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Der vierte Versuch : Roman / Catherine O’Flynn

Birmingham, England. Frank Allcroft ist seit etlichen Jahren Moderator bei einem regionalen Fernsehsender in Birmingham. Als lokaler, relativ farbloser Anchorman der Nachrichtensendung mit zuverlässig schlechten Scherzen und einem Hang zu unpassenden Krawatten steht er immer noch im Schatten seines extrovertierten Vorgängers Phil, der es zu landesweiter Berühmtheit brachte, bis er bei einem rätselhaften Unfall starb.

Die Bauten von Franks Vater, einem früh gestorbenen Architekten, werden nach und nach abgerissen, was Franks kleine Tochter nicht wenig entsetzt und Frank zu einigermaßen hilflosen erklärungsversuchen ansetzen lässt. Franks Mutter hat sich rasch jeglicher Lebensfreude entledigt und fristet ihr Dasein als einer der jüngeren Bewohnerinnen in einem Seniorenheim. So reserviert sich Frank im Alltag gibt, so besorgt ist er um das Wohlergehen von Frau und Tochter. Frank, privat ein leiser Melancholiker, ist trotz seiner Berufes nicht zynisch oder abgestumpft geworden und bewahrt sich seine Sensibilität für die persönlichen Tragödien hinter den Nachrichten. Nicht selten ist er der einzige Trauergast bei der Beedrigung eines Menschen, über dessen einsamen Tod er kurz zuvor noch berichtet hat.

Eines Tages berichtet er über den Tod von Michael und beginnt kurz darauf wie oft mit Nachforschungen zu dessen Tod. Rasch entdeckt er, dass Michael und Phil Freunde waren und versucht, dem Geheimnis dieser für ihn rätselhaften Freudnschaft zweier unterschiedlicher Männer auf den Grund zu gehen. Immer tiefer dringt Frank in die Vergangheit von Phil und Michael (aber auch in seine eigene) ein und entdeckt, dass die Männer weitaus mehr verband als eine Kinderfreundschaft und spätere gemeinsame Kriegserlebnisse: Michael und Phil waren einander auf eine Weise verpflichtet, die niemand zu ahnen scheint …

Catherine O’Flynn hat mich bereits begeistert mit „Was mit Kate geschah“ und liefert mit „Der vierte Versuch“ erneut einen eindrucksvollen Roman ab. Die Autorin versteht es, ihre Charaktere subtil und psychologisch überzeugend zu entwickeln, die Handlungsfäden geschickt und kaum wahrnehmbar miteinander zu verflechten und dabei eine ungemein dichte Atmosphäre zu entwickeln, der man sich kaum entziehen kann.

Ging es in „Was mit Kate geschah“ um die Innenwelt eines Kindes und die Entfremdung des Menschen von sich selbst in der modernden Konsumgesellschaft, zeichnet sie in „Der vierte Versuch“ ein literarisches Bild über das Vergehen der Zeit und das Dahinschwinden von vertrauten Menschen und Dingen und bleibt damit dem Thema der Entfremdung treu, wenn auch mit einer anderen Variation und Färbung. In der Figur des melancholischen Frank kristallisiert sich dabei das Bedauern über die Veränderungen, die wir und die Gesellschaft, in der wir leben, über die Zeit erleben, ohne ihren Verlust wirklich emotional wahrzumehmen und dadurch mindestens zu würdigen. Der Neuigkeit der Nachricht, sei sie gut oder schlecht, setzt O’Flynn damit entgegen, dass dafür etwas gehen musste, das es hinter der Nachricht erst zu entdecken gilt und zumindest der würdigen Erinnerung, wenn nicht gar des angemessenen Trauerns bedarf. Die oft negierte, ausgeblendete oder zur blossen Naxchricht verkommene Vergänglichkeit menschlichen Lebens und menschlicher Werke zeigt sich als eigentlicher Wert, der das Leben im Angesicht seines sicheren Verschwindens erst leuchten und uns so Frank Allcroft als stoischen, doch empfindsamen katalytischen Helden des Buches umsomehr ans Herz wachsen lässt.

O’Flynn versteht es, sich mit großem Gespür für Nuancen in ihre Protagosten einzufühlen und baut sorgfältig einen Spannungsbogen auf, der den Leser gern der melancholischen, zart gewebten und dennoch unerhört fesselnden Geschichte folgen lässt. Das Buch wurde von Cornelia Holfelder-von der Tann ins Deutsche übertragen und zeichnet sich durch eine hohe sprachliche Qualität aus, was das Lektüreerlebnis zusätzlich steigert. Ein wunderbares Buch, das lange nachwirkt.

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2 Kommentare zu “Der vierte Versuch : Roman / Catherine O’Flynn

  1. Ich habe „Was mit Kate geschah“ gelesen und fand den Stil der Autorin so extrem langweilig, dass ich mich da durch gekämpft habe. Ich meine sogar mich zu erinnern, dass ich es abgebrochen habe.
    Diese Autorin hat mich nie wieder verleitet, ein Buch von ihr auch nur ansatzweise in die Hand zu nehmen 😉
    Lg Petra

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    • Liebe Petra,
      so kann es einem gehen mit Büchern, die andere vielleicht extrem spannend finden. Ich hatte auch schon solche Erlebnisse mit weithin empfohlenen Büchern – und manchmal war es vielleicht nur, dass meine gegenwärtige Stimmung so gar nicht zum Buch passte.
      Aber wenn man sich dann doch mal durchgequält hat, liegt es nahe, um den Autoren, die Autorin zunächst mal einen weiten Bogen zu machen. So habe ich meine mehrfachen Versuche, Salman Rushdie zu lesen, der sicher ein respektabler und ernstzunehmender Autor ist, mittlerweile aufgegeben: er spricht mich einfach nicht an. Oder vielleicht erst in zehn Jahren. Wer weiß das schon so genau 😉
      Liebe Grüsse von
      Jarg

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