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Die Krone der Schöpfung : die grössten Irrtümer über uns Menschen / Gunter Müller

Man ist also selbst nur ein ehrfurchterregend-furchtbarer Zufall, den der kosmische Zufall gewählt hat – „survival of the luckiest“. Letztendlich ist die menschliche Existenz nicht mehr als eine Art Unfall, oder besser – ein Witz. (S. 84)

Selbstüberschätzung gehört zu den prägenden Wesensmerkmalen des Menschen. Wir halten uns gern für den Mittelpunkt des Universums, manche von uns gar als auserwählte Spitzenlebewesen eines angeblich allmächtigen Schöpfers. Schliesslich haben wir ja so einen klaren Verstand, stehen an der Spitze der Nahrungskette, sind das absolute Alphatier auf diesem Planeten?

Ist das wirklich so? Gunter Müller berichtet über zahllose Studien und Versuche, die uns Menschen in ganz anderem Licht erscheinen lassen. Dabei entdeckt er, dass unsere Entscheidungen oft gar nicht so rational, ja noch nicht einmal bewusst gefällt werden, wie wir eigentlich denken – sowohl als Gruppe, als Gesellschaft als auch als Einzelpersonen. Oft stehen Entscheidungen schon fest, bevor wir sie in unserem Bewußtsein wahrnehmen:

In Versuchen stellte sich etwa heraus, dass das Ansehen von Horrorfilmen absurderweise bei den Probanden die Bewertung abstrakter Kunst positiver ausfallen lässt, dass Werbefilme, in denen der Name des Produktes auf einer großen Leinwand von oben nach unten und zurück durch den Film läuft, automatisch positivere Bewertungen für das beworbene Produkt auslösen, weil die beim Betrachten unwillkürlich ausgelöste Nickbewegung unsere Entscheidung für oder gegen ein Produkt unwillkürlich beeinflusst. Klassische Musik beeinflusst die Bewertung ethischer Fehlverhaltens und führt zu milderen Urteilen, während man in klugen Versuchsaufbauten nachweisen konnte, dass man gezielt durch suggestive Fragen Erinnerungen in Menschen erzeugen kann, die dem tatsächlich Erlebten nicht entsprechen.

Auch der Einfluss dramatischer Verletzungen bestimmter Gehirnregionen wwerden erwähnt, die beispielsweise Gefühle von Spiritualität auslösen und darauf hinweisen könnten, dass nicht richtig funktionierende Partiallappen über dem rechten Ohr Ursache von metaphysisch-religiösen Empfindungen und übersteigertem Mitgefühl – vulgo: Speziesegoismus – sein könnten. Sehr schön auch die Versuche über persönliche Gottesvorstellungen und daraus abgeleitete Moralvorstellungen, die sich durch gespielte Perspektivwechsel in geschickten Versuchsaufbauten deutlich ändern liessen: verblüffend auf den ersten Blick ist dabei auch Erkenntnis, dass Nachdenken über göttliche Wesen in genau jenem Hirnbereich lokalisiert werden kann, in dem das selbstreferentielle Denken zuhause ist:

Gott entspricht der Identität des Menschen. Das Nachdenken über Durchschnittsbürger aktiviert hingegen andere Regionen. Das beweist, dass der Glaube an Gott anatomisch quasi der Glaube an sich selbst ist. Wir schaffen Gott nach unserem Bild. Es ist ein Fehler, Menschen danach zu fragen, was dieser Gott denn wollen könnte. (S. 111)

Ausgesprochen aufschlussreich ist auch, dass Probanden, die einen unverständlichen offziellen Text zu einem politisch-gesellschaftlichen Problem lasen, ihrer Regierung anschliessend mehr vertrauten, als wenn sie einen verständlichen Text gelesen hätten – auch das ist nicht gerade ein Beweis für unsere überragende Intelligenz.

Fazit: Gunter Müller ist ein auf wunderbare Weise satirisch überspitztes Buch gelungen, dass uns Trockennasenaffen wie auf dem Titelbild zu sehen gewissermaßen die Krone vor die Augen rutschen lässt in Anbetracht unserer dermaßen kläglichen Leistungen auf kognitivem Gebiet. Natürlich – und dessen ist sich Müller durchaus bewußt – offenbart ein solcher Blick auf Studien, die die Unzulänglichkeit des Menschen belegen sollen, auch notgedrungen eine eingeschränkte Sicht auf den Menschen udn es gibt sicher auch ebensoviele kognitive Leistungen, die sehr bemerkenswert sind und die in diesem Buch aus gutem Grund (Enthronung des Tieres Mensch von seinem hohen Sockel) fehlen.

Eine ausgesprochen amüsante, kurzweilige und lehrreiche Sammlung von kurzen, auf jeweils wenigen Seiten vorgestellten und humorvoll kommentierten Forschungsergebnissen, die man am Stück oder auch häppchen Weise lesen kann und deutlich machen, wie sehr unsere Gefühle, Gedanken und Entscheidungen von Faktoren beeinflußt werden, die uns nicht bewusst sind und auf die wir nicht selten auch keinen Einfluss haben.

4 thoughts on “Die Krone der Schöpfung : die grössten Irrtümer über uns Menschen / Gunter Müller

  1. Das klingt wirklich nach einem sehr interessanten Buch, auch wenn allein schon die Forschungsergebnisse, die du hier vorstellst, mich denken lassen, dass ich den Glauben an die Menschheit verlieren könnte…😉 Danke jedenfalls für diese Buchbesprechung. Der Titel wandert auf die Merkliste.

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    • Gern geschehen und viel Spaß bei der Lektüre. Ich glaube, wenn die Menschheit sich selbst nicht so maßlos überschätzen und vieles gelassener nehmen würde, wäre manches leichter und das Zusammenleben erquicklicher. Ganz bestimmt. Und ein bisschen lernen wir ja doch dazu von Jahrhundert zu Jahrhundert. Hoffe ich😉
      Herzlich grüsst
      Jarg

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