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Als die Erde eine Scheibe war : die kuriosesten Irrtümer der Wissenschaft / Graeme Donald

„Es irrt der Mensch, so lang er strebt“ heisst es schon in Goethes Faust. Im Irren sind wir Menschen besonders beharrlich, denn der feste Glaube an abstruse, rational oft rasch widerlegte „Erkenntnisse“ ist wohl so alt wie die Menschheit. Donald Graeme widmet ihm ein ganzes Buch und spannt dabei den Bogen weit.

So beschäftigt er sich mit der obskuren Phrenologie oder „Schädelkunde“, die sich mit Rückschlüssen von der Schadelform auf den Charakter der Menschen beschäftigte und mittelbar ursächlich war für den Völkermord in Ruanda in den 1990er Jahren. Schon hundert Jahre vorher hatte Mark Twain die Phrenologie als Humbug entlarvt, als er inkognito in minderwertiger Kleidung bei dem amerikanischen Phrenologie-Guru Fowler auftauchte und der ihm neben einer Neigung zu Depressionen komplette Humorlosigkeit nachwies – um ihm einen Monat später bei einem offiziellen Termin das genaue Gegenteil zu attestieren.

Aber die Phrenologie macht erst den Anfang: ob Alchemie und der Versuch, Gold zu machen, das angebliche Frauenleiden Hysterie, dass in die Erfindung des Vibrators mündete, der angebliche Mozart-Effekt von klassischer Musik auf Kinder und die damit verbundene angebliche Wirksamkeit unterschwelliger Botschaften in Werbung und Propaganda, das gesuchte Missing Link im Stammbaum des Menschen, dass es gar nicht geben kann, den Kannibalismus, der aus Machtkalkül von der Kirche erfunden wurde, um die Menschen in eroberten Gebieten unterdrücken zu können, die antike Körpersäftetheorie oder den angeblichen Einfluss von Magneten auf den Menschen, der im frühen 19. Jahrhundert als Mesmerismus fröhliche Urstände feierte und heute zu einer lukrativen Industrie magnetisch-esoterischer Produkte geworden ist.

Donald widmet sich auch den Ursprüngen des obsessiven Kokain und Heroinkonsums, der im 19. Jahrhundert in der Oberschicht weitverbreitet war, wurden diese Substanzen doch bis zur Jahrhundertwende frei im Handel vertrieben und galten als gesundheitsförderlich. Er verschweigt dabei aber nicht, dass gerade das britische Empire mit den Opiumkriegen und dem Aufbau von Mohnplantagen in Nordindien und Afghanistan die Basis legte für das heutige Drogenelend. Man möchte ausserdem nicht wissen, wieviele fatale Entscheidungen mächtiger bis hin zum nachweislichen Kokskonsumenten Papst Leo dem XIII. auf das Konto drogenvernebelter Gehirne gingen. Wissen wir es heute?

Auch Tabak als Heilmittel führte zu irrwitzigen Anwendungen, die bis heute viel Schaden anrichten, wurde er doch nicht selten rektal in Form einer Darmspülung verabreicht. Auch heute noch ist die sogenannte Entschlackung, verbunden mit Darmspülungen, ja ein beliebter Zeitvertreib, der allerdings mit dem Nachteil verbunden ist, lebensbedrohliche Störungen hervorrufen zu können – abgesehen davon, dass der Darm nichts ist, was man „reinigen“ muss.

Wenngleich Donald den hier beschriebenen menschlichen Irrtümer durchaus mit Humor begegnet, verschweigt er niemals ihre zum Teil drastischen, bis heute reichenden Folgen. So gilt es heute bereits als ernstzunehmende These, dass HIV bereits in den zweanziger Jahren vom Affen auf den Menschen übertragen wurde: Grund dafür könnten menschenverachtende Versuche des russischen Forschers Serge Voronoff gewesen sein. Dieser verpflanzte in den 1920er Jahren reihenweise Keimdrüsen – vulgo Hoden – von Affen in die Testikel solventer Männer (darunter Atatürk), die sich davon eine längere Jugend erhofften – und an den Folgen Jahre später starben. In den 1930er Jahren weitere er seine Transplantationen auf weibliche Ovarien aus – bis er endlich in Ungnade fiel. Heute sehen viele Forscher die Ursache für HIV in Voronoffs Transplantationen von Affengewebe in menschliche Körper.

Sehr schön ist auch der Seitenhieb auf Hahnemanns abstruse, in der völlig abwegigen antiken Viersäftetheorie wurzelnden homöopathischen Lehren, die unter anderem eine Verdünnungserhöhung postulieren, wenn man Fläschchen mit verdünnter Substanz leicht auf den Handballen klopft. Hahnemann sprach sogar von magischen Verdünnungen, die ihre Kräfte freisetzen, wenn der Patient nur schüttelt. Das ist natürlich gegen die im gleichen Beitrag beschriebenen Aderlässe neuzeitlicher Quacksalber relativ harmlos. Donald treibt es am Ende mit einem grandiosen Selbstversuch auf die Spitze:

Ich habe eine eigene Versuchsreihe mit Whisky durchgeführt, und ich schwöre bei allem, was mir lieb und teuer ist: Ein Tropfen Single Malt Whisky, verdünnt in einem halben Liter Wasser, ist alles andere als ein Zaubertrank. Pur bringt er’s viel mehr. (S. 265)

Gaeme Donald ist ein lesenswertes Buch gelungen über Quacksalbereien aus vielen Jahrhunderten, die sich zum Teil in den Köpfen bis in unsere Zeit gehalten haben. Er macht deutlich, wie die Irrtümer entstehen konnten, welche zum Teil üblen Folgen sie hatten und haben und weshalb die Menschen so felsenfest daran glaubten, selbst als sie längst wissenschaftlich widerlegt waren. Eingetreute Miniirrtümer und treffende kleine Illustrationen zeitgenössischer Art steigern das Lektüreerlebnis.

Ein vergnügliches, zuweilen aber auch sehr ernstes Buch für den Skeptiker, die Skeptikerin.

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