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Die Henne und das Ei : auf der Suche nach den Ursprüngen des Lebens / Renée Schroeder. Mit Ursel Nendzig

„Wir erkennen, dass erworbene Eigenschaften sich sehr wohl auf die Gene niederschlagen und vererbbar werden. Dass es ein genetisches Gedächtnis gibt. Dass das Verhalten in der Umwelt, vor allem Essens- und Lebensgewohnheiten, sich auf unser Genmaterial auswirkt. Wenn dem so ist, gibt es eine sehr wichtige Folge: Dass es sich doch lohnt, in unsere Bildung, in unsere Gesundheit zu investieren. Damit sich die richtigen Umweltfaktoren auf unsere Gene niederschlagen. Wir erkennen die Größenordnung der Verantwortung, die daraus erwächst. […] Dass die Dinge nicht von außen – und schon gar nicht von oben – gesteuert werden, sondern dass sie aus uns selbst passieren. Dass wir als Teil der Umwelt für Sie verantwortlich sind.“(S. 134-135)

Es ist eine der ältesten Fragen der Menschheit: woher kommen wir? Verbunden ist sie zumeist mit der Frage nach der Herkunft des Lebens. Seriöse Antworten auf diese Fragen oder zumindest haltbare Hypothesen finden wir erst mit den modernen Wissenschaften, die uns heute mehr Erkenntnisse über den Ursprung und die wahrscheinliche Entwicklung des Lebens ermöglichen als es noch vor ein paar hundert Jahren mit den damaligen Methoden überhaupt möglich war: wir forschen heute mit Instrumenten, die weit über die naturgegebenen Wahrnehmungsmöglichkeiten des Menschen hinausreichen und daher tiefere Einblicke in den Bauplan der Natur und die Evolution des Lebens ermöglichen.

Eine große Rolle spielt dabei in den vergangenen Jahren die Forschung im Bereich der Biochemie. Die 1953 in Brasilien geborene Österreicherin Renée Schroeder leitet den Bereich Biochemie und Zellbiologie am den Max F. Perutz Laboratories in Wien und forscht selbst vor allem im Bereich der Ribonukleinsäure und ist unter anderem bereits Mitglied der Bioethik-Kommission der österreichischen Bundesregierung gewesen.

In „Die Henne und das Ei“ spürt sie zusammen mit ihrer Co-Autorin undogmatisch und mit großer wissenschaftlicher Leidenschaft den großen Fragen nach dem Ursprung und der Entwicklung des Lebens nach, zeigt, welche Erkenntnisse durch die Instrumente moderner Forschug heute möglich sind. Wesentlich für Schroeder ist dabei die komplette Ablehung transzendenter Erklärungen, die auf alles eine Antwort zu haben glauben: ihre Lebensanschauung basiert auf dem wissenschaftlichen Weltbild, auf Hypothesen, die durch neue Erkenntnisse entweder bestätigt oder widerlegt werden:

Nach den Ausführungen zu ihrem Weltbild und ihrer Überzeugung, dass nur die wissensbasierte die Menschheit wirklich weiterbringen, glücklicher machen kann, widmet sie sich entscheidenen Erkenntnisses im Bereich der Molekularbiologie, nennt als notwendige Bedingungen für das Leben Vermehrung, Stoffwechsel, Abgrenzung und Kommunikation, um uns sodann den verblüffend einfachen Aufbau der DNA zu erklären, jenes verhältnismäßig stabilen Moleküls, dass die genetischen Informationen codiert.

Anschliessend erläuert sie ausführlich die Funktionsweise und die Macht der RNA, die ähnlich wie die DNA aufgebaut ist, aber chemisch wesentlich instabiler und reaktiver ist. Im Gegensatz zur DNA gibt sie nicht nur genetische Informationen weiter, sondern steuert vor allem Stoffwechselvorgänge. Sie ist nach der Überzeugung von Schroeder die Antwort auf die Frage, was zuerst da war: Henne oder Ei. Überzeugend legt sie dar, weshalb die RNA das sogenannte „Henn-Ei“ ist, das am Anfang alles Lebensgestanden haben muss.

Aber Schroeder geht noch weiter. Intensiv geht sie auf die Epigenetik ein und auf die immer mehr Belege findende Hypothese, dass menschliche Erfahrungen, Lebensweisen und Umwelteinflüsse, denen wir ausgesetzt sind, auch die Gene beeinflußen, die wir an nachfolgende Generationen weitergeben. Daraus leitet sie differenzierte bioethische Schlussfolgerungen ab und geht in einem Kapitel auch auf die spannende Frage ein, welchen Einfluß die jahrhundertelange Benachteilung von Frauen (etwa in Fragen der Ernährung) auf die Gene gehabt haben könnten und wie lange es dauern wird, bis sich die veränderten Lebensbedingungen (mehr Gleichberechtigung, bessere Ernährung von Frauen) in der modernen Gesellschaft auch auf den Genpool der Geschlechter niederschalgen und damit auf die Möglichkeiten des einzelnen Menschen in seinem Leben.

