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Die Märchentante, der Sultan, mein Harem und ich / Helge Timmerberg

Reichtum ist auch nur ein Sandkasten auf dem Spielplatz unserer Träume, und das Wesen der Träume ist, dass wir sie verliren, wenn sie in Erfüllung gehen. (S. 251)

Als junger Mann erfährt Helge Timmerberg von einem nur lose überlieferten Märchen namens „Die Perlenkaravane“ und ist fasziniert sowohl von der Geschichte als auch von der scheinbaren Entdeckerin, Elsa Sophia von Kamphoevener, die nach eigenen Angaben in jungen Jahren als Mann verkleidet durch das osmanische Reich zog und vom Märchenerzähler Mazarlyk-dji Fehim Bey den Titel eines Maddah (Märchenerzählers) erhielt. Er und zwei seiner Freunde sind wie elektrisiert und planen fortan über viele Jahre einen Film über Kamhoevener und das Märchen, für den sie sogar namhafte Filmschaffende begeistern und Geld an Land ziehen können.

Fast dreissig Jahre wird Timmerberg auch und immer wieder in Sachen Kamphoevener reisen und sich dabei nicht nur in ihrer eigenen Biografie und in märchenhaft skurrilen Begebenheiten verirren, sondern selbst verschlungene Wege zu sich selbst beschreiten. Die Geschichte der Märchenerzählerin wird für ihn zu einem Schlüssel zum Orient, der manchmal aber auch im Chiemgau oder im amerikanischen Westen zu liegen kommt. Sein Buch führt uns nach Kairo, nach Marokko, Istanbul, lässt uns Menschen und Mentalitäten jener Regionen durch die Augen Timmerbergs sehen und den verwirrenden, märchenhaft fremden Zauber ihrer Städte, ihrer Natur, ihrer Musik und ihrer Nächte.

Ein literarisches, aberwitziges und skurril mäanderndes Road- und Reise-Movie der besonderen Art, dem man schon bald atemlos folgt, denn Timmerberg lässt wie gewohnt nichts aus: weder Abstürze erotischer oder „substantieller“ Art (Alkohol, Haschisch), noch den in Marokko geheilten Liebeskummer, die unerwartet erneute und erstaunlich erfreuliche Begegnung mit seinem alternden Vater und den Freund, der er findet, wo er ihn nicht vermutet hat. Immer wieder nimmt er auf seinen Reisen die Spur der Kamphoevener auf, bis sein Traum eines Tages jählings platzt, als sich die Wahrheit um sein Idol herauszukristallieren beginnt.

Meine Seele steckte in einem Fahrstuhl, der abwärts ging. So bin ich nun mal. Ich leide sofort ganzheitlich. Ein Traum verbrennt, und schon gibt es einen Flächenbrand (S. 203)

Doch der Orient wird Timmerberg trotzdem nicht zum Verhängnis, sondern hält für den leidenden Autor sofort und im Augenblick auch die Heilung bereit, als er mit seinem Kummer in einer Istanbuler Bar von türkischer Herzlichkeit und Gastfreudnschaft umfangen wird. Ganz am Ende erfahren wir dann noch, wie das Märchen vom Mattenflechter geht, von dem die „Perlenkaravane“ erzählt, und erkennen mit Timmerberg, dass der Traum an sich wichtiger ist als seine Wirklichkeit.

Timmerbergs Reisebücher zeichnet die entwaffende Ehrlichkeit und das Fehlen jeglicher Selbstbeweihräucherung aus, mit der er sie schreibt und der warme, humorvolle Blick auf die „Conditio humaine“ – seine eigene und die der Menschen, denen er begegnet – , vermischt mit einem wachen Blick auf die Welt der Menschen und ihre Träume. Das hier rezensierte Buch ist Reise und Zeitreise in einem und lässt den Leser einmal mehr begeisert zurück nach der Lektüre eines der faszinierensten und zugleich sympathischten deutschsprachigen Reiseschriftstellers, für den das Reisen, das eigene Leben und das Erzählen darüber eine besondere Verbindung zu haben scheinen: immer taucht Timmerberg tief ein bei seinen Reisen – auf die Gefahr hin, gelegentlich an den falschen Strand getrieben zu werden. Ein Autor, der mit seiner spätaus unserer hektischen Zeit fällt, verletztbar und hungrig bleibt und das Leben in jedem bereisten Land so dicht an sich heran- und in sich hereinlässt, dass es eben auch mal derbe schmerzt.

Ein wunderbares Buch, dass ich kaum aus der Hand zu legen vermochte: skurril, rückhaltlos offen, mit wachem, empathischen Blick für Menschen gleich welcher Kulturen und einer gehörigen Portion selbstreflektivem Sarkasmus. Wer Altamnn, Büscher & Co. mag, wird auch dieses Buch von Timmerberg lieben.

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7 Kommentare zu “Die Märchentante, der Sultan, mein Harem und ich / Helge Timmerberg

  1. Das muss mal wieder auf die Leseliste, danke für den Tipp! Aber dieses Buch ist in unserer Bibliothek in absehbarer Zeit leider erstmal ausgebucht. Zu haben sind dafür Shiva Moon, African Queen und Der Jesus vom Sexshop. Hast Du einen Tipp? Du scheinst ja einiges von ihm gelesen zu haben. Danke schonmal und viele Grüße! Desirée

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    • Die beiden letztgenannten sind sehr schön … Du findest die Rezensionen auch auf Jargsblog (einfach „Timmerberg“ suchen). Shiva Moon ist eine Lücke, die ich noch schließen muss. Timmerberg ist einfach Kult.
      Ein zauberhaftes langes Wochenende wünscht Dir aus dem morgensonnigen Hamburg kurz vor dem Aufbruch zur Arbeit der Jarg

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    • Nein. Timmerberg schreibt sicher sehr offen und für manche vielleicht zu direkt oder krass Aber rassistisch ist er nie (und ich kann den Vorwurf nicht nachvollziehen bei den aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten)… im Gegenteil: ein echter Kosmopolit, der auch sich selbst auf die Schippe nimmt. Gehört in eine Reihe mit Andreas Altmann & Co. und ist einer der wenigen deutschsprachigen Reiseschriftsteller, die diesen Namen wirklich verdienen und mehr abliefern als Bewegungsliteratur.

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      • Tja, mir ist eine gepflegte Sprache schon wichtig. Außerdem habe ich durch Deine Rezensionen den Eindruck gewonnen, dass T. ziemlich respektlos bis ins letzte Dorf vordringt. Muss ich nicht haben.

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      • Das mit der Respektlosigkeit würde ich so nicht unterschreiben, liebe Ulrike. Im Gegenteil: Timmerberg zeichnet eine unglaubliche Neugier auf die Fremde, auf das „andere Leben“ aus – und zugleich ein großer Respekt vor ihr und das gänzliche Fehlen jeglicher Beschönigung auch der eigenen Person und der eigenen Fehler, Macken und Ticks. Das und sein Humor machen ihn für mich – ungemein sympathisch und zugleich zum reiselitarischen Suchtmittel. Wie gesagt: das ist wie mit Bukowski: man mag ihn oder man mag ihn nicht und das ist auch völlig ok. Literatur bleibt er natürlich trotzdem (zumindest für mich) ;-).
        Herzlich grüsst
        Jarg

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