Startseite » Bücher » Gebrauchsanweisung für Brasilien / Peter Burghardt

Gebrauchsanweisung für Brasilien / Peter Burghardt

Es ist schon eine Weile her, dass ich das letzte Mal in Brasilien war. Aber die Faszination für dieses Land hat mich nach einigen Reisen dorthin nie ganz losgelassen: zu intensiv waren die Eindrücke und Erfahrungen mit Land und Leuten. Deshalb geraten Brasilien auch immer wieder in den Wahrnehmungsbereich meines Medienradars – was dann zur Lektüre von Büchern wie diesem führt.

Peter Burghardt hat geraume Zeit für die Süddeutsche Zeitung aus Lateinamerika berichtet und ist nach seinen ersten besuchen in Brasilien in den 1980er Jahren immer wieder in das Land zurückgekehrt. In „Gebrauchsanweisung für Brasilien“ zeigt er kenntnisreich viele Aspekte und Facetten dieses Landes, das sich in den letzten dreissig Jahren enorm verändert hat. Die brasilianische Mentalität mit all ihren Widersprüchen und ihrem Temperament beschäftigt ihn dabei ebenso wie die Geschichte dieses Landes bis in die gegenwart hinein, die von etlichen Verwerfungen geprägt war und aus einem Land mit extrem großen Ungerechtigkeiten eine aufstrebende Wirtschaftsmacht gemacht hat, in der sich die Mittelschicht zwar erheblich vergrößert hat, trotzdem aber nochauf wenige Menschen konzentrierter Reichtum mit der trotz Modernisierungen und positiven sozialpolitischen Ansätzen grassierenden extremen Armut in den Elendsvierteln vieler Städte kontrastiert.

Brasilien ist aber weit mehr – und es ist dem Autor zu verdanken, dass er auf den Schönheitskult der Brasilianer ebenso eingeht wie Musik und Samba, Fußball und Carnaval, zunehmenden Naturschutz und den dazu kontrastierenden Raubbau an der Natur. Er arbeiet dabei regionale Mentalitätsunterschiede ebenso heraus wie die speziellen Vorzüge des brasilianischen Portugiesisch, beschäftigt sich mit brasilianischem Bier ebenso wie mit aktuellen religiösen Strömungen, berichtet vom Kontakt mit Millionären und mit extrem armen Menschen, von der indigenen Bevölkerung und ihren Problemen und dem neu gewachsenen Mittelstand und seinem gewachsenen Einfluss, der sich insbesondere in den Protesten 2013 deutlich zeigte. Oscar Niemeyer und seine Bauten sowie insbesondere die retortenstadt Brasilia sind ebenso in seinem Fokus wie das riesige, unüberschaubare St. Paulo und das in der Lebensart deutlich dazu kontrastierende Rio. Natürlich kommt er dabei am Drogenkrieg in den Großstädten ebensowenig vorbei wie an den umstrittenen Maßnahmen im Zuge der Vorbereitung der Fußballweltmeisterschaft 2014 und der Olympischen Spiele von Rioo 2016.

Dieses Buch ist somit in jeder Hinsicht „Tudo bem!“ – in ordnung. Und es ist mehr als das: man merkt, dass der Autor sich auf Brasilien eingelassen hat, mit dem Herzen dabei war, sich mit großer Sachkenntnis einfühlen konnte in dieses rieisige Land und so Brasilien, seiner Kultur, seinen Widersprüchen, seinen Konfliktlinien und Potentialen mehr als gerecht geworden ist. Dazu versteht er es zu unterhalten und vermittelt seine Eindrücke, Erfahrungen und Erkentnisse mit feinem Humor und doch stets mit Respekt vor seinem Thema und den Menschen, über die er berichtet.

Wenn Sie schon immer mal wissen wollten, wie man ein ganzes Fußballstadion zum Schweigen bringt, sollten Sie dieses Buch unbedingt lesen. Wenn Sie sich aber von guten landeskundlichen Büchern gerne begeistern lassen, in das beschriebene Land selbst zu reisen, sei gewarnt, denn auch Burghardts Buch ist anzumerken: wer einmal in Brasilien war, den lässt es nicht mehr los. Zum Glück. Ate logo!

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s