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Vorläufige Chronik des Himmels über Pildau : Roman / Max Scharnigg

„Es war dieser Sommer, der mir bis heute immer in den Sinn kommt, wenn jemand das Wort Sommer mit jener schwärmerischen Langsamkeit ausspricht, es war so eigentlich bis heute mein erster Sommer. Wenn man die Zeit noch nicht kennt, weil man keinen Kalender und keine Uhr lesen kann, hat man die allerbesten Voraussetzungen für einen richtigen Sommer, in dem sich irgendwann in den ersten Anfängen eines überhitzten Nachmittags und zwischen den winzigen Blütenblättern eines Gänseblümchens nichts mehr bewegt und das Flimmern über dem Dach der Scheune zu einem Flimmern der ganzen Welt wird. So ein Sommer war das.“ (S. 143)

Jasper Honigbrod wächst auf einem abgelegenen, nur über einen Feldweg erreichbaren Einsiedlerhof bei seinem Vater und seinem Großvater auf. Die seit Jahrzehnten stetig in den Himmel wachsende, jährlich zu längende Hofstange gehört zu den auffallensten Merkmalen auf dem Hof neben einem unsichtbaren, uralten Fisch. Der Großvater Ludwig kümmert sich um den Mangold und anderes Gemüse und entwickelt absurde, aber erfolgreiche Pflegemaßnahmen wie Mangoldstreicheln und Gemüseduschen: der Hof ist nahezu autark und die wenigen nötigen Geldeinnahmen kommen hauptsächlich aus den Lizenzeinnahmen für ein vor langer Zeit entwickeltes Erntegerät, den „Orginial Pildauer“. Der hochintelligente Vater Max widmet sich seinen Forschungen. Dann gibt es da noch die rätselhafte Lene-Mama, die immer mal wieder auftaucht und die gefährtin des Vaters zu sein scheint – und fern des Hofes den Blick auf die tief unten liegende Landstrasse als einzige, sich über die Jahre veränderndes Zeugnis der Außenwelt.

An eben dieser Landstrasse geschieht eines Tages ein Unfall, bei dem alle Insassen des Autos sterben bis auf einen Säugling. Sie nenne das Mädchen Lada und ziehen es auf dem Hof auf. Durch Lada bekommt auch Jaspers Leben eine andere Wendung auf diesem Hof, auf dem die Frauen nie lange bleiben und die Männer immer wieder Entscheidungen treffen, die sich im Nachhinein als Fehler erweisen.

Jasper wächst heran und mit ihm die nahezu gleichaltrige Lada. Sie erkunden den Hof und die Außenwelt und wagen sich schliesslich auch in die Nähe der verbotenen Landstrasse, wo sie seltsame Dinge vom Strassenrand auflesen, die ihnen wie Schätze scheinen: Stofffetzen, Radmuttern, halbe Brillengestelle, eine goldene Hülse und auch jene glänzenden dunklen Bänder, die erst spät ihr Geheimnis enthüllen. Und Max verliebt sich in Lada – unglücklich.

„Aber es ist für eine Fast-Elfjährigen eine enorme Erkenntnis, wenn er etwas Eigenes betritt, etwas, das nicht von den Erwachsenen in irgendeiner Weise vorbereitet wurde, etwas, das nicht abgestecktes Spiel ist, keine hundertfach getestete Mutprobe, sondenr ein tatsächliches, eigenes Abenteuer, in das er sich wissenstlich und schutzlos begibt, ohne zu wissen, welches Ende es nimmt. Als Erwachsener begegnet einem derlei vielleicht jeden Tag und man ist dringend angehalten, es nicht zu hoch zu bewerten, aber wenn es das erste Mal geschieht, ist es nicht gleich auf einen Schlag zu verstehen. Es wird aber einfacher mit jedem Tag, den man näher an das sechzehnte Lebensjahr heranwächst“. (S. 214)

Ob Sohn, Vater oder Großvater – jeder der drei hat seine eigene Art, mit dem Leben und dem unerbittlichen Ablauf der Zeit umzugehen. Allen gemeinsam ist, dass sie wie aus der Zeit gefallen scheinen und so auch der Unbill des 20. Jahrhunderts wie ein fernes Echo scheint, dass nur in ausgewählter, gefilterter Form nach Pildau dringt und doch subtil Einfluss nimmt und Folgen hat. Das Glück, dass sie jeweils für sich finden, liegt jedenfalls nicht in ihrer Zeit, nicht in der jeweiligen historischen Gegenwart begründet, sondern im persönlichen Moment.

