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Die amerikanische Nacht / Marisha Pessl

„Als Künstler muss man sich doch fragen, wofür das alles gut sein soll. Wir leben länger, sitzen allein vor unseren Bildschirmen und bewegen uns in sozialen Netzwerken, und unsere Gefühle flachen immer mehr ab. Bald sind sie bloß noch ein Gezeitentümpel, dann noch ein Fingerhut von Wasser, dann ein mikrofeiner Tropfen. Es heisst, dass wir in den nächsten zwanzig Jahren mit Computerchips verschmelzen werden, um das Altern zu verhindern und unsterblich zu werden. Wer will den ewig leben, wenn er eine Maschine ist?“ (S. 80)

Es gibt Bücher, die entwickeln mit fortschreitender Lektüre einen ganz eigenen Sog, der einen nach und nach tief in die Geschichte hineinzieht und dazu bringt, trotz des durch über 700 Seiten bedingten Gewichtes das Buch nicht mehr aus der Hand legen zu wollen. So ging es mir mit Marisha Pessl Debütroman „Die alltägliche Physik des Unglücks“ – und so ging es mir erneut bei ihrem zweiten Roman, der mit dem ersten so gar nicht zu vergleichen ist.

Der abgehalfterte Enthüllungsournalist und ehemalige Kultautor Scott McGrath hat schon bessere Zeiten gesehen: vor Jahren bei den Recherchen zum geheimnisvollen, düsteren Filmemacher Stanislas Cordova spektakulär in die Irre geführt, muss er sich jetzt mit zweitklassigen Arbeiten über Wasser halten und überdies ertragen, dass er seine Tochter nach der Trennung von seiner Frau nur noch selten sieht.

Doch als die Leiche von Ashley, der 24jährigen, musikalisch hochbegabten Tochter von Cordova, in einem abgeranzten Lagerhaus in Manhattan Lagerhaus gefunden wird, nimmt McGrath zusammen mit unerwarteten jungen Gefährten Hopper und Nora wieder die Spur auf: Hoppper, Ashleys Jugendliebe, und Nora, eine umtriebige obdachlose Gardobiere. Alle drei vermuten, dass es kein Selbstmord war und hinter dem Tod Ashleys mehr steckt. Mit Hilfe legaler und illegaler Methoden tauchen die drei immer tiefer hinein in den dunklen Kosmos von Cordova und seinen fanatischen Anhängern, besuchen düstere Orte, spüren Personen aus dem Umfeld des Regisseurs auf und bewegen sich zunächst unerkannt im geheimen Computernetzwerk der sogenannten Cordoviten. Sie analysieren die Filme des Regisseurs, der die Kunst stets für größer hielt als das Leben selbst, und gehen akribisch jeder sich bietenden Spur nach. Tief tauchen sie in die Vergangenheit des Regisseurs und vieler Menschen ein, die ihm begegnet sind. Dabei mehren sich die Indizien, dass sich auch andere für ihre Nachforschungen interessieren.

Doch je näher sie Cordova zu kommen scheinen, desto mehr scheinen die Grenzen zwische Wirklichkeit und Fiktion zu verschwimmen. Der geniale Regisseur Cordova, seit Jahren von der Öffentlichkeit zurückgezogen lebend und längst ein Mythos seiner selbst, entwickelt sich vor ihren Augen immer mehr zu einem grausamen Monster, ja zu einer realen Verkörperung des Bösen und entzieht sich doch zugleich jeglichem rationalen Zugriff. Als der Verdacht, Cordova hätte etwas mit dem Verschwinden von Kindern, mit schwarzer Magie und Zauberei zu tun, sich weiter erhärtet, dringt McGrath gemeinsam mit Hopper und Nora schliesslich in Cordovas weitläufiges, einsam gelegenes und abgeschottetes Anwesen „The Peak“ ein. Als sie getrennt werden, erforscht McGrath allein das riesige Anwesen, scheint sich plötzlich selbst in einem Film Cordovas zu befinden und gerät an die Grenzen dessen, was sein Verstand ertragen kann.

“Denn jeder von uns hat eine Kiste, eine dunkle Kammer, in der er das verwahrt, was sein Herz durchbohrt hat. Sie enthält das, wofür wir alles tun würden, das, nach dem wir trachten, für das wir alles um uns herum verletzen würden. Und wenn wir sie öffnen könnten, würde uns das befreien? Nein. Denn das wirklich ausbruchssichere Gefängnis mit dem nicht zu öffnenden Schloss ist unser eigener Kopf.”

