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Eine schöne Wahrheit / Colin McAdam. Aus dem kanadischen Englisch von Eike Schönfeld

Wir reden über globales Bewußtsein, Aufklärung und Fortschritt, sind uns aber nicht der Tatsache bewußt, dass wir sprechende Affen sind. Sie lachen, wenn ich Affe sage. Wir reden nicht davon, den Planeten zu retten, wir reden davon, unsere Spezies zu retten. Fangen wir wenigstens mal damit an und stellen wir das mit unserer Spezies einstweilen zurück. Wir reden über das Überleben von Dingen wie Bäumen, milden Temperaturen uind exotischen Tieren, alles, was unsere Fantasie über Gärten ohne den Tod nährt. S. 220

Vermont, USA. Walt und Judy sind kinderlos – und insbesondere Judy leidet sehr darunter. Sie adoptieren das Schimpansenjunge Looee, das schon bald in Kinderkleidung und mit unbändigem Bewegungsdrang ihr Leben und ihr Haus auf den Kopf stellt. Doch trotz der Belastungen, denen sie durch Looee ausgesetzt sind, finden sie einen Weg miteinander.

Er hatte alle Emotionen, Leidenschaften und Eifersüchte eines Kindes, die kurze Aufmerksamkeitsspanne, den Wunsch nach Anerkennung, das Bedürfnis, sich zu beweisen und gleichzeitig weitgehend hilflos zu sein. Und diese Emotionen trug er in einem Körper, der zweihundert Kilo heben und so kräftig wie ein Panther zubeißen konnte. (S. 116)

Walt und Judy bleibt bewußt, dass Looee kein Menschenkind ist – und trotz aller Familiengefühle versuchen sie, seiner besonderen Weltsicht und seinen Bedürfnissen gerecht zu werden. Während Judy den Alltag mit Looee managt, baut Walt für ihn am Ende ein eigenes Haus, nimmt ihn auch zum Angeln mit und versucht, Looees wachsende Kräfte in Bahnen zu lenken, die ihm und anderen nicht schaden können.

Sie machte den Abwasch und dachte dabei an eine Freundin mit ihrem autistischen Sohn: seine Anfälle und seine behinderung, entfernte Verbindungen und dass niemand verstand, wie gnadenlos hart es war, ihn großzuziehen. Normalität macht uns zu Menschen, Krankheit zu Tieren. Ihre Freundin sagte, manchmal fühle sie sich wie der einsamste Mensch der Welt, selbst wenn – besonders wenn – sie ihren zappelnden Sohn im Arm hielt. (S. 113)

Sie verbergen Looee nicht: manche reagieren belustigt oder befremdet und mit heimlicher Ablehnung, und Walts Geschäftspartner, ein aufstrebender Politiker, betreibt heimlich auch die Entfernung des Affen. Aber es gibt auch diejenigen, die Looees Existenz als selbstverständlich hinnehmen, hn mit gewisser Neugier wahrnehmen und mit ihm anzufreunden beginnen.

Mr. Wiley sagte es regelmäßig. Er hat einen Witz in den Augen. Einen schlauen Witz, der sich langsam aufbaut. (S. 116)

Doch Looees Kräfte wachsen, seine Launen und Wutanfälle nehmen an Heftigkeit zu und sind für Walt und Looee trotz einer unbestreitbar aufgebauten Verbindung zu ihm und aller vermenschlichenden Fürsorge kaum mehr im Griff zu haben. Eines Tages reagiert Looee eifersüchtig auf einen Freund der Familie – und verletzt zwei Menschen schwer. Walt und Judy geben ihn schweren Herzens ab an eine Affenfarm, wo er es gut haben soll. Sie ahnen nicht, dass Looee für viele Jahre pharmazeutisch-medizinischen Versuchen ausgesetzt, am Ende absichtlich mit HIV infiziert und oft dem Tode nahe sein wird. Erst als er in das von David betreute Freigehege übersiedelt, findet Looee in den anderen Schimpansen so etwas wie eine Familie.

