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Tage des letzten Schnees : Ein Kimmo-Joentaa-Roman / Jan Costin Wagner

„Sie begann abzuräumen, zuerst den unberührten Teller, der vor einem unbesetzten Stuhl stand. Dann alles andere. Lasse Ekholm saß wie erstarrt, und Joentaa stand auf und begann, beim Abräumen zu helfen. Er erinnerte sich an den Tag nach Sannas Tod. Er hatte ähnlich gehandelt und vermutlich ähnlich empfunden.
Er hatte Sanna sterben sehen, in der Nacht, aber nicht begriffen, dass es wirklcih passiert war. Am Morgen danach hatte er auf dem Steg am See gelegen und war eingeschlafen, in einem Moment, in dem er glaubte, nie mehr schlafen zu können. Und dann war er zur Arbeit gegangen, hatte normale Dinge getan, normale Worte gewechselt, obwohl nichts mehr normal gewesen war, und dann war er in eine Ermittlung abgeglitten, die eine Art Linderung gebracht hatte, weil sie sich ebenso surreal angefühlt hatte wie der Gedanke an Sannas Tod“. (S. 83-84)

Kimmo Joentaa, der melancholisch-deppressive Kommissar im finnischen Turku, den wir zuletzt in „Das Licht in einem dunklen Haus“ erlebt haben, lebt weiterhin in seinem einsamen Haus am See, beglückt, wenn die Frau, die er liebt und die sich Larissa nennt, unvermittelt bei ihm auftaucht nach langen Wochen oder Monaten unerklärter Abwesenheit.

Es ist Mai, es hat geschneit und Joentaa muss in zwei Fällen ermitteln: zum einen bei einem schweren Unfall mit Fahrerflucht, dem ein 11jähriges Mädchen zum Opfer fiel. Zum anderen im Fall der zwei Toten, die wie Schlafende auf einer Parkbank liegen. Rasch stellt sich bei den beiden Toten heraus, dass es sich um einen rätselhaften Doppelmord handelt, und Joentaa macht sich mit der ihm eigenen Beharrlichkeit auf die Suche nach den Hintergründen der Tat, die nicht so offenscihtlich sind, wie es zunächst den Anschein hat. Zugleich versucht Joentaa den Unfall aufzuklären und wird für den des tödlich verunglückten Mädchens zu einem Gefährten durch die Zeit der Trauer.

„Er sah das Tor, das stand, wo es gestanden hatte, den Ball, der lag, wo er gelegen hatte, und dachte, dass vielleicht auch Annas triumphaler Jubelschrei erst vor Sekunden vergangen war“. (S. 26)

Langsam und mit ihm eigenen stillen Kraft dringt Joentaa in das Leben von Menschen ein, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben: der ausgewogen und ästhetisch bauende Architekt, dessen Lebens plötzlich wie auf Sand gebaut scheint, der unter immensem Druck in ein paralleles Leben Investmentbanker, eine Frau, die der Armut entfliehen möchte und ein Schüler, der seine Lebensverzweiflung in einen Amoklauf lenken will. Nach und nach entdeckt Joentaa Zusammenhänge und Verbindungen – und entdeckt erst spät, dass es nicht nur um einen Doppelmord und einen Unfalltod geht, sondern um viel mehr.

Erneut führt uns Jan Costin Wagner an der Seite von Kimmo Joentaa auf subtile, sensible Weise in die Gefühls- und Gedankenwelt seiner Protagonisten ein: wie mit einem feinen Skalpell seziert er die Gefühle und Nöte, hebt Schicht um Schicht ab und lässt den Leser tief in die von extremen Gefühls- und Lebensumständen gezeichneten Chartaktere eintauchen. Nach und nach enthüllt er die Handlungsfäden und -verbindungen und führt sie am Ende einem unerwarteten, gleichwohl schlüssigen Ende zu, das schicksalhaft und zwingend erscheint und zugleich die Zufälligkeit des Lebens betont, das keinen Regeln folgt und Volten schlägt, die sich jeder Berechnung, jeder Vorahnung entziehen.

