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Little Miss Sunshine / Regie: Jonathan Dayton und Valerie Faris. Darst.: Abigail Breslin, Greg Kinnear, Toni Collette, Paul Dano, Steve Carell, Alan Arkin

USA, Albuquerque (New Mexiko): Familie Hoover lebt im tiefen Süden der Vereinigten Staaten. Vater Richard, ein Motivationstrainer, versucht verzweifelt, für sein erstes Buch („Neun-Stufen-Programm − wie man zu einem Gewinner wird“) einen Verlag zu finden. Mutter Sheryl beobachtet skeptisch die Bemühungen ihres übermotivierten Gatten, während ihr 15jähriger Sohn Dwayne beschlossen hat zu schweigen, bis die Air Force ihn als Testpiloten annimmt. Die pummelige Olive, seine kleine Schwester, träumt derweil vom Gewinn eines Schönheitswettbewerbs und wird darin durch ihren Trainer, Großvater Hoover, einen knorzigen unkonventionellen Mann, bestärkt. Komplettiert wird die Familie kurzfristig durch Sheryls homosexuellen, selbstmordgefährdeten Bruder Frank, einen der besten Proust-Experten Amerikas.

Als der eigentlich zweitplatzierten Olive überraschend der erste Platz im regionalen Vorentscheid zur „Little Miss Sunshine“ zufällt, eröffnet sich ihr die Chance, am Finale in Los Angeles teilzunehmen. Kurze zeit später ist die ganze Familie mit dem alten, sonnengelben VW Bus unterwegs in Richtung Westen auf einer Reise, die schnell durch Streitereien und allerhand technisches Unbill getrübt wird. Trotzdem sich jeder von ihnen auf der Reise in seinen Erwartungen, Hoffnungen und Sehnsüchten auf jeweils eigene Weise getäuscht sieht, beginnt die Reise die Familie zusammenzuschweissen. Doch dann stirbt Olives Großvater an einer Überdosis Heroin – und aufgrund der dadurch erforderlichen Formalitäten scheint Olives Teilnahme am Wettbewerb in Kalifornien ernsthaft gefährdet. Doch ihr Vater Richard wächst über sich selbst hinaus und fällt eine ungewöhnliche Entscheidung mit weitreichenden Folgen: für die Familie, für Olive und auch für den Wettbewerb … die Leiche im Wagen scheint davei trotz einer bizarr-komischen Begegnung mit der Polizei noch das kleinste Problem zu sein.

„Little Miss Sunshine“ gehört zu den amerikanischen Filmen, die sich den Erwartungen an das übliche Hollywoodkino komplett entziehen und eine Geschichte zu erzählen haben, die über Popcornkinoniveau hinausreicht: geschickt wendet der Film den typisch amerikanischen Glauben an das Positive Denken, an den in jedem verborgenen Gewinner, ins Gegenteil und zeigt, wie hohl und leer die Kultur des „American Dream“ in Wahrheit ist. Gerade in den Schlussszenen (sowie in einer wunderbaren Szene mit einem Motorradcop) wird zudem die Bigotterie der amerikanischen Gesellschaft überdeutlich, in der Prüderie und Übersexualisierung oft zwei Seiten einer Medaille sind: dabei wird auch die Fragwürdigkeit von Schönheitswettbewerben für Kinder auf absurde, überspitze Weise hinterfragt.

Die Hoovers sind eine schräge Version der „All-American-Family“, deren skurriler Road-Trip sie zum familiären Gegenentwurf zur hektisch dem amerikanischen Traum nachjagenden Gesellschaft macht und zeigt, dass menschliche Gefühle und Sehnsüchte sich nicht über die Selbstoptimierungsindustrie und ihre Programme, Ratgeber, Wettbewerbe und Preise beantworten lassen und ein glückliches Leben nicht vom ersten Platz abhängt. Das dem Film zugrunde liegende Drehbuch von Michael Arndt soll dessen eigener Familiengeschichte folgen. Die Realisierung des Filmes dauert aufgrund skeptischer Investoren und den auf nicht populären Schauspielern bestehenden Regisseuren relaitiv lange fünf Jahre, die sich aber mehr als gelohnt haben: „Little Miss Sunshine erreichte große Aufmerksamkeit und wird zu recht mit de Prädikat „wertvoll“ versehen.

