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Die sanfte Entführung des Potsdamer Strumpfträgers / Christian Ritter

Es ist ja immer so eine Sache mit den Büchern, die in der Bibliothek meines Vertrauens unter Witz & Satire bzw. Humor firmieren: etliche Titel sind mir zu zeitgeistig, haben eine vergängliche Comedyattitüde oder sind gewollt komisch. Natürlich gibt es immer wieder Ausnahmen – und da ich in letzter Zeit sehr viele melancholische, zuweilen gar düstere Bücher gelesen habe, habe ich beherzt im besagten Bereich gesucht und mir letztlich aus der „Onleihe zwischen den Meeren“ das vorliegende Buch des Poetry-Slammers und Autors Christian Ritter gezogen. Und ich wurde nicht enttäuscht.

Zur Geschichte: derr Mitdreissiger Paul wohnt seit etlichen Jahren draussen auf dem Land auf dem alten Bauernhof von Herrn Müller. Womit Herr Müller sein Geld verdient, weiss man ebenso wenig wie seinen Vornamen. Paul jedenfalls arbeitet seit achtzehn Jahren im Dorfsupermarkt als rechte Hand der Chefin, plaudert entspannt mit der bald achtzigjährigen Frau Rottenbauer, wenn die mit ihrem Klappstuhl vier Stunden lang bei den Zeitschriften hockt und hat ansonsten keine großen Pläne für sein Leben. Aber halt, eine Leidenschaft hat er – und die teilt er sogar mit Herrn Müller: beide sind leidenschaftliche Fans von „Wer wird Millionär“ und verehren Günther Jauch über alle Maßen. Und Paul hat eben doch dieses eine Ziel: einmal Kandidat sein und abräumen.

Tatsächlich kommt eines Tages der ersehnte Anruf. Paul nimmt sich frei, bereitet sich intensiv vor, sucht sich sorgfältig seine Telefonjoker aus und weiht sogar seine ungeliebte Mutter mit ein. Endlich geht es los und Paul sitzt tatsächlich auf dem begehrten Stuhl. Doch dann vergeigt er alles und kehrt deprimiert zurück in sein Dorf. Doch dann hat Herr Müller eine grandiose Idee: sie entführen Günther Jauch. Ganz sanft natürlich. Und erleben in den folgenden Tagen mehr als eine Überraschung …

Der Roman von Christian Ritter über Paul und seinen farblos vor sich hin dilettierenden Mitbewohner Herrn Müller treibt einem mehr als einmal die Tränen in die Augen vor Lachen und gewinnt im Verlaufe der Handlung mehr und mehr an Fahrt. Ritter treibt seine Geschichte gekonnt ins Absurde und zeichnet dabei seine skurrilen Figuren – allen voran Paul, Herrn Müller und Frau Rottenbauer – sehr genau mit großem Gespür für Ecken, Kanten und Marotten. Geschickt spielt er mit Klischees – so geschickt, dass sich der Verlag dazu bemüßigt fühlte, am Ende darauf hinzuweisen, dass Herr Jauch, Heidi Klum und so manch anderer im Buch auftauchender Prominente in Wahrheit natürlich nicht unbedingt so sein müssen. Weiß man es?

Christian Ritter treibt jedenfalls seine aberwitzige Geschichte so gekonnt auf die Spitze, dass man beim nächsten Auftritt von Günther Jauch sich unwillkürlich Fragen stellt wie: fährt der wirklich so schnell Auto? Liest er tatsächlich gerne Asterix und hat er ein Faible für alte Platten? Kann er belgische Waffeln machen und was weiß er über Bernd Stelters Verhalten in Garderoben? Und welche Farben haben seine Socken? Von Heidi Klum schweigen wir mal ganz.

Fazit: eine köstliche und kurzweilige Lektüre, die unsere mediengehypte Gesellschaft gekonnt auf die Schippe nimmt, ohne dabei in gedankenschwere Kulturkritik zu münden, sehr wohl aber Lachanfälle auszulösen, die hier im Norden immer irrierte Blicke der Mitreisenden in der U-Bahn auslösen. Ich habe mich keine Sekunde gelangweilt und erwahrte sehnlichst die Verfilmung mit Christian Ulmen als Paul – und natürlich mit Günther Jauch selbst. Wer weiß? Humor soll er ja haben.

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2 Kommentare zu “Die sanfte Entführung des Potsdamer Strumpfträgers / Christian Ritter

  1. Ich habe das Buch schon im Laden liegen sehen, aber aus Furcht vor Comedy-Humor nicht zugegriffen. Deine Rezension verspricht aber Qualität. 86 Jarg-Punkte. 🙂

    PS: wäre das nicht was, wenn Du ein bis fünf „Jargs“ für Deine vorgestellten Artikel vergibst?

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    • Doch, das Buch ist kurzweilig und intelligent zugleich und gehört zu jener Sorte gut gemachter Unterhaltung, die man sich ohne Reue zuführen kann.
      Eine Punktevergabe wäre mir zu anstrengend, zumal die Subjektivität des Blogs dem entgegensteht und eine Objektivität suggeriert würde, die es bei so etwas nach meinem Empfinden eigentlich nicht geben kann.

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