Geschickt knüpft er dabei aktuelle Themen wie Zwangsprostitution und Zuwanderung in sein fein gewobenes Handlungsnetz, erzeugt Spannung, ohne in Sensationslust oder Klischee zu verfallen und stellt statt akribischer Tatort- und Morddetails die Emotionen der Beteiligten und ihre gegenseitigen, zum Teil tragischen Verstrickungen in den Vordergrund. Sein Ausflug in die welt der Investmentbanker an der Seite des einen Protagonisten etwa macht einen frieren angesichts der Kälte in diesem Berufszweig und zugleich den tragisch in die Geschichte verstrickten Banker zutiefst bedauern in seiner emotionalen Erstarrung.

Sprachlich zeigt sich Wagner wieder auf höchstem Niveau: wohl kaum ein Krimischriftsteller deutscher Sprache schafft es, spannende Kriminalromane – ach was: Literatur! – in einer derart unaufgeregten, feinen und ansprechenden Sprache zu schreiben wie er und dabei neben dem geschickten Spannungsbogen und einer unerhört dichten Atmosphäre die Seelenzustände seiner unglücklichen Protagonisten so empathisch und subtil zu offenbaren, dass man sich als Leser kaum entziehen kann und Sätze wie dieser lange nachwirken:

„Er erinnerte sich an das Gefühl, das ihn damals beherrscht hatte, das Gefühl, einer unendlichen Schwere ausgesetzt zu sein, und gleichzeitigb hatte sich manchmal eine unnatürliche Leere eingestellt, eine kaum zu ertragende Gelassenheit, die sich aus dem Gedanken gespeist hatte, dass ohnehin alles verloren war“. (S. 295)

„Tage des letzten Schnees“ gehört zu jenen Büchern, die man sich glücklich schätzt lesen zu dürfen und an deren Ende man bedauert, auf den letzten Seiten angelangt zu sein. Soviel aber sei verraten: es scheint, als wäre es nicht der letzte Roman um Kimmo Joentaa, der seinem Rezensenten nach dem mittlerweile fünften Roman um diese Figur so ans Herz gewachsen ist, als gäbe es ihn wirklich.

12 thoughts on “Tage des letzten Schnees : Ein Kimmo-Joentaa-Roman / Jan Costin Wagner

  1. Pingback: Welttag des Buches: Blogger schenken Lesefreude | SchöneSeiten

  2. Das hatte ich kürzlich in der Hand und konnte mich dann doch nicht dafür entscheiden. Beim nächsten Mal werde ich ihn aber vermutlich nicht mehr links liegen lassen. Ich habe noch nichts von Wagner gelesen, aber er scheint alles mitzubringen, was ich mir mittlerweile von einem wirklich guten Krimiautor erwarte. Danke schon mal für die wirklich schönen Zitate!

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    • Gern geschehen. Jan Costin Wagner ist wirklich ein bemerkenswerter Autor. Man muss die Joentaa-Reihe nicht unbedingt in der richtigen Reihenfolge lesen, aber es ist schöner: fang am besten mit dem ersten Teil „Eismond“ an.
      Herzlich grüsst
      Jarg

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      • Danke.
        Die Liste der Bücher, die Du hier vorgestellt hast und die mich interessieren, wird immer länger und länger. Jetzt müsstest Du mir nur noch einen Tip geben, damit ich auch dazukomme, sie alle zu lesen.🙂
        Andererseits hab ich mir ja sowieso vorgenommen mindestens 120 Jahre alt zu werden, damit ich all das schaffe.🙂
        LG Gabi

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      • Hallo Gabi,
        Flächendeckende Einführung der 30-Stunden-Woche wäre mein Lösungsvorschlag. Aber ich fürchte, das wird noch dauern. Daher sind die 120 sicher das realistischere Vorhaben😉
        Herzlich grüsst Jarg

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    • Der letzte Schnee blieb bei uns zum Glück aus … und trotz eisigen Winden geht es munter auf ein paar warme Tage zu. Zum Glück, den auf Schnee hatte ich wahrlich keine Lust mehr. Höchstens in literarischer Hinsicht – da darf es gerne auch ein bisschen mehr sein!😉

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