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Meine erste Lüge : Roman / Marina Mander

Plötzlich wirbelt ein gigantisches Nichts durch meinen Kopf und wird immer größer. Mein Hirn ist ein leeres Heft, noch nie aufgeschlagen, mir fällt keine Geschichte ein, es gibt nicht mal Linien, an die man irgendein Phantasiewort hängen könnte. Das Nichts, das den Kopf überflutet und den Blick vernebelt, lässt mich nichts tun. Eine riesige Fläche aus Nichts, wie aus Eis. Der Weihnachtsmann ist vorbeigekommen, aber der Schnee hat seine Fußstapfen zugedeckt. Blu hat kleine weiche Kissen unter den Pfoten, er hinterlässt keine Spuren, die Rentiere sind evrschwudnen, irgendwo hinten sind irgendwelche Haufen, vielleicht sind es Iglus. Häuser aus Eiswürfeln, mir ist eiskalt, ich habe Angst vor Häusern aus Eiswürfeln. S. 30ff)

Italien. Der 10jährige Luca lebt mit seiner depressiven Mutter und dem Kater Blu allein in einer kleinen Wohnung. Seinen Vater kennt er nicht und muss früh lernen, mit den Traurigkeiten und der Bitternis seiner Mutter klarzukommen, ihren gelegentlichen Männerbekanntschaften, ihrem stundenlangem Im-Bett-Liegen, ihrem Medikamentenkonsum. Da er sich nicht auf sie verlassen kann, ist er gewohnt, alleine klarzukommen. Eiens Morgens aber steht seine Mutter gar nicht mehr auf und auch am nächsten Tag nicht.

Wenn sie mich sehen könnte, würde sie mich anschreien, aber sie sieht mich nicht, schreit mich nicht an, denkt gar nicht an mich, will mich überhaupt nicht. Es interesseirt sie nicht die Bohne, was es heißt, in meinem Alter eine Waise zu sein, sie hat ihre eigenen Probleme, Dinge, die ich nicht verstehen kann, ihre Probleme sind größer als meine, weil sie größer ist, ich bin noch klein. Klein, aber einsam, ist das so wie groß, aber einsam? (S.33)

Luca begreift, dass sie tot ist. Da er auf gar keinen Fall ins Waisenhaus will, verheimlicht er ihren Tod und versucht, auch ohne sie ganz normal weiterzuleben: er geht zur Schule, kocht sich etwas zu essen, füttert den Kater und hofft, dass es immer so weitergeht. Auch wenn er seiner Mutter versprochen hatte, niemals zu lügen, täuscht er jetzt nach aussen eine Normalität vor, die in Wahrheit längst nicht mehr existiert.

Die Großen haben keine Vorstellung davon, was Kinder sich alles ausdenken müssen, um sein zu können, was sie sind. Mal sagen sie dir, du sollst aufhören, dich wie ein Kind zu benehmen, dann sagen sie dir wieder, dass es nicht wichtig ist, weil du ja nur ein Kind bist, aber was für ein lieber Junge. Du bist ja schon ein richtiger kleiner Mann. Ich denke an die Bügel, an denen die Kleider in dem Schrank mit dem geruch nach Mottenkugeln hängen, die sehen irgendwie aus wie kleine Männer. Wenn ich mich da zu oft verkrieche, riskiere ich, auch bald so ein Hänger zu werden, mit knochigen Schultern und einem Fragezeichen als Kopf. Wer weiß (S. 65)

Luca gelingt es eine ganze Weile, den Tod seiner Mutter, seine Einsamkeit und Verzweiflung verborgen zu halten: weder Lehrer noch Mitschüler ahnen etwas von Lucas Trauma. Nur manchmal geht es mit Luca durch, wird er aggressiv oder rettet er sich in Tagträume. Trotzdem gelingt es ihm, den Anschein von Normalität zu wahren und sich mit einem netz von Notlügen und Ausreden vor der Entdeckung zu schützen, dass er in Wahrheit allein ist.

