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Der Duft der Dinge : die Geschichte eines Diebes / Silvana D’Angelo ; Antonio Marinoni

“Ja, Häuser verbergen nichts vor mir. Ich weiß den rechten Zeitpunkt zu wählen, die geeignete Jahreszeit. Ich liebe es, zu vorgerückter Stunde zu erscheinen. Und am liebsten im Spätfrühling. Dann ist der Geruch eines Hauses am intensivsten, genau wie der Duft der Blüten.” (Zitat)

Jährlich schwappt eine Flut von Kinder- und Jugendbüchern auf den Markt. Viele sind darunter, die lieblos gemacht sind, platte, klischeehafte Geschichten erzählen und mehr oder weniger kitschige, nichtssagende Illustrationen enthalten: Bücher, die beim Lesen nicht selten tiefes Unbehagen auslösen und zu recht rasch wieder vergessen sein werden.

Zum Glück gibt es aber auch immer wieder Bücher, die herausragen aus der Masse des kinderliterarischen Einheitsbreies. Bücher, die alle Sinne anzuregen scheinen, mit Bildern aufwarten, die ihren ganzen zauber erst beim dritten oder vierten Betrachten enthüllen, deren Geschichten sich nicht in Oberflächlichkeiten bewegen, sondern tiefer gehen, einen berühren und vielleicht auch manchmal sanft irritieren, gar ein bisschen verstören: solche Bücher wirken fort, wenn die Lektüre schon längst vorbei ist.

„Der Duft der Dinge“ ist ein solches Buch, das sich an Kinder ebenso richtet wie an Erwachsene, die sich für grafisch anspruchsvoll gestaltete und hintergründig erzählte Geschichten interessieren. Es geht hier um Velluto (ital. für Samt): er ist ein Dieb, der leise und vorsichtig wie eine Katze fremde Häuser betritt, nur begleitet von seiner Komplizin – seiner feinen Nase. Velluto zieht es in glückliche Häuser – und so folgt er Menschen, deren Duftspur ihn in solche Häuser führt.

Wir begleiten ihn in das Haus von Corinne, einer Tänzerin, und erleben, wie Velluto und seine Nase an den unterschiedlichsten Düften all die Geschichten erspüren, die in diesem Haus verborgen sind: ob es der Geruch alter gemälde ist, der Duft von gewürzen, Kräutern, Büchern, der kalkige Duft von Marmor oder der süßliche Duft von Tabak, der Duft der Kinderträume nach Meersalz, Blätter, Eisen. Der Gang durch dieses Haus wird für Velluto und für den leser ein Fest für die Sinne und ein Gang durch die Geschichten, Gedanken und Erinnerungen seiner Bewohner.

Am Ende erfahren wir auch, was Velluto antreibt und wonach er sucht (das soll hier nicht verraten werden). Beglückt schlagen wir das Buch zu, nasenangeregt und zugleich mit übervollen Augen, denn die sinnliche Komponente des Buches beschränkt sich nicht auf die nach der Lektüre gesteigerte olfaktorische Wahrnehmung, sondern auch auf die zahllosen Details der Illustrationen: denn dieses glückliche haus ist voller gegenstände, voller Bilder und Skultpturen, Möbel und Muster, die Kunst- und Designgeschichte geschrieben haben: ob Bilder von Magritte und De Chirico, Möbel und Gebrauchsgegenstände von Marc Newson, Alvar Aalto oder Arne Jacobson, Gegenstände von Marcel Wanders. Doch bei dem Gang Veluutos durch die Wohnung verändert sich nicht nur seine Wahrnehmung, geht der Fokus von einem Familienmitglied zum nächsten: es verändert sich auch das Licht und mit ihm verändern sich die Gegenstände, verschieben sich Details von einem Bild zum nächsten.

Und so haben Silvana D’Angelo und ihr Illustrator Antonio Marinoni nicht nur ein Buch geschaffen, das die Wahrnehmung von Gerüchen und Düften zu steigern vermag, sondern uns auch an einen imaginären Ort entführt, der uns allen ein bisschen wie Heimat schmeckt, angefüllt mit den schönen Dingen, die Menschen schaffen können, mit Erinnerungen, Geschichten und Verheißungen und einer tiefen Ahnung davon, wie schön es sein kann, wenn der Zauber des Augenblicks Regie führt, und wie zart und wunderbar und vergänglich das ist, was wir Leben nennen.

Ein wunderbares Buch für alle ab etwa sechs Jahren, das einen nicht unverändert aus der Lektüre entlässt und auf den zweiten, dritten Blick seinen Zauber weiter steigert: so steht man am Ende ein wenig wie aus der Zeit gezogen da, hebt die Augen mit verändertem Blick vom Buch und braucht eine Weile, um an dem Ort wieder anzukommen, an dem man mit der Lektüre begonnen hat. Wer dazu ein Faible für Expressionismus und Symbolismus hat, wird sich zusätzlich bereichert fühlen.

10 thoughts on “Der Duft der Dinge : die Geschichte eines Diebes / Silvana D’Angelo ; Antonio Marinoni

    • Unbedingt. Bin auch schon am überlegen, ob ich es mir schenken sollte. Aber dafür muss ja dann ein anderes aus der heimischen Bibliothek gehen. Ach, das Büchermenschenleben ist nicht leicht😉

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  1. Pingback: Bücher die ich noch lesen möchte « Familienbande

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