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Europa Report / Regie: Sebastian Cordero. Darst.: Sharlto Copley, Michael Niquist ; Anamaria Marinca …

„Verglichen mit dem Wissen, das es noch zu entdecken gilt – was bedeutet da dein Leben?“ (Zitat aus dem Film)

Science-Fiction ist ein besonderes Filmgenre, das leider nicht selten langweiligen Stereotypen folgt und eine einfache, holzschnittartige Geschichte um den Kampf zwischen Gut und Böse mit viel unrealistischer Weltraumballerei verbindet. In den besten Momenten findet diese Variante zu epischem Charakter und bietet gute Unterhaltung ohne allzuviel Tiefgang (wie bei Star Wars) oder mutiert zum zukunftsgewandten Abenteuer (Star Trek). Dann gibt es da eine Unzahl wilder Ballerfilme mit latexbekleideten Helden und Schurken, Verschnitte mit anderen Genres wie Horror oder esoterisch verquasten Quark wie „The Fountain“. Und es gibt köstliche Satiren wie „Dark Star“, „Space Balls“ oder „Mars Attacks“.

Aber es gibt da noch den anderen Science-Fiction-Film, der mehr in die Tiefe geht und das Genre dafür nutzt, sich in Verbindung mit zukünftigen Technologien, mit dem Menschen, seiner Ausgesetztheit, seinem Wissensdrang, seinen Sehnsüchten und seinen Ängsten auseinanderzusetzen und die Rolle des Menschen zu reflektieren: von dieser Variante wurden hier zuletzt „Love“, „Moon“ und „Monsters“ vorgestellt. Filme wie diesen:

Im Jahr 2061 bricht das technisch hochgerüstete, mit allem Komfort ausgestattete Raumschiff „Europe One“ mit sechs Besatzungsmitgliedern auf zum Jupitermond Europa: Captain Willam Xu (Daniel Wu), Pilotin Rosa Dasque (Anamaria Marinca), Chefwissenschaftler Daniel Luxembourg (Christian Camargo), Meeresbiologin Katya Petrovna (Karolina Wydra) und die Bordingenieure James Corrigan und Andrei Blok (Michael Nyqvist). Vom Jupiter-Mond Europa ist seit langem bekannt, dass er von Eis bedeckt ist, unter dessen Oberfläche ein bis zu 100 km tiefer Ozean vermutet wird. Die Wissenschaftler an Bord sollen herausfinden, ob es unter der Eissschicht Leben gibt. Doch kurz, bevor sie Europa erreichen, bricht aufgrund eines Sonnensturmes der Kontakt zur Erde ab und es kommt zu technischen Problemen – und bei Außenreparaturen kommt es zu einem tragischen Unfall. Die Forscherinnen und Forscher sind auf sich allein gestellt.

Die Besatzung fährt fort mit den Forschungsarbeiten und dokumentiert ihre Erlebnisse und Erkenntnisse mit Hilfe von Videoaufzeichnungen. Eine spezielle Bohrvorrichtung der Landeeinheit, mit der die komplette Besatzung auf dem Mond Europa landet, soll bis unter die Eisschicht vordringen. Tasächlich gelingt das. Doch dann …

Mit „Europa Report“ legt Sebastian Cordero einen leider in Europa zu wenig beachteten Film aus dieser Kategorie vor, der für mich zu den beeindruckensten Science-Fiction-Filmen der letzten Jahre zählt. Der Film, der nicht linear erzählt wird, bedient sich weitgehend des „Found Footage“, also einer der Geschichte vorangestellten Annahme, dass Filmmaterial gefunden wurde, mit dessen Hilfe jetzt die Reise und das Schicksal von „Europe One“ und die Forschungsergebnisse rekonstruiert und von den Äußerungen der auf der Erde zurückgebliebenen, das Filmmaterial kommentierenden Projektverantwortlichen eingerahmt werden. Dadurch und durch die sehr realistisch wirkenden, zum Teil mit Handkamera aufgenommenen Aufnahmen von Bord der Europa und durch die offensichtlich gute Beratung seitens der NASA und anderen Organisationen bekommt der Film auf überzeugende Art einen pseudodokumentarischen Charakter.

Von Beginn an wissen wir als Zuschauer, dass etwas Schreckliches passiert sein muss. Auch wird rasch deutlich, dass „Europa One“ auf dem Jupiter-Mond etwas entdeckt hat. Aber erst nach und nach rekonstruiert sich aus dem in eine Art Dokumentation eingebauten Filmschnipseln von Bord der „Europe One“ für den Betrachter die Geschichte der Mission und das Schicksal der Besatzung.