„Die Aktivität von vielen Genen hängt davon ab, wie ein Mensch lebt. Wie er sich ernährt, wie er sich bewegt. Das alles verändert seinen Stoffwechsel. […] Es verändert das Gedächtnis der Gene, das vielleicht – ziemlich wahrscheinlich – auf die nächste Generation weitervererbt wird“. (S. 133)

Daraus ergibt sich aber für sie auch eine Forderung nach einer Ethik, die nicht auf den brutalen, ungerechten Gesetzmäßigkeiten der Natur basiert, sondern den Menschen uns sein Wissen in den Mittelpunkt stellt und die Veranwtortung für das eigene Tun auf Basis dieses Wissens.

„Was macht den Mensch zum Menschen? Nicht die Naturgesetze, denn die sind brutal und ungerecht. Sondern deren Überwindung. Das ist Ethik. Sie geht einen Schritt weiter – auch wenn sich die Fragen der Ethik aus den Fragen der Naturwissenschaft ableiten. Für mein Weltbild ist Ethik wichtig. Denn mein Weltbild basiert auf Wissen. Ich lehne die Schöpfungsgeschichte ab. Und ich propagiere die Kreativität. In der gleichen Sekunde muss ich wie jeder, der nicht gläubig ist, die Verantwortung für meine Taten übernehmen“. (S. 137)

Klar plädiert sie für die Freiheit der Wissenschaft und übt heftige Kritik an den Religionen und ihrer Entmündigung der Menschen, die ihnen als Freiheit verkauft wird:

„Es gibt nur ein einziges Problem: dass andere Menschen, die nicht so hohe ethische Standards haben, das Wissen mißbrauchen können, so dass wir irgendwann sagen müssen: Es wäre besser gewesen, diese Entdeckung nie gemacht zu haben, diese Antwort nie bekommen zu haben. Die Atombombe. Waffen, die auf Gentechnik basieren. Waffen im Allgemeinen. Auch Gott ist so eine Waffe. Eine Waffe, die Menschen dazu bringt, andere umzubringen. Dinge zu tun, für die sie die Verantwortung nicht tragen müssen, weil die Religion als ethische Instanz dazwischen steht.“ (S. 138)

„Wenn man Verantwortung für seine Taten trägt, ist es auch selbstverständlich, dass man sich an jede Frage herantrauen darf. Dass es keine Fragen gibt, die tabu sind. Nicht, wenn wir mit Verantwortung an ihre Beantwortung gehen. Dann können wir unser Wissen in jede Richtung erweitern.“ (S. 138)

Sie betont dabei die Würde des einzelnden Menschen, die gesellschaftlichen Zwecken nicht untergeordnet werden darf. Der Mensch muss letztlich – zum Beispiel in Fragen der Reproduktionsmedizin – in die Lage versetzt werden, eigenständig eine Entscheidung zu fällen, dabei aber eine fundierte, sachliche Beratung bekommen, die alle möglichen Konsequenzen verschiedener Entscheidungsoptionen beinhaltet.

„Und ich bin voll und ganz auf Kants Linie, der sagt, dass der Mensch nicht zur Verfügung steht. Dass er nicht für einen gesellschaftlichen Zweck geopfert werden darf. Dass der Mensch als Lebewesen, als Individuum höher zu bewerten ist als das Wohl der ganzen Gesellschaft.“ (S. 139)

Leidenschaftlich argumentiert sie in ihrem Schlusskapitel für Bildung. Für sie ist Bildung die Schlüsselkompetenz, um jeden Menschen in die Lage zu versetzen, sein Leben selbst zu gestalten und damit letztlich durch eine Vielfalt an Lebensmodellen und Lösungen die Gesellschaft als Ganzes durch Diversifikation zu bereichern.

„Glücklich ist, wer die Eigenschaften, die er in sich trägt, so kohärent verarbeiten kann, dass er Lösungen für seine Probleme findet“ (S. 159)

Daher plädiert sie für gut ausgebaute Schulen, die die in Kindern natürlicherweise vorhandene Lust an Sprache, Kreativität, an Schreiben und Lesen in den Kindern wach halten. Auch setzt sie sich für eine Verankerung von Rhetorik im Schulunterricht ein, um die Scheu vor dem freien Sprechen zu nehmen und das Denken anzuregen. Motivation und eine Betonung eigener Stärken sind für sie dabei ganz wesentliche Elemente, um das Bildunsniveau insgesamt zu heben und damit nicht nur zur Weiterentwicklung der Gesellschaft und nachfolgender Generationen beizutragen, sondern den Unwissenden aus seiner Unmündigkeit, die ihn zum Opfer macht, zu befreien und ihm ein Gegenmittel gegen Unsicherheit und Angst in die Hand zu geben.

