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Silver Linings : Roman / Matthew Quick

Philadelphia, USA. Der 34jährige Pat Peoples, aus dessen Sicht die Geschichte erzählt wird, sehnt nichts mehr herbei als die Wiedervereinigung mit seiner Frau Nikki. Er hat nicht nur sie verloren, sondern auch seine Anstellung als Lehrer für Geschichte, sein Haus und – vor allem – seine Erinnerung. Schnell wird klar, dass der manisch-depressive Pat, der gerade aus der psychiatrischen Klinik entlassen wurde, etliche Jahre darin verbracht haben muss. Jetzt wohnt er wieder zu Hause bei den Eltern – einem meistens schlecht gelaunt schweigenden, insbesondere bei schlechten Footballergebnissen der Eagles gewalttätigen Vater und einer sich beflissen bis zur Selbstaufgabe sorgenden, tränennahen Mutter – ansolviert ein exzessives Sportprogramm, um wieder in Form zu kommen, liest etliche Bücher und malt sich aus, wie es ist, wenn die „Auszeit“ vorbei, Kontakt wieder möglich ist und Nikki dann bald erneut an seiner Seite ist. Begleitet wird er bei seiner Rückkehr ins Leben von seinem indischstämmigen Therapeuten Dr. Cliff Patel.

Bei seinem alten Freund trifft er auf die nach dem Tod ihres Mannes aus dem Leben gefallene Tiffany: sie ist depressiv, sehr direkt und hat mit allen Männern in ihrem Büro geschlafen, bevor sie gefeuert wurde. Nach der seltsamen Begegnung beim Nachbarn ist sie ständig da, wenn er joggen geht. Zunächst zeigt sich Pat irritiert und genervt, lädt sie aber dann doch auf Anraten von Dr. Siri zum Abendessen ein – was aus einer Schale Müsli besteht. Tiffany wird bald zu seinem Schatten, wenn er mit dem Müllsack über den Klamotten zum Joggen geht. Aber dann scheint sie ihm eine Möglichkeit aufzuzeigen, zwischen ihm und seiner Frau zu vermitteln. Die Auflage: er muss sie zu einem Tanzwettbewerb unter dem Motto „Dance Away Depression“ begleiten. Pat greift nach der Chance – und setzt alles daran, Nikki zu beweisen, dass er sich verändert hat. Dumm nur, dass langsam auch die Erinnerung wiederkehrt und so manches anders wird und anders ist, als Pat sich das vorgestellt hat …

Matthew Quick ist mit seinem Romandebüt eine zugleich tragische und komische Geschichte um zwei entwurzelte Aussenseiter gelungen: Pat, der zunächst fast naiv an die Rückkehr seiner Frau glaubt und erst langsam zu seinen Erinnerungen zurückfindet und an das, was wirklich geschah, und Tiffany, die sich nach einem traumatischen Erlebnis ebenfalls auf der Achterbahn des Lebens befindet und im Laufe der Geschichte eine intensive Freundschaft zu Pat entwickelt.

Mit großer Sorgfalt entwickelt Quick seine Protagonisten bis in die Nebenrollen hinein und macht so das Familien- und Freundesnetzwerk rund um Pat herum sichtbar, die Verstörungen, Verletzungen und Sehnsüchte, die unter der Oberfläche spürbar sind und deren wahre Ursachen sich Pat und damit auch dem Leser erst nach und nach erschliessen mit der zurückkehrenden Erinnerung. Der Autor vermeidet dabei Klischees und Stereotype über psychisch erkrankte Menschen und zeigt sie letztlich in all ihrer Emotionalität, ihrer Verletzbarkeit und als Menschen mit Wünschen, Hoffnungen udn Sehnsüchten, die durch die Zeitläufte und Verwicklungen ihres Lebens an die extremen Ränder des sogenannten Normalen getrieben wurden: warmherzig und humorvoll zugleich entwickelt er seine Charaktere, so dass dem Leser auch ihre düsteren Seiten verständlich und emotional nachvollziehbar werden. Die Enthüllung von Pats Geheimnis geschieht dabei langsam, ohne Hast und damit in psychologischer Hinsicht umso überzeugender.