Davids Geschichte sowie die Geschichte der Schimpansen im Freigehege ist verschränkt mit der Geschichte von Looee. Schnell wird deutlich, dass David ein desillusionierter Verhaltensforscher ist, der sich wachsenden Zweifeln an der Sinnhaftigkeit der Forschung ausgesetzt sieht: er erkennt, dass die von Menschen ersonnenen Tests nur das messen können, was Menschen selbst wahrnehmen und erfahren können. Seine emotionale Nähe zu den Affen wächst, um so mehr er erkennt, dass sie ihre eigene Sprache und Politik haben, die sich von der der Menschen letztlich nur durch ihre Wortlosigkeit auszeichnet und dennoch nicht weniger komplex scheint.

Er fuhr mit kognitiven Tests fort und merkte dann, dass sie ja nur nach menschlichen Standards testeten. David sagte, wenn man Bananen aufhängt und beobachtet, ob sie klug genug sind, sie zu erreichen, testet man doch nur, ob sie nach unseren begriffen klug genug sind. Und wenn sie nun gerade keine Lust haben. Und wenn sie sich fragen, warum man ihnen die Bananen nicht gleich gibt. Ihre Politik, die subtilen emotionalen Variablen, die für die Kognition ebenso wichtig sind wie die Logik, Das müssen wir uns ansehen.
[…]
Das war die wahre Essenz von Sprache. Er hatte es satt, beweisen zu müssen, dass Schimpansen kommunizieren können. Natürlich können sie das. Kommunikation ist der Prozess, das zu bekommen, was man will, sich in einer Gruppe zurechtzufinden. Politik ist der Kampf jedes Einzelnen, entgegen dem, was andere wollen, das zu bekommen, was man will. Sprache ist politisch. Wir werden nicht mit Wörtern und Symbolen geboren und ohne gesellschaftlichen Kontext sind Wörter und Symbole ohne Bedeutung. Die Linguisten und so viele seiner Kollegen sehen einfach nicht, dass sie ihre Interessen schützen, weil sie territorial sind. Auch David machte es. Es ist ein unausweichliches Charakteristikum von Affen. (S. 138)

Immer wieder blendet der Roman in das Affengehege, beschreibt die nicht selten gewalttätigen, manchmal tödlichen Konflikte, die Beziehungen, die Entwicklungen dort über einen langen Zeitraum und lässt so das Netzwerk erkennen, dass die Schimpansen unter sich entwickelt haben, ausbauen, verifizieren und differenzieren. Indem McAdam die Erlebnisse der Menschen ebenso wie diejenigen der Affen im Labor oder im Freigehege konsequent wie aus einer Beobachterperspektive beschreibt, die nur das erkennt, was offensichtlich ist, verschwimmen die Grenzen zwischen den Welten und es wird deutlich, dass hier wie dort Gesten, Blicke und Körperhaltungen wesentlichen Einfluss haben auf das, was geschieht, was wahrgenommen wird.

Sie alle sind aus unterschiedlichen Gründen wund, und die Welt bleibt unter diesem Himmel gefangen. (S. 169)

Der erschöpfte Looee ist zunächst Außenseiter im Freigehege. Doch unter anderem durch das alte Männchen Mr. Ghoul, der nie an der Spitze, sondern eher am Rand der Gruppe stand, findet er schliesslich zu den anderen. Ghoul nimmt Kontakt zu Looee auf und führt so letztlich Looee in die Gemeinschaft.

Es gibt die Einsamkeit, die sich an sich selbst mährt und einen nach innen wendet, bis nichts mehr übrig ist, nicht einmal Atem. Und es gibt die Einsamkeit, die einen hinauszieht, um sie zu vertreiben. […] Sie pflegen sich, bewerten, korrigieren und beruhigen, zwei Spiegel, tiefer als jeder von Menschenhand gemachte. (S. 206)

Walt und Judy erfahren nie, wie es Looee geht. Die älter werdende Judy, immer noch entstellt durch Looees Verletzungen, reflektiert am Ende über sich und den Tod und es wird deutlich, dass die Jahre mit Looee an ihrer Seite sie verändert haben.

Sich im Spiegel als Körper zu sehen, als Tod mitten im Leben, war für sie der Blick auf eine schöne Wahrheit. Das bin ich, und ich bin nicht so, wie ich mich sehe. (S. 208)

Während wir den alternden Looee ins Freigehege und in die Gesellschaft der anderen Schimpansen begleiten, richtet sich der Fokus immer wieder auf den Verhaltensforscher David, der sich zunehmend befremdet von der Forscherzunft sieht und seine eigenen Schlüsse zieht.