„Ein Glück, sagte mein Großvater, wann immer er die Geschichte erzählte, und dann lachte er, und es war ein seltenes, heimatliches Geräusch, in das ich mich verkriechen konnte wie in meine bettwarme Decke“. (S. 14)

Alle scheinen sie ein wenig wunderlich, naiv und verschroben – und doch wachsen einem diese skurrilen „Männer“ unweigerlich an und ins Herz, berührt einen ihr wacher, offener und unverstellter Blick auf die Welt und ihre Merkwürdigkeiten. Der Großvater, ein Tüftler und Erfinder, durch Zufall nach Pildau geraten, der den Krieg in einem Erdloch überlebt und seine Liebe an einen bruchgelandeten englischen Piloten verliebt, dafür aber Max gewinnt. Max selbst, der sich in Wissen bewegt wie ein Fisch im Wasser, eloquent, beredt, mit allem vertraut – nur nicht mit der Musik. Max, der heimkehrt aus England mit Jasper, dessen Mutter bei der Geburt starb. Jasper selbst, der seine Welt erkundet mit all ihren Schätzen und Grenzen, jeden Morgen die Gutenmorgengeschichte seines Vaters erwartet. Jasper, dem es nicht zu mangeln scheint und der selbst beim auswärtigen Schulbesuch Außenseiter bleibt und sich früh zum Glück entschliesst.

Er [Max] lerne nicht wie seine Mitschüler, er bewegte sich einfach in dem Wissen, das überall in dieser wunderbaren Schule so großzügig zur Verfügung stand, und er ging darin immer weiter, niemand hielt ihn auf. (S. 259)

Max Scharnigg begeisterte mich zuletzt mit „Die Besteigung der Eiger-Nordwand unter einer Treppe“ und schrieb mit „Vorläufige Chronik des Himmels über Pildau“ eine Art männliches Gegenstück zu „Die hellen Tage“ von Zsuzsa Bánk., dem einzigen Buch, das mir auch nur annähernd vergleichbar scheint.

Scharnigg macht aus dem entlegenen Pildau einen magischen Ort, um den die Welt sich zu drehen scheint, schafft Bilder, die kraftvoll und zärtlich zugleich vom Erwachsenwerden erzählen, von Kindheitsglück und Kindheitstrauma, komisch und tragisch zugleich, und errichtet so einen erzählerischen Ort von großer Schönheit, geprägt von der Liebe zu seinen Protagonisten und einem subtilen Blick für ihre Sehnsüchte, Ängste und Abgründe. Das alles schreibt er in einer Sprache, die so bewegend schön und zugleich so kitschfrei ist, dass man es kaum glauben mag und am liebsten jeden Satz anstreichen würde. Literatur, die unmerklich, sanft und nachhaltig das Herz berührt und einen verändert durch die Welt gehen lässt.

Pildau, dieser verwunschene Ort außerhalb der Zeit, kann überall sein – und vielleicht, so bleibt zu hoffen und zu wünschen, für wenige glückliche Momente, auch in uns. Ein wundervolles Buch, dass ich gerne empfehle und das mit Sicherheit schon jetzt zu den wenigen Leseperlen dieses Jahres zählen wird.

4 thoughts on “Vorläufige Chronik des Himmels über Pildau : Roman / Max Scharnigg

  1. Pingback: Eine ganze Welt | theresa link

    • Liebe Theresa,
      danke für die Verlinkung und den Hinweis auf meine Rezension. Und es freut mich, dass Dir das Buch auch gefallen hat. Ganz sicher ist es nichts für jeden – und man braucht wahrscheinlich den richtigen Augenblick, um sich der Geschichte zu öffnen und ihren Zauber zu erkennen.
      Liebe Grüße von
      Jarg

      Gefällt mir

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