das wenig Trost bietet und doch einem warmherzigen Blick auf den Menschen in seinem Widerspruch und seinen unausgeschöpften Potentialen beweist. Ein Buch, dem viele Leser zu wünschen sind.

„Unsere Wege sind nicht mit Rosen bestreut, wir führen kein Leben in Reichtum, wir sagen den Menschen, die wir lieben, nicht, wie sehr wir sie lieben, wenn es drauf ankommt, wir füllen nie ganz die Schatten aus, die wir werfen, während wir durch die welt laufen. Wir machen einfach nur weiter. Und einige von uns, einige wenige Selbst-Erwählte, machen sich daran, herauszufinden, wie viel Musik man machen kann, mit den Mitteln, die einem noch bleiben.“ S. 120)

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12 Kommentare zu “Dunkles Verhängnis / James Sallis

    • Gern geschehen. Die anderen Teile habe ich soeben in der Onleihe der Bibliothek meines Vertrauens gesehen: schätze, die muss ich unbedingt auch lesen.
      Herzlich grüsst Dich
      Jarg

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  1. Hallo Jarg.
    Danke generell für deinen super Blog! Gerade erst entdeckt ;-). Hab mir eben mal schnell drei Kinderbücher rausgesucht für die Kinder meines Neffen. Bald 8, 6 und 4.
    Gruß von Reni

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    • Hallo Reni,
      gern geschehen und danke für das Kompliment. Es freut mich, dass Du etwas auf Jargsblog finden konntest und hoffe, auch in Zukunft ist immer mal wieder etwas für Dich dabei!
      Herzlich grüsst
      Jarg

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  2. Wie schön: wieder ein Buch, in dem man rumkritzelt und sich Sätze anstreicht… das man wieder und wieder in die Hand nimmt (wie übrigens auch das von Julian Barnes „Vom Ende einer Geschichte“, von dem ich dir letztens erzählte).
    Welches sind denn die anderen Titel, die zu der Trilogie gehören? Dann würde ich vielleicht bei Nummer eins anfangen;-)
    Vielen Dank und beste Grüße, Martina

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    • Liebe Martina,
      immer gern geschehen! Die anderen beiden sind „Dunkle Schuld“ 2003) und „Dunkle Vergeltung“ (2006). Scheinbar kriegt der Protagonist noch wesentlich mehr Tiefe, wenn man die Reihenfolge einhält. Ich werde es testen, sobald ich ihrer habhaft werde
      Liebe Grüsse vom
      Jarg alias Sventomjensjörg

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  3. James Sallis ist einer meiner Lieblingsautoren und „Dunkles Verhängnis“ wohl mein zweitliebstes Buch von ihm (nach „Der Killer stirbt“). Dabei hat mich bei der chronologischen Lektüre vor allem diese Spirale fertig gemacht, in der Turner sein Leben verbringt. Einige Plot-Elemente kennst Du nun sicher schon, aber allein aufgrund der Sprache sind die ersten beiden Teile lesenswert.

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    • Ich habe auch fest vor, sie zu lesen, da man den dritten Teil zwar auch git so lesen konnte, die Tiefe der Hauptfigur aber sicher nochmal zunimmt, wenn man die ersten beiden Teile kennt.

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    • Liebe Mara,
      gern geschehen. In der Tat erinnert er an Gay und manche andere Vertrter des Genres und fesselt einen ungemein, auch wenn die Geschichten sehr düster sind. Vielleicht packt er Dich ja genauso wie mich.
      Herzlich grüsst
      Jarg

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  4. Guten Morgen, Jarg,
    das scheint mir ein Buch nach meiner Fasson und es wandert sofort auf meine Wunschliste und wenn ich in diesem Leben einmal Zeit habe…. dann, dann lese ich es….
    Eine schöne Woche wünscht dir Susanne

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    • Liebe Susanne,
      etwas spät lieben Dank für die Wochenstartwünsche. Ich wünsche Dir eine schöne Restwoche … und natürlich die Zeit für die Lektüre dieses und anderer Bücher 😉
      Liebe Grüsse von
      Jarg

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