„Kann die Wissenschaft zu weit gehen? Das werde ich häufig gefragt. Diese Fragen stellen nur religiös indoktrinierte Menschen, die an Gott glauben. An dieses personifizierte Etwas, das für alles verantwortlich ist. Die schlimmste Erfindung der Menschen war in meinen Augen keine wissenschaftliche, sondern Gott. Wieviele Tote gab es aus religiöser Überzeugung oder Legitimirung? Bildung, Bildung, Bildung: nur die macht aus uns Menschen rationale Wesen, die keine so dummen Fragen stellen.“ (S. 178)

Für Schroeder ist klar, dass nur die Wissengesellschaft uns Menschen aus den Gefahren retten kann, auf die wir zusteuern. Sonst werden wir, die wir zu viele sind für diesen Planeten, irgendwann zugrunde gehen wie eine Bakterienkultur, die ihr Wachstum nicht stabilisiert und sich damit selbst die Lebensgrundlagen entzieht.

Renée Schroeder hat mit „Die Henne und das Ei“ ein unkonventionell geschriebenes, mit einigen Grafiken und einem kleinen Glossar versehenes Sachbuch vorgelegt, dass in die faszinierende Welt der Biochemie und der Genetik eintaucht und nach Antworten sucht. Die Autorin mit ihrer spürbar unbändigen Neugier und ihrem Forscherdrang ist in der Lage, einen beim Lesen mitzureissen und lässt einen auf laienverträgliche Art an ihren bisherigen, sich ständig erneuernden und verändernden Erkenntnissen teilhaben. So folgen wir ihr, manchmal atemlos, durch das Buch und sehen uns am Ende bereichert getreu dem Klappentextzitat „Ein guter Tag ist für mich ein Tag, an dem ich sagen kann: das sehe ich jetzt anders“.

Schroeder bewegt sich mit ihrem Thema in einem dem menschlichen Auge und dem restlichen Wahrnehmungsapparat nicht zugänglichen Bereich: dabei versteht sie es, die den heutigen Modellen zugrundeliegenden Erkenntnisse und den Weg dorthin spannend und schlüssig zu erklären. Ein Buch, dass einen nicht nur schlauer, sondern auch neugieriger macht und jedem, der sich für den Ursprung des Lebens und unsere milliardenjahrealte Vorgeschichte interessiert, sehr ans Herz gelegt werden kann.

2 thoughts on “Die Henne und das Ei : auf der Suche nach den Ursprüngen des Lebens / Renée Schroeder. Mit Ursel Nendzig

  1. ihre Lebensanschauung basiert auf dem wissenschaftlichen Weltbild

    Ist das nicht weiter eine Fiktion s. Gabriel Markus „Warum es die Welt nicht gibt!“

    Natürlich können wir ohne Bildung und Wissenschaft nicht weiter existieren – aber u.a. der Theologie oder Philosophie den Charakter ‚auch wissenschaftlich denken zu können‘ abzusprechen, ist doch zu einfach, denn man könnte deren Aussagen in den ‚Sinnfeldern‘ überprüfen, in denen sie gültig sein oder falsifiziert werden könnten.
    Und ob ‚Henne oder Ei‘ zuerst da waren, wurde schon vor vielen Jahren von Rupert Riedl
    in ‚Biologie der Erkenntnis‘ (ISBN 3-489-61034-2 Paul Parey Verlag 1979) als sich hochschraubende stets rekurriendes Spiel von Erwartung und Erfahrung aufgezeigt, wobei die Basis, das Leben und was es ist nach wie vor unbekannt ist.
    So äußerte 2011 Prof. Ernst Fischer, Physiker, ‚Das Wissen der Welt – Uni-Auditorium, Komplett Media ISBN 978-3-8312-6449-0: Das Rätsel des Lebens bleibt ein Geheimnis!‘
    Vielleicht zum Glück!
    LG

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    • Tja, die Wissensgesellschaft ist noch weit entfernt. Aber sie kommt, da bin ich sicher … Viellleicht erstmal das hier vorgestellte Buch lesen und dann überlegen, ob die alten, schon 1979 in der Argumentation nicht mehr zeitgemäßen Bucher noch was taugen😉
      Liebe Grüsse von
      Jarg

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