Ich überlege mir gern, wie sich die Welt für sie darstellt. Wie sie so viel Zeit mit Pflegen und Mustern verbringen, dass ihnen jede Veränderung bei anderen auffällt. Wir machen das Gleiche, so viel öfter als wir zugeben. Die Leute sehen sich dein Gesicht genau an, fällen winzig kleine Urteile und suchen nach Geschichten, während man spricht. […] Ich schaute ständig den Tisch entlang und ins Publikum und dachte, wir sind Affen und dazu verdammt, es nicht zu wissen. Du weißt ja, wie ich die leute ausziehe. Ich stelle sie mir alle nackt vor und überlege, wie sich ihre Meinungen ändern würden. Würden sie Meinungen äußern oder sich einfach anfassen und streiten und ähnliche Gruppierungen wählen. (S. 218)

Am Ende zieht er das Fazit, dass die Schimpansen uns näher sind, als wir es wahrhaben wollen, und fragt sich, wie wir wohl agieren würden ohne Kleider, nackt der Welt ausgesetzt.

Ich sehe das Bedürfnis der Schimpansen nach Versöhnung und empfinde eine Art Bewußtsein, dass mein Körper ungeachtet seiner Bedürfnisse ohne Freunde niemals vollständig sein wird. (S. 222)

Colin McAdam ist mit „Eine schöne Wahrheit“ ein Roman gelungen, der einen tief beeindruckt und berührt: wir begleiten als Leser Looee in drei Phasen seines Lebens und der Fokus liegt immer auf der Frage der Persönlichkeit, auf dem tatsächlichen Unterschied zwischen ihnen (den Schimpansen, der auch für das Tier an sich stehen könnte) und uns. McAdams macht deutlich, dass Sprache allein als Unterscheidungskriterium nicht ausreicht, haben doch Tiere ihre eigene Sprache- und Erfahrungswelt, die sich zum Teil von der unsere deutlich unterscheidet, wenn sie auch auf ähnlichen Prämissen beruht: Vermeidung von Schmerz, Suche nach Lust, Schutz, Befriedigung, Freundschaft.

Ausgesprochen eindringlich wirken die Passagen, in denen er aus dem Freigehege berichtet und in einer einfachen, verknappten Sprache gleichsam aus der Innenschau der Schimpansen berichtet. Dabei vermenschlcuht er sie nicht, sondern lässt beim Leser eher die Frage aufkommen, was das denn ist – das „Menschliche“ – und ob es denn nur aufgrund der Sprache so viel reicher ist als das, was Schimpansen empfinden.

Nicht nur vor diesem Hintergrund werden die geschilderten Tierversuche für den Leser fast unerträglich, gelingt es McAdam doch, eine starke Identifikation des Lesers mit den Affen im Allgmeinen, aber auch mit Loee und seinem Schicksal im Besonderen herbeizuführen – und uns auf literarische Weise tief in die Wahrnehmungswelt von Schimpansen tauchen zu lassen. Schnell wird deutlich, dass Mensch und Schimpanse sich – bei allen unbestreitbaren Unterschieden – näher sind, als wir Menschen es vielleicht wahr haben wollen. Zugleich problematisiert McAdam auch die Tendenz zur Vermenschlichung, der wir bei Tieren gerne unterliegen.

Looees Geschichte geht einem unweigerlich zu Herzen – und man merkt dem Autor an, dass er sich für den Roman intensiv mit seinem Thema beschäftigt hat. Der Roman ist nicht einfach zu lesen, lohnt aber die Lektüre umgemein, verändert er schliesslich zumindest für eine Weile der Wahrnehmungshorizont des Trockennasenaffen, der ihn liest. Colin McAdam ist ein Roman um die Persönlichkeitsrechte von Tieren gelungen, der sich hervorrragend als literarischer Beitrag zur Tierrechts und Tierethikdebatte der Gegenwart darstellt, unter die Haut geht und einen am Ende verändert, ein wenig verstört und doch ungemein bereichert zurücklässt mit einem fortan etwas weniger menschenzentrierten Blick auf die Welt.

Danke an dieser Stelle übrigens Mara von Buzzaldrins Bücher, über deren sehr lesenswerte Rezension ich auf dieses Buch bestoßen bin.

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