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Der Himmel über Greene Harbour : Roman / Nick Dybek

„Es regnete im Herbst, im Winter und im Frühling. Der Himmel hob und senkte sich; der Ozean zog sich zurück und rauschte heran, aber bis zu jenem Sommer, in dem ich vierzehn Jahre alt wurde, blieb Loyality Island so, wie es war.“ (S.12)

Die gesamte Existenz der Menschen in Loyalty Island auf der Olympic-Halbinsel im Nordwesten der USA hängt seit vielen Jahrzehnten unabdingbar vom Fischereiunternehmen der Familie Gaunt ab: alljährlich, wenn der Sommer vorbei ist, fahren die Männer für Monate tausende Meilen nach Norden in die arktische See, um zu fischen, und lassen ihre Familien zurück.

Auch der 14jährige Cal sieht seinen Vater dann für lange Zeit nicht, da er noch zu jung ist, um mit hinauszufahren. Doch er ist erwachsen genug um zu wissen, dass der gesamte Ort an dem Betrieb der Gaunts hängt. Auch spürt er, dass es um die Ehe seiner Eltern nicht besonders gut bestellt ist: ständiger Streitpunkt zwischen seinen Eltern ist, ob auch er mit auf See fahren darf, was seine Mutter strikt ablehnt. Sie, eine lebenslustige Frau, die vor vielen Jahren wegen Cals wortkargem Vater Henry aus Kalifornien herzog, ist erkennbar unglücklich mit ihrem Leben und zieht sich oft in einen eigens von seinem Vater eingerichteten Kellerraum zurück, in dem sie ihre geliebten Platten hört, ab und zu vom alten John Gaunt beuscht wird und zu vergessen versucht.

Doch in diesem Sommer stirbt John Gaunt, der Besitzer des Fischereiunternehmens. Sein Sohn Richard, ein künstlerisch ambitionierter, unzugänglicher Aussenseiter, der schon lange Loyalty Island den Rücken und mit Fischerei nichts am Hut hat, gekehrt hat, wird alles erben: doch allen Betroffenen wird die Vermutung zur Gewissheit, dass er das Unternehmen und vor allem die Fanglizenzen an die Japaner verkaufen und so die Existenz vieler Familien im Ort vernichten wird. Cal wird mißtrauisch, als er ein Gespräch zwischen Henry und zwei weiteren Fischern belauscht. Schnell verwischt er den Gedanken, sie könnten Richard verschwinden lassen wollen.

Doch dann kommt der Winter: Cals Vater geht auf See, seine schwangere Mutter zieht vorübergehend nach Kalifornien und Cal selbst zieht in das Haus von Jamie und seiner Familie. Auf einmal geht die Nachricht wie ein Lauffeuer durch den Ort, dass Richard mit hinausgefahren und auf See geblieben sei. Cal ist höchst alarmiert, geht seinem Verdacht nach und steht bald nicht nur vor einer ungewöhnlichen und unerwarteten Situation, sondern auch vor einer schweren Entscheidung: wie auch immer er sich entscheiden wird – danach wird alles anders sein.

„Richards Geschichten waren Berichte aus einem Leben, dem wir nie begegnet waren. Das lag nicht etwa daran, dass sie aufregender oder dramatischer waren als die Geschichten unserer Väter über Alaska, aber die Alaska-Geschichten waren grau und durchnässt von eisigem Schleim. Sie ließen uns keuchen, aber nicht lächeln, und die Männer, die sie erzählten, lächelten – wenn überhaupt – nur, wenn sie uns keuchen hörten.
Richards Geschichten sagten uns etwas anderes: Es gibt viele Arten, sein Leben zu führen. Ich weiß das jetzt, aber wusste ich es damals? Offensichtlich war mir klar, dass es für mich ein Leben jenseits von Loyalty Island geben könnte. Ich hatte nur keine Ahnung, wie anders die Welt auf der anderen Seite des Puget Sound und des Kaskadengebirges aussah. Mir war nicht klar, was es bedeutete, in Loyalty Island zu bleiben und mir einen Platz auf den Schiffen bei meinem Vater zu erarbeiten. Es hieß nicht etwa, alles erreicht zu haben – es bedeutete vielmehr, unermesslich viel zu verpassen.“ (S. 216-217)