Deutlich wird aber auch, dass das sogenannte Normale schwer zu definieren ist, gerade auch wenn der Fokus auf den anderen Figuren liegt, speziell dem gewalttätigen Vater, der seine Gefühle verbal nicht äußern kann – wie überhaupt die Männer in dieser Familie sprachlos scheinen, wenn die Gefühle sie überwältigen. Football wird so zum Ventil – und zum Dreh- und Angelpunkt, an dem die Familie von Pat am Ende noch so etwas wie Gemeinschaft und Glück findet.

Natürlich nimmt der Roman erkennbar Anleihen aus der amerikanischen Kulturgeschichte: Football ist ein wiederkehrendes und durchaus amüsant gewendetes Thema, dem sich sogar der liebenswerte Therapeut (eine Mischung aus Yoda und Billy Chrystal) von Pat mit einiger Leidenschaft widmet. Pats extremes Training lässt an manche legendären Sportlerfilme denken (etwa Rocky Balboa) – und Pat selbst neigt dazu, sein Leben als einen Film zu sehen und entdeckt erst spät den fatalen Filmriss, der ihm zum schlüssigen Weiterführen seiner Geschichte fehlt. Seine Lektüren, die er im Bestreben forciert, Nicky zu gefallen, greifen in den Kanon amerikanischer Klassiker vom Catcher in the Rhye bis zu Huckleberry Finn – und werden von Pat auf seine naiv-kluge Weise reflektiert.

Ich habe den Film, der auf dem hier vorgestellten Buch basiert, noch nicht gesehen: aber er scheint in wesentlichen Teilen vom Buch abzuweichen und – wenn ich den Rezensionen trauen darf – die Geschichte auch ein wenig zu banalisieren. Das Buch jedenfalls, das keineswegs auf das unausweichliche „Happy End“ zusteuert, sondern durchaus am Ende offen bleibt, wurde mir zu fesselnden Lektüre: mit einem lachenden und einen weinenden Auge begleitete ich Pat durch seine aus den Angeln gehobene Welt, berührt und bewegt von dieser tragikomischen Geschichte.

2 thoughts on “Silver Linings : Roman / Matthew Quick

  1. Hallo Jarg,
    ich habe nur den Film gesehen fand ihn aber sehr gut – auch mit Happy End. Ist ein Happy End nicht auch gut für die Seele? Ein guter Film, der nicht kitschig ist, mit Happy End zu finden, ist auch nicht einfach. Vielleicht hat mir gerade dieses bißchen Glück, was die beiden Existenzen gefunden haben, gefallen. Das Glück im Alltag durch Tanz. Die beiden Schauspieler sind auch in American Hustle zu sehen. Auch hier wieder eine sehr gute schauspielerische Leistung.
    LG und einen schönen Tag für dich und deine Familie
    Susanne

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    • Liebe Susanne,
      zu dem Film kann ich so gar nichts sagen aus erster Hand, da ich Bücher immer vor dem Film zu lesen versuche, um eigene Bilder zu behalten. Aber natürlich kann ein Happy End sehr schön sein – zumal wenn es nicht kitschig ist. Schätze, da werde ich mir den Film wohl eines geeigneten Abends zu Gemüte führen müssen. Vielleichit kommen die negativen Eindrücke von jenen, die bei einem Film die literarische Vorlage eins zu eins umgesetzt sehen wollen – was ich nie erwarte, da jede Literaturverfilmung immer auch die subjektive Sicht der Verantwortlichen ist.
      In diesem Sinne darf ich also gespannt sein – und wünsche auch Dir einen schönen Restabend, wochenendnah und sommerlich warm, wie er hier in Hamburg ist.
      Liebe Grüsse von
      Jarg

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