Gerüchten, nach denen ich diesen Film nur sehen wollte, weil ein VW Bus T2 darin vorkommt, muss ich vehement widersprechen: das Fahrzeug mit der gewissermaßen tragenden Rolle, die auf dem Cover der DVD schön ins Szene gesetzt wird,gehört zwar für mich zu den mangels Autobastlerqaulifikation unerreichbaren Traumautos, spielte aber bei der Entscheidung für den Film nur eine Nebenrolle. Mehr als das überzeugte mich die ungewöhnliche, zwischen Drama und Komödie angesiedelte Geschichte erwarten liess. Tatsächlich ist „Little Miss Sunshine“ ein wunderbarer, auf absurde Weise humorvoller Roadmovie über eine schräge Familie geworden, der den Fokus auf die Protagonisten als gemeinsam agierende Gemeinschaft legt und durchaus auf positive Weise herzerwärmend wirkt, einen zum Lachen und Weinen reizen kann. Den ausgewählten Schauspielerinnen und Schauspielern, darunter Alan Arkin und Toni Collette (Muriels Hochzeit) gelingt ein wundervolles, pointiertes und nuancenreiches Zusammenspiel.

Ein zauberhafter Film und einer der zum Glück immer wiederkehrenden Beweise, dass das amerikanische Kino noch nicht tot ist und eine Zukunft jenseits der Blockbusterkultur hat. Und der gelbe VW Bus ist wirklich schön – trotz Macken!

12 thoughts on “Little Miss Sunshine / Regie: Jonathan Dayton und Valerie Faris. Darst.: Abigail Breslin, Greg Kinnear, Toni Collette, Paul Dano, Steve Carell, Alan Arkin

  1. Lieber Jarg,
    ein ganz wunderbarer Film ist das. Schön, dass Du ihn hier besprichst. Zwecks wegen des T2: also ich habe mir den Film zuerst tatsächlich wegen dem Bus und dem Wort Road Movie angesehen. Und wurde nicht enttäuscht. Ich liebe Road Movies zwischen Alice in den Städten und Convoy ist da alles möglich, auch Little Miss Sunshine und der T2
    Liebe Grüsse
    Kai

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    • Lieber Kai,
      ja, der T2 hatte es mir auch angetan als Traumauto, dass ich niemals haben werde (weil kein Bastler). Road ovies mag ich auch sehr gerne: „Alice zwischen den Städten“ (bisher nur dem Titel nach bekannt) ist gleich notiert. Und ja, Convoy ist ein echter Klassiker de Genres.
      Liebe Grüsse vom Jarg

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  2. Ich habe ihn gerade erst wieder gesehen – zum dritten oder vierten Mal – und mich erneut prächtig amüsiert. Dieser Film ist großartig, macht so gute Laune und ist zugleich tiefgründig. Love it!

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    • Dabei wäre der Film fast nie entstanden. Zum Glück glaubten die Regisseure an ihre Geschichte und haben sie am Ende gegen alle Widrigkeiten filmisch wunderbar umgesetzt.

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  3. Das ist in der Tat ein schöner Film, den ich auch gern mal empfehle, wenn jemand einen interessanten Film sucht. Mir hat der Sohn der Familie sehr gefallen und auch der Bruder des Familienvaters. Und natürlich auch die kleine, eifrig lernende, von ihrem Opa motivierte und inspirierte Enkeltochter, die diesen blöden Wettbewerb unbedingt gewinnen will. Und, nicht zuletzt natürlich auch der „wilde“ Opa.🙂

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