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Die Stein-Strategie : von der Kunst, nicht zu handeln / Holm Friebe

„Viele kamen allmählich zu der Überzeugung, einen großen Fehler gemacht zu haben, als sie von den Bäumen heruntergekommen waren. Und einige sagten, schon die Bäume seien ein Holzweg gewesen, die Ozeane hätte man niemals verlassen dürfen“ (Douglas Adams: Per Anhalter durch die Galaxis.“ Zitiert nach: Holm Friebe: Die Stein-Strategie, S. 158)

Unsere Zeit postuliert den permanenten Wandel auf allen Ebenen. Ob in Politik, Wirtschaft oder Gesellschaft: wer sich nicht bewegt, hat verloren und dem aktiven Macher gehört die Stunde. Aber ist das wirklich der richtige Weg? Müssen wir immer Handeln, immer aktiv eingreifen, stets den Fortschritt im Auge haben, um als Menschen glücklich zu sein, ein sinnvolles Leben zu leben und als Menschheit insgesamt voranzukommen? Alle stehen permanent unter Strom und der Burn-out (den man vor 100 Jahren Neurasthenie nannte) feiert fröhliche Urstände. Dabei zeigt uns doch schon die statistische Analyse typischen Torhüterverhaltens im Fußball, dass es im Zweifel beim Elfmeter besser ist, einfach stehen zu bleiben, statt in die linke oder rechte Torecke zu hechten.

Holm Friebe legt mit seinem überaus klug aufgebauten Buch „Die Stein-Strategie“ den Finger in die Wunden, die unser täglicher Aktionismus mittlerweile schlägt: ein Aktionismus, der vom Top-Management bis in die untersten Mitarbeiterebenen vorhanden ist und sehr oft nur darin besteht, dass man handeln muss, damit etwas geschieht. Dabei leisten seine Ausführungen nicht der Prokrastination Vorschub, feiern nicht den Müßiggang als gesellschaftlich wünschenswerte Handlungsweise. Im Gegenteil: Friebe zeigt, dass Nicht-Handeln eine sehr aktive Lebens- und Entscheidungstrategie sein kann, da sie nicht einfach nur aus einer Beobachtung ein blindes Entscheiden und Handeln ableitet, sondern auch der Beurteilung einer Beobachtung Raum und Zeit gibt – was zu völlig anderen Entscheidungen führt und oft zum Nicht-Handeln mit einem am Ende besseren Ergebnis.

Friebe findet dafür anschauliche Beispiele und spannt den Bogen von der allgemeinen Kommunikation, in der Schweigen eine mächtige Waffe sein kann, bis hin zu Angela Merkels aussitzender,’asymmetrischer Demobilisierung“ und Warren Buffets durch geduldiges Warten erzielten langfristigen Vermögenszuwächsen. Doch Friebe bleibt bei plastischen prominenten Beispielen für solch eine erfolgreiche Strategie des Nicht-Handels nicht stehen, sondern analysiert die Folgen des Handlungszwangs ebenso wie der dem einzelnen und der Gesesllschaft möglichen Nicht-Handlungs-Optionen. Dabei führt er auch spektakulär gescheiterte Unternehmensstrategien wie den Weltautokonzern Daimler-Chrysler und die Finanzkrisen der letzten Jahre an, die durch schneller, unüberlegtes Handeln Unmengen von Geld und Zeit verbrannt haben.

„Wir müssen lernen zu akzeptieren, dass Phasen des Zaudern und Innehaltens, des Rückzugs und Schweigens notwendige Bedingung und Bestandteil nicht nur der Kunst, sondern von Produktivität überhaupt sind“. (a.a.O., S. 151)

Die allgemeine Bürokommunikation gerät dabei ebenso ins Blickfeld seiner Kritik wie die allgegenwärtigen Innovationshypes, die selten nachweisen können, dass sie ihren Entdecker oder die Gesellschaft als Ganzes weitergebracht haben. Nüchtern weist er darauf hin, dass die meisten Dinge, die unser Leben heute bestimmen und es gegenüber früher nachhaltig verändert haben, vor 50 oder 100 Jahren erfunden wurden: dazu zählt er die Innentoilette, Fernsehen, Kühlschränke und elektrisches Licht. Nicht aber den Computer, der letztlich nur Telefon, Fernsehen und Schreibmaschinentastatur zeitgemäß stransformiert und damit wesentlich weniger revolutionär ist als es diese Erf8indungen zu ihrer Zeit waren.

Friebe wendet seine Stein-Strategie aber auch überzeugend auf Konfliktmanagement, Unternehmensstrategien, Werbung und Kommunikation allgemein an und kritisiert die westliche Herangehensweise, ein fixes Modell zur Grundlage von Entscheidungen zu machen, an dem man dann spektakulär scheitert, statt von den Chinesen zu lernen, die stets von einer Situation ausgehend analysieren und mit kleinen Anstössen voranzukommen bestrebt sind. Letztlich fordert Friebe genau das: mehr Achtsamkeit, mehr Resilienz statt des typisch westlichen Aktionimsus und der blinden Fortschrittgläubigkeit, die alte Technologien und kulturelle wie gesellschaftliche Errungenschaften allzu schnell auf dem Altar der stetigen Veränderung opfert. Das heisst nicht, dass er gegen Fortschritt an sich spricht: was er fordert, ist ein Innehalten in der Gegenwart und die Erkenntnis, dass unsere Zukunftskompetenzen durchaus beschränkt sind. Erst dann, auf dieser Basis, können sinnvolle Entscheidungen fallen.

