Startseite » Bücher » Kim & Struppi: Ferien in Nordkorea / Christian Eisert

Kim & Struppi: Ferien in Nordkorea / Christian Eisert



[…] Nicht zu vergessen der schwarze Lautsprecher, der neueste Meldungen der Staatsführung, Aufforderungen zu fleissiger Arbeit und schöne Marschmusik am Morgen in die heimischen vier Wände brachte. Solche Lautsprecher hängen in fast allen nordkoreanischen Wohnungen und können von den Bewohnern weder an- noch ausgeschaltet werden. die Apparate sind auf den Staatssender geeicht. Eichbeamte überprüfen regelmäßig, ob manipuliert wurde. Auf das hören südkoreanischer sender steht die Todesstrafe. (S. 167)

Unzweifelthaft ist Nordkorea ein seltsames Land mit einem absurden Personenkult um den lebenden Diktator und seine toten Vorgänger, massiver Unterdrückung der Bevölkerung und einem durch selbst entwickelte Atomwaffen und eine verhältnismäßig große Armee aufgebauten Bedrohungszenario, dass zumindest für die Region nicht zu unterschätzen ist.

Der 1972 geborene TV-Autor und Satiriker Christian Eisert wuchs in der DDR auf und war als Kind fasziniert vom Foto einer bunten Wasserrutsche, die der damalige Diktator und Staatsgründer in einem Vergnügungspark errichten liess. Gut 25 Jahre später riest er an der Seite der Fotoreporterin Thanh Hoang nach Nordkorea – vorgeblich, um Urlaub zu machen. Begleitet und bewacht von zwei deutschsprechenden „Reiseführern“, werden ihnen die Errungenschaften des Landes vorgeführt und dabei kritische Nachfragen und Bemerkungen konsequent ignoriert. Sie reisen über leere