„Europa Report“ gelingt es dabei, sich mit der unbändigen Neugier des Menschen und zugleich mit seiner Ausgesetztheit in einem Universum auseinanderzusetzen, dem der Mensch und seine Sehnsucht nach Antworten vollkommen gleichgültig sind. Die Einsamkeit der Besatzung, die weit von der Erde entfernt auf sich allein gestellt wird, ist für den Zuschauer fast schon körperlich spürbar. Schauspielerisch erstklassig vermittelt sich der Konflikt zwischen Faszination und Schrecken in Anbetracht des entdeckten Lebens, zwischen dem Erkenntnisdrang der Besatzung, der Hoffung auf Leben ausserhalb der Erde – und der Sehnsucht, heil wieder auf die Erde zurückzukehren. So zeigt Cordero das Leben, zerbrechlich und fragil, vor der Kulisse eines kalten, stillen Weltalls.

Dabei macht Cordero nicht den Fehler, die Geschichte durch gern verwendete Rollenstereotype (größenwahnsinnige Bordingenieure, depresssive Co-Piloten, romantisch verblendete Wissenschaftler etc.) unnötig zu dramatisieren und damit zu bagatellisieren: die Crew der Europa wird als Besatzung gezeigt, die auch unter extremen Bedingungen zusammenhält und bei Streit um das weitere Vorgehen Lösungen findet. Es ist bemerkenswert, wie natürlich das Spiel der Schauspielerinnen und Schauspieler wirkt, die dem Film dadurch eine realistische Atmosphäre und zugleich große philosophische Tiefe geben: deutlich spürbar ist die wissenschaftliche Leidenschaft der Protagonisten und zugleich ihre Sehnsucht nach der Erde und den Menschen, die sie lieben. Auch setzt Cordero Effekte nur dort ein, wo sie Sinn machen und verärgert den gebannt den Film folgenden Zuschauer nicht mit übersteigerten Tricktechniken oder überdrehten Monstern: subtil wie das Spiel der Darsteller setzt er auch die Effekte ein und verschafft dem Film damit eine ungeheure Authentizität.

Fazit: „Europa Report“ zeigt die Verlorenheit des Menschen in einem Universum, dass er mit seinen Maßstäben nicht durchmessen und erfassen kann – und zugleich die grenzenlose Neugier, den Erkenntnisdrang des Menschen, für dessen Befriedigung er immer wieder bereit ist, hohe Risiken einzugehen. Ein tief berührendes Science-Fiction-Drama, das sich auch neben Genregrössen wie „2001 – Odyssee im Weltalls“ sehen lassen kann und eine wunderbare Synthese von wissenschaftlicher Akuratesse, schönen Bildern und einer stringent erzählten Geschichte bildet.

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12 Kommentare zu “Europa Report / Regie: Sebastian Cordero. Darst.: Sharlto Copley, Michael Niquist ; Anamaria Marinca …

  1. So, dank des völllig verregeneten Wochenendes habe ich es nun endlich geschaft, mir „Europa-Report“ anzusehen 😉

    In einem Satz: Es hat sich gelohnt!
    Der Film ist sehr gelungen, glaubwürdig gespielt, hat eine überzeugende Geschichte und erzeugt Hochspannung mit einfachsten Mitteln – so etwas liebe ich, gerade im effektetriefenden Science-Fiction und Horror Genre
    Das langsame Erzähltempo der Story dürfte einige Zuschauer vielleicht irritieren. Für mich trägt es ganz entscheidend zur Spannung des Films bei. Ich habe mich jedenfalls keine Minute gelangweilt.
    Angenehm fand ich auch, dass die Geschichte sich auf das Wesentliche konzentriert, ohne die sonst unverzichtbaren menschlichen Drumherum-Dramen und allerhand Actionfirlefanz.
    Ein Science-Fiction Streifen, bei dem man eigentlich ausschließlich Wissenschaftlern bei der Arbeit zuguckt – das muss man sich heutzutage erstmal trauen! Hut ab!

    „Europa-Report“ erfindet zwar gewiss nicht das Genre neu, spielt aber gekonnt mit klasssichen Motiven der Grenzerfahrung. Die Angst und die Neugier der Protagonisten angesichts des Unbekannten sind meiner Meinung nach außergewöhnlich realistisch in Szene gesetzt.
    Einzig die Schlußsequenz und den Erklärungsversuch der Forschungsorganisation auf der Erde fand ich etwas unglaubwürdig geraten angesichts der Ereignisse, die sich ihnen durch das Videomaterial offenbart hatten…
    Insgesamt ein toller Film nicht nur für Science-Fiction-Fans.
    Absolut empfehlenswert
    und ein grandioser Tipp von Dir, Jarg!

    Gefällt mir

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