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Persönlichkeitsrechte für Tiere : die nächste Stufe der moralischen Evolution / Karsten Brensing

„Was ist nun mit Kindern, die, bedingt durch eine Erbkrankheit, in ihrer Entwicklung gehemmt sind, niemals sprechen werden und sich auch nicht im Spiegel erkennen? Sind sie Menschen und haben sie Menschenrechte? Ja, natürlich! Doch warum sind wir so streng, wenn es darum geht, Tieren, die in den kognitiven Fähigkeiten weit über die eines Kleinkindes oder eines kognitiv behinderten Menschen hinausgehen, gewisse Rechte und Freiheiten zuzugestehen? (S. 197).“

Bereits Antoine F. Goetschel hatte sich ja in „Tiere klagen an“ auf sehr differenzierte Weise mit Tierschutz, dem Verhältnis Mensch und Tier und den Rechten von Tieren auseinandergesetzt. Der Meeresbiologie und Verhaltensforscher Karsten Brensing, der sich mit Delphinen beschäftigt und für die internationale Wal- und Delfinschutzorganisation WDC arbeitet, diskutiert in „Persönlichkeitsrechte für Tiere“ auf der Basis zahlloser wissenschaftlicher Untersuchungen den gegenwärtigen Stand der Forschung über das Bewusstsein von Tieren, ihre empathischen, kognitiven und soziokulturellen Fähigkeiten und leitet daraus weitgehende Forderungen für die ethischen Grenzen ab, die sich Menschen im Umgang mit Tieren setzen sollten, und für die Persönlichkeits, die zumindest einigen Tierarten eingeräumt wwerden müssen.

Dabei setzt er den Schwerpunkt nicht auf die ihm als Forschungsgebiet besonders gut bekannten Delphine, sondern befasst sich auch mit den Erkenntnissen anderen Tierforscher, die er in Bezug zu den Fähigkeiten und Verhaltensweisen des Menschen setzt. Rasch wird deutlich, dass etliche Tiere über ein Bewußtsein ihrer selbst verfügen, Fähigkeiten zur Kommunikation vorhanden sind und sogar – wie bei den Delphinen – so etwas wie Namen existieren, konkret und individuell geäußert über die den Tieren möglichen kommunikativen Lautäußerungen (in diesem Fall einer Art Signaturpfiff).

Brensing zeigt, dass es selbst beim Menschen schwierig ist, Selbstbewußtsein wirklich zu beweisen – und dass wir beim Erfoschen des Selbstbewußtseins von Tieren und der diesbezüglichen Gestaltung von Experimenten leicht geneigt sind, von unserer eigenen Wahrnehmungswelt auszugehen, was uns den Blick für die Wahrnehmungs- und Bewußtseinswelt von Tieren leicht versperren kann. Eingehend geht er auf die komplexen Soziaalstrukturen und die strategischen Fähigkeiten insbesondere von Delphinen ein und zieht des Bogen weiter zu etlichen Primaten, Elefanten und einigen Vogelarten, denen er ebenfalls Fähigkeiten zuschreibt, die man im Allgmeinen nur bei Menschen verortet.

Für manchen überraschend sind seine Ausführungen über Gefühle: spätestens hier sollten wir Menschen doch nach landläufiger Ansicht eine Sonderstellung haben? Brensing ist da anderer Meinung und belegt das auch: Liebe, Lachen, Trauer und Mitgefühl können auch bei vielen Tieren nachgewiesen werden, ja sogar artübergreifender Altruismus ist – etwa bei Delfinen – nachgewiesen. Besonders berührend ist das Beispiel eines wilden Delphins, der einen Fremdkörper in der Flosse hatte und gezielt bei Menschen Hilfe suchte, die ihn schliesslich mit Hilfe eines Werkzeugs von dem schmerzhaften Fremdkörper befreiten.

Fazit: für Brensing ist es klar, dass sich im Umgang mit Tieren etwas grundlegend ändern muss, ja dass wir einigen Tierarten Persönlichkeit zugestehen und damit auch Persönlichkeitsrechte einräumen müssen, die über das hinausgehen, was gegenwärtig Stand der Dinge im Tierschutz ist. Dabei diskutiert er neben geltenden Naturschutzgesetzen kritisch Bereiche wie die Fischerei und die Zoohaltung. Tierrechte sieht er dabei beileibe nicht als „Luxusprojekt“: aktuelle Erkenntnisse über die Fähigkeiten von Tieren müssen bei allen noch bestehenden wissenschaftlichen Unsicherheiten und trotz vieler anderer gesellschaftlicher Probleme auch Folgen haben für unsere Ethik.

Brensing hat sich breit mit seinem Thema befasst und wagt auch den Blick über den Tellerrand, zitiert Kant, setzt sich mit Peter Singer oder dem amerikanischen Wirtschaftsethiker Thomas White „In Defense of Dolphins“ auseinander. Ihm gelingt es dabei auch mittels weniger, aber aussagekräftiger Illustrationen und Grafiken, wissenschaftliche Sachverhalte, Erkenntnisse und Forschungsmethoden spannend und sprachlich ansprechend zu vermitteln. Klar und eindringlich spricht er sich für eine Weiterentwicklung gegenwärtiger ethischer Rahmenbedingungen aus – und dafür, dass wir uns Tieren gegenüber nicht mehr „wie die Tiere“ verhalten.

Eines der spannensten Sachbücher der letzten Zeit, dass ich mit großem intellektuellem Genuss gelesen habe und dem eine weite Verbreitung unter all denen zu wünschen ist, die ihren Wissenshorizont zu erweitern bereit sind.

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36 Kommentare zu “Persönlichkeitsrechte für Tiere : die nächste Stufe der moralischen Evolution / Karsten Brensing

  1. sehr interessant ! Wenn Du irgendwann mal Zeit hast 🙂 lies bitte „Ismael“ v. Daniel Quinn 🙂 wollte mal gern zweite Meinung hören…. sg

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  2. Ohne den ganze Beitrag gelesen zu haben 🙂
    Ich finde Polizeihunde sind auch irgendwie unsere Sklaven, die dann Bomben oder Drogen aufspüren und kein Murks machen (dürfen).
    Aber Hunde sind ja keine Schimpansen. Aber wenn man sich so diese armen Hunde ansieht, dann sind sie schon unser Werkzeug, wie die damalige Sklaverei der Schwarzen.

    Liebe Grüße, Gregor

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    • Ja, das ist nicht einfach mit den Tieren, die der Mensch für sich aus wilden Urformen gezüchtet hat. Einerseits sind sie auf den menschen geprägt und oft von ihm abhängig. Andererseits mißachten wir oft ihre natürlichen Bedürfnisse und wertschätzen zu wenig, was sie für uns leisten. Oder wir überschätzen sie.
      Liebe Grüsse von
      Jarg

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    • Danke, liebe Ingrid. Irgendwie beschäftigt mich die ethische Komponente meines Vegetarierdaseins in letzter Zeit mehr. Und es gibt mehr Bücher zu solchen Themen als früher. Vielleicht ändert sich ja doch mal was …

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      • Liebe Ingrid,
        ja, das ist das nächste auf meiner Leseliste. Das Thema kann einen schon packen – und der Trend zu Vegan, dem ich als klassischer Vegetarier noch nicht so ganz folgen kann, zeigt ja, dass sich in den Köpfen etwas bewegt.
        Ein zauberhaftes Osterwochenende Dir
        Jarg

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