„When Captain Flint Was Still a Good Man ..“ … mit diesen Worten lässt der 1980 geborene Nick Dyback in seim Debütroman den Vater von Cal, Henry, allabendlich die Geschichten beginnen, die er dem kleinen Cal erzählt – und genau diese Worte hat er auch für den originaltitel der jetzt im Mareverlag erschienenen Geschichte gewählt. Hat man sie gelesen, ahnt man, warum. Der junge, aus der Rückschau berichtende Protagonist, hart an der Schwelle zum Erwachsensein und innerlich zerrissen vom Streit seiner Eltern, sieht durch die Ereignisse jenes Sommers sein Leben mit all seinen Gewissheiten in den Grundfesten erschüttert, seine Familie zerstört und sich selbst fortan voller Schuldgefühle mit der Frage konfrontiert, was geschehen wäre, wenn er eine andere Entscheidung getroffen hätte.

Dyback zeigt in seiner geschickt konstruierten, mit Vor- und Rückblenden arbeitenden, ungemein spannend erzählten und in den 1980er Jahren spielenden Geschichte den moralischen Zwiespalt, in den der Heranwachsende gerät, hin- und hergerissen zwischen den Wegen, die das Leben bereithält, der Verantwortung für seine Familie, revidiert er aus Wut im letzten Augenblick eine bereits gefällte Entscheidung – mit fatalen Folgen. So entfaltet sich vor dem Auge des Lesers eine beeindruckende, sprachlich ungemein ansprechende, ausdrucks- und bildstarke Coming-of-Age-Geschichte vor dem Hintergrund eines Fischerstädtchens: ein Junge wächst heran zwiwschen seiner innerlich abwesend Mutter, die sich ein anderes Leben erträumt und ihre Hoffnungen im Plattenkeller vergräbt, und einem wortkargen, emotional verarmten Vater und verliert auf diesem Weg die Orientierung und den Halt.

Das Buch hat mich in der Intensität und den eingefangenen Stimmungen nicht selten „Und wieder Februar” von Lisa Moorean und „Am Ende eines Sommers“ von Isabel Ashdown erinnert. Auch wenn es zu früh ist, von Bestenlisten für das Jahr 2014 zu sprechen: „Der Himmel über Greene Harbour“ ist bereits heißer Kandidat und legt die Latte hoch.

Ein wunderbares, melancholisch gefärbtes und atmosphärisch dicht gewebtes Buch und ein erstaunlich starkes Romandebüt zugleich, das hoffen lässt auf mehr aus der Feder dieses jungen, vielversprechenden Autors, der große Emotionen in eine vergleichsweise klare, kühle Sprache zu packen weiss.

12 thoughts on “Der Himmel über Greene Harbour : Roman / Nick Dybek

  1. Pingback: [Sonntagsleserei]: KW#12 März 2014 | Lesen macht glücklich

  2. Pingback: Der Sonntagsleser KW#12 März 2014 | Lesen macht glücklich

  3. Teile deine Begeisterung bedingungslos! Mich hat Dybek auch fasziniert und tief reingesogen in die Story. Er schafft es, dass man sich wie beim Lesen der „Schatzinsel“ fühlt: staunend, mit den Figuren fiebernd, verzaubert. Schöne Rezension!

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    • Danke schöne für die freundlichen Worte zu Rezension! Es freut mich, das du meine Begeisterung teilen kannst. Dybek ist da ein wunderbares Buch gelungen, dass zudem noch sehr gut ins Deutsche übertragen wurde und ein sprachlicher Genuss ist!
      Herzlich gruesst
      Jarg

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