„Den roten Faden des ‚Ut aliquid fiat‘ zu durchschneiden, den Action bias in Aktion zu entlarven und anzuprangern, dass ein Großteil dessen, was unternommen wird, einfach nur deshalb geschieht, damit es geschieht – das ist unsere vornehmste Aufgabe.“ (a.a.O., S. 156).

„Keep calm and carry on“ (Deutsch etwa: Bleib ruhig und mach weiter): so lautete der Text auf einem erst 2000 wiederentdeckten Plakat, dass die britische Regierung 1939 millionenfach drucken liess für den Fall, dass die Deutschen die Insel erobern sollten. Mit einem Hinweis auf dieses Plakat endet Friebes Buch – und zugleich scheint es sich in diesem einen klugen Satz zu konzentrieren. Er schliesst mit einem Hinweis auf jene Steine im amerikanischen Tal des Todes, die sich ganz offensichtlich bewegen, ohne das jemand sie bisher dabei beobachten konnte. Aber sie tun es aus bisher nicht letztgültig erforschten Gründen.

„Die Stein-Strategie“ ist ein ausgesprochen lesenswertes, überaus klug recherchiertes und aufgebautes Buch über die hohen Potentiale des Nicht-Handels, das klug auf die allgemeine Erfahrung setzt, dass sich eher nichts verändert und uns auffordert, im Zweifel lieber Melvilles „Bartleby“ zu folgen und seinem „Ich möchte lieber nicht“. Es ist zu wünschen, dass Friebes Buch viele Leserinnen und Leser findet: auch und vor allem unter Entscheidungsträgern. Denn es ist oft die zweite, abwartende Maus, die den Käse kriegt. Und nicht die erste.

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9 Kommentare zu “Die Stein-Strategie : von der Kunst, nicht zu handeln / Holm Friebe

  1. Pingback: Sonntagsleser: Blog-Presseschau 06.04.2014 (KW14) | buecherrezension

  2. Lieber Jarg,
    die Stein-Strategie wende ich immer zwischendurch gerne an, wenn mir die Welt (egal, ob Arbeite- Privat- oder Zwischenwelt) mir mal wieder zu idiotisch schnell wird. Ich wusste bisher nur noch nicht, dass das dann Stein-Strategie heißt. Schön, dass einer diese Überlebensstrategie mal in Stein, ähem, Papier gemeisselt hat, wenn mir auch ein paar Zweifel aufkommen, dass das jetzt, so wie beschrieben, für alles die Idealtherapie sein soll.
    Liebe Grüße, Kai vom Stein

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    • Lieber Kai,
      deine Zweifel sind natürlich berechtigt, denn immer der Stein zu sein ist natürlich auch nicht angebracht und manches Neue durchaus wert, vorangetrieben zu werden.
      Das Schöne ist, wie Friebe unsere Veränderungshektik vorfuehrt … und Gelassenheit vorschlägt, wo Aktionismus und die scheinbare Notwendigkeit des radikal Neuen das Handeln bestimmen. Das Buch wäre mir bei mancher beruflichen Krise der Vergangenheit ganz sicher eine staerkende Lektüre gewesen … denn oft zeigte sich erst im Rückblick klar der Vorteil der zweiten Maus und die Sinnhaftigkeit der alten Weisheit, dass nichts so heiß gegessen wird, wie es gekocht wurde.
      In diesem Sinne möge in den passenden Situationen der „innere Stein“ mit uns sein!
      Ein zauberhaftes Wochenende wünsche ich dir aus dem Regionalexpress auf dem Weg zur Arbeit.
      Jarg

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  3. “ Erledigung durch Zeitablauf “ …als begnadete Prokrastiniererin habe ich damit viele gute Erfahrungen gemacht, weshalb ich nicht gedenke, mir diese abzugewöhnen . Höchstens ein wenig mehr steuern. Man braucht dazu aber auch eine gewisse Risikobereitschaft.
    „Abwarten und Tee trinken …..“ kann ich leider nicht immer, denn gleichzeitig bin ich auch mit hoher Impulsivität gesegnet.
    Aber ich arbeite dran.
    Ich könnte dieses sehr interessante, gut beschriebene Buch lesen.

    Es meiner Chefin zu schenken, wäre zwar sinnvoll, aber nicht in Bezug auf mein Überleben in der Abteilung 😉

    LG von LW

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    • Oh ja, das kenne ich. Ich treibe zwar schon in meinem Job oft und durchaus gern Innovationen voran und muss das aufgrund der „Konkurrenz“ auch … aber wenn ich sehe, wie oft vielerorts auf Züge gesprungen wird, die sich später als Reisemittel ins Nichts erweisen, bin ich froh, manches gezielt abwarten und vorüber treiben lassen zu können, um mich auf das Wesentliche zu konzentrieren: stets aufbauend auf dem, was ich habe, statt eilig jedem Trend hinterherzurennen und alles ungefragt über Bord zu werfen, was da ist. Bücher sollte man Chefinnen ja nie schenken … aber einfach mal herumliegen lassen? 😉 Liebe Gruesse von Jarg

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