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Alle im Wunderland : Verteidigung des gewöhnlichen Lebens / Matthias C. Müller

„Wie auf einmal die Straße – in einem Coup der frühen Tage – wieder zu einem begehrenswerten Ort, zu einem Platz im Sinne der Lichtung wurde! Lichtung in der Zeit. Kinder spielten wieder Murmeln, hüpften Seil und gingen auf Stelzen“.
(Botho Strauß, Vom Aufenthalt, a.a.O., S. 44)

Eine Streitschrift für das „gewöhnliche Leben“? Eine Buch, in dem der negativ besetzte Begriff „Spiesser“ einmal positiv gewendet und dem allgemein als langweilig empfundenen Alltag Glückspotentiale zugeschrieben werden? In Zeiten der Selbstoptimierung, des allgemeinen Starkultes, des Arbeitens von einem Projekt zum nächsten und der gesamtgesellschaftlich verankerten Haltung, immer das Maximum aus allem und vor allem aus sich selbst herausholen zu wollen, in einer Zeit, in der so lange gesucht wird, bis endlich der optimale Partner gefunden (und es leider für Kinder zu spät) ist, in der öffentliche Räume nicht mehr Bürger als Plattform sozialen Lebens, sondern einen bestimmten, meist an Ökonomie und Effizienz ausgerichteten Zweck dienen, muss ein solches Buch anachronistisch wirken. Das ist es auch – und das ist gut so.

Denn der Philosoph Matthias C. Müller, Gründer der mobilen Akademie „Der philosophische Garten“, legt den Finger in die Wunde unserer Zeit: rastlos streben wir alle nach Glück, nach dem „Immer mehr“, dem „Immer besser“, stets bestrebt, das Optimum zu finden, angefeuert von zahllosen Aufforderungen der Werbung („Kauf dies und du wirst glücklich!“), der Medien („Sei aussergewöhnlich“!) und des Ratgeber- und Selbstentwicklungsmarktes („Ändere Dich und du wirst glücklich“). Doch wenn man genau hinschaut in seinem eigenen Umfeld und bei sich, entdeckt man die Folgen unserer so unentwegt das Neue suchenden Zeit, die nie ihr Ziel erreicht, da in der Zukunft ja bestimmt weitere Aufgeregtheiten auf uns warten.

Müller bezieht bewußt eine Gegenposition, gewürzt mit zahllosen Zitaten und Verweisen aus allen Epochen udn sachlichen Zusammenhängen. Er beschäftigt sich mit den inneren und äußeren Räumen, mit dem Bewußtsein, der Körperlichkeit und der Lebenskunst und spannt den Bogen weit von einer Würdigung der Provinz und die Topografie des gewöhnlichen Lebens in Form von Straßen, Gärten und Plätzen über Zeiträume als Orientierungshilfe und die Einrichtung im Alltag als Schlüssel zur Gelassenheit. Am Ende seines Buches steht der Umgang mit sich und anderen im Mittelpunkt, verbunden mit Humor und Liebe, Freundschaft und Mitgefühl – und ein möglicher Weg zum Sinn des Lebens, der auch den sicher vor einem liegenden Tod mit einschliesst:

„Sich an sich selbst mitfreuen? Vielleicht sollte diese Art der Handlung eine Art ungeschriebenes Gebot sein, eine Pflicht wenigstens, es mit der Freude an sich selbst zu versuchen. Die Freude an sich selbst geht im Rahmen des gewöhnlichen Lebens dabei mit Handlungen einher, die mit den Begriffen Rücksichtnahme, Höflichkeit und Zartsinn charakterisiert werden dürfen. Die Freude an sich selbst hat darüber hinaus den Effekt, dass im Rahmen der Rücksichtnahme Menschen eher aufeinander aufpassen, in einem liebevollen Sinn, und füreinander Sorge tragen. Zu lange galt und gilt noch eine weitreichende Form der Achtlosigkeit, deren klassische Formulierung von Adam Smith stammt: ‚Für die Lebewesen zu Sorgen ist die Aufgabe Gottes, nicht des Menschen‘. Nein, muss man dazu sagen, überlassen wir Gott sich selbst – es ist unsere Aufgabe, für uns Sorge zu tragen“. (S. 161)

Natürlich wird Müller Widerspruch auslösen mit seiner Gegenposition zu Eliten, zum ewigen Mehr, zur Extravaganz und dem Streben nach dem individuellen Maximum an Persönlichkeitsentfaltung. Aber wer sich darauf einlässt, mit Müller mal Abstand hält zum täglichen Rattenrennen auf diesem Planeten, entdeckt in diesem Buch bemerkenswerte Anregungen: dabei mag es zu hoch gegriffen (und zu „ungewöhnlich“) sein, dann gleich die ganze Gesellschaft verändern zu wollen. Aber mit „Alle im Wunderland“ bieten sich einige Ansätze, perönlich gelassener zu werden und eine unaufgeregte Position gegenüber dem eigenen leben zu finden, die das Glück nicht im stets aufs neue Unerreichbaren sucht, sondern in dem, was nahe liegt, was oft und gerne übersehen wird, weil es zu einfach, zu simpel klingt.

„Alle im Wunderland“, das im Titel bewußt das Wortspiel mit „Alice im Wunderland“ des auch im Buch oft zitierten Lewis Carroll sucht, liest sich trotz des philosophischen Anspruchs angenehm gut, ohne deshalb an Niveau einzubüssen. Ein ungemein anregendes Buch, dem viele Leser zu wünschen sind und das auch und gerade vor dem Hintergrund von Wirtschafts- und Eurokrisen und der allgemeinen Verdichtung des alltäglichen Lebens hohe Aktualität besitzt. Was nicht heißt, dass wir uns jetzt alle die Stehlampe vom Titelbild in die Wohnung stellen müssen.

7 thoughts on “Alle im Wunderland : Verteidigung des gewöhnlichen Lebens / Matthias C. Müller

    • Sowieso. Es gilt immer noch, immer wieder: „Überall ist Wunderland, überall ist Leben, bei meiner Tante im Strumpfenband wie irgendwo daneben …“ (Joachim Ringelnatz).😉

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  1. Lieber Jarg,
    sehr schön, dass Du immer mal wieder ‚andere‘ Bücher vorstellst. Der Herr Müller spricht mir aus dem Herzen. Könnte jeden Satz, den Du zitierst unterschreiben. Was mich dieses ewige Hinterhergejapse, dieses ewige Gerede von Challenges und ähnlichem Bla schon beim Zusehen müde macht.
    Und das hier
    “ ‘Für die Lebewesen zu Sorgen ist die Aufgabe Gottes, nicht des Menschen’. Nein, muss man dazu sagen, überlassen wir Gott sich selbst – es ist unsere Aufgabe, für uns Sorge zu tragen”.
    mal laut zu sagen ist ein echtes Verdienst.
    Liebe Grüße, Kai

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    • Lieber Kai,
      es bleibt zu hoffen, das Bücher wie dieses viele Leser finden und inspirierend wirken. Leider ist das „Höher, schneller, weiter“ und die Suche nach dem nächsten Kick mittlerweile tief verankert in der Gesellschaft. Wie befreiend, das loszulassen und das Glück dort zu suchen, wo es ist: im Miteinander, in der alltäglichen Begegnung, dem offenen Blick für die alltägliche Welt im tiefen Bewusstsein, dass wir nur dies eine Leben haben und es uns Sensation genug sein sollte, es gemeinsam mit anderen zu leben und einander beizustehen, zu befördern und zu erfreuen.
      Liebe Gruesse von
      Jarg

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