Die Wohnung aber wird zunehmend unerträglicher für ihn, trotzdem er oft alle Fenster offen hat: stets ist ihm bewußt, dass seine Mutter im Schlafzimmer liegt. Blue, der Kater, und seine eigene Fantasie scheinen das einzige zu sein, was ihm Kraft geben kann.

Bring die Dinge in einer Reihe und mach eine Geschichte daraus, Geschichten bringen die Dinge in Ordnung. Dann bist du ruhiger, die Geschichten, die du dir ausdenkst, sind deine persönlichen Schlaflieder, auch wenn sie schlimm sind, machen sie dir keine Angst, weil du es bist, der sie sich ausgedacht hat. (S. 88)

Irgendwann ist das Geld alle, geht das Essen aus. Luca hat keine frischen Kleider mehr und seine Haare wahcsen ihm störend in die Augen. Irgendwie laviert er sich noch eine Zeit durch, doch dann ist da dieser eine Moment, in dem er eine Entscheidung trifft.

„Meine erste Lüge“ ist durchgehend im Präsenz aus der Sicht des Jungen geschrieben und taucht tief hinein in die Vorstellungswelt und Verzweiflung des Kindes, das sich plötzlich mit seinen Ängsten und Sehnsüchten alleine weiß und alles versucht, um für sich noch den letzten Rest Normalität aufrechtzuerhalten. Der tragikomische Roman berührt zutiefst, nimmt er den Leser doch mit in die Perspektive des einsamen Kindes, das mit wachsenden Verzweiflung etwas aufzuhalten sucht, was nicht aufzuhalten ist. Überzeugend und empathisch versetzt sich die Autorin in ihren Protagonisten und gibt ihre Geschichte so eine Authentizität, die gleichermaßen erschreckend wie plastisch ist und in manchen Momenten zarte Komik aufleuchten lässt.

Schon ohne den Tod seiner Mutter hat Luca durch die früh notwendige SDelbstständigkeit und den nicht vorhandenen Vater, dessen Schicksal ungewiss bleibt, ein weites Stück an unbeschwerter Kindheit verloren und sieht sich nun einer Situation gegenüber, in der erwachsen zu handeln sucht, um sich den letzten Zipfel einer längst nicht mehr heilen Kinderwelt zu bewahren. Von Beginn an ist klar, das Luca scheitern wird und scheitern muss – und doch möchte der Leser mit ihm in den Schrank kriechen, um Schutz zu suchen vor dieser großen und engültigen Welt, für die er eigentlich noch zu klein ist.

Ein atmosphärisch unglaublich dichtes und sprachlich in der Übertragung von Ulrich Hartmann sehr ansprechendes Buch, das einen bewegt und berührt zurücklässt mit einem schlüssigen, weil durchaus offenen Ende.

4 thoughts on “Meine erste Lüge : Roman / Marina Mander

  1. Lieber Jarg,
    ein ganz trauriges Thema und ein Buch, in dem das Thema anscheinend sehr angemessen bearbeitet wird, nämlich aus der Sicht des Kindes. Ich fürchte, dass es diese Art von Aufwachsen heute auch in D’land gar nicht so selten gibt, vielleicht nicht in dieser Drastik aber in diversen Abwandlungen und durch alle Schichten gesellschaftlichen Ebenen (um nicht zu sagen: Klassen, denn eigentlich sind wir inzwischen ja wieder mehr denn je eine heimliche Klassengesellschaft). Um so wichtiger, dass das thematisiert wird.
    Liebe Grüße, Kai

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    • Lieber Kai,
      auch wenn dieses intensive Buch sicher ein extremes Erlebnis beschreibt, ist es eben diese Innensicht des Kindes, die es auszeichnet und einen unendlich traurig macht, wenn man sie auf die Wirklichkeit runterbricht, die beachteiligten Kinder (aus tatsächlich allen Schichten) wahrnimmt, die ihre Verlassenheit schon im Blick tragen und sich fragt, wie es in ihnen wohl aussieht. Erlebt man die Eltern, weiß ,am nicht selten, warum das so ist und kann nur wenig tun …
      Liebe Grüsse von Jarg

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