Als Leser mag man diesen faszinierend aufgebauten Roman kaum aus der Hand legen, zumal sich die am Ende zuspitzende und den Leser in atemlose Verwirrung stürzende Handlung nach der Klimax nochmals eine überraschende Volte nimmt. Pessl ist es gelungen, einen überaus spannenden Thriller zu schreiben, der geschickt mit Elementen des Phantastischen, zugleich vielschichtige Reflexionen über Kultur, Kunst, Medien und Gesellschaft einbindet und den Leser an der Seite McGrath gekonnt in die Irre führt.

Dabei bedient sich Pessl eine ausgesprochen akrtibischen Charakterzeichnung dessen, der im Mittelpunkt der Handlung steht. Cordova. Ihn stattet sie mit einer bis in einzelne Verästelungen gezeichneten Biografie aus, die durch Fotos, Zeitungsauschnitte, Webseiten und Zeugenaussagen belegt wird und so Cordova in den Augen des Lesers mehr und mehr zu einer fast schon realen Figur werden lässt. Dabei zitiert sie sowohl reale (etwa ein für die Handlung wesentliches Gedicht von T.S. Eliot) als auch fiktive Quellen und gibt dem Bericht McGrath, als der der Roman dem Leser erscheinen muss, so eine intensiv empfundene Authentizität.

Zum Gesamteindruck des Romans trägt auch die intensive Darstellung von Schauplätzen und Protaginsuten bei, die bis in die Nebenfiguren hinein ungemein plastisch wirken. Auch wenn der Leser sich manchmal in dem Kosmos von Personen, den Pessl um Cordova und McGrath aufbaut, zu verlieren droht, behält er stets wie McGrath den roten Faden in der Hand, um sich schliesslich zusammen mit McGrath gemeinsam mit ihm an der Grenze zwischen Wahn und Realität zu verirren. So entfaltet sich eine fein gesponnene Geschichte, die in Verbindung mit den geschickt ausgewählten und gestalteten Illustrationen einen unheimlichen Sog entwickelt wie jene Filme, die einem eigentlich zu spannend sind, von denen man befürchtet, dass sie sich als grausam oder gruselig entpuppen könnten – und die man doch bis zum Ende ansehen muss. Es überrascht daher nicht, dass eine Verfilmung bereist geplant ist.

Sieben Jahre Zeit hat sich Pessl nach ihrem hochlobten Debütroman Zeit gelassen und damit nicht den Fehler anderer Autoren wiederholt, die nach einem furiosen Debüt der Vielschreiberei verfallen und oft nicht an die Qualität ihres Erstlings heranreichen können. Zeit, die sich mehr als ausgezahlt hat. „Die amerikanische Nacht“, nach Eindruck des Rezensenten hervorragend übersetzt von Tobias Schnettler, sollte man nicht vergleichen mit dem ersten Buch der Autorin: dennoch hat sie die hoch gesteckten Erwartungen mit einer sorgfältig komponierten, spannenden und abgründigen Geschichte mehr als erfüllt und ein Buch abgeliefert, das ungemein spannend ist, ohne an der Oberfläche zu bleiben. Großes literarisches Kino eben. Was will man mehr?

„Das Leben war ein Güterzug, der auf ein einziges Ziel zuraste, unsere Lieben zuckten als Streifen von Farbe und Licht an den Fenstern vorbei. Nichts konnte man festhalten, nichts den Zug bremsen.“ (S. 747)

14 thoughts on “Die amerikanische Nacht / Marisha Pessl

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  5. “Denn jeder von uns hat eine Kiste, eine dunkle Kammer, in der er das verwahrt, was sein Herz durchbohrt hat. Sie enthält das, wofür wir alles tun würden, das, nach dem wir trachten, für das wir alles um uns herum verletzen würden. Und wenn wir sie öffnen könnten, würde uns das befreien? Nein. Denn das wirklich ausbruchssichere Gefängnis mit dem nicht zu öffnenden Schloss ist unser eigener Kopf.”

    Boah, ja. Mal wieder eine Rezension, die mich neugierig macht. Danke!

    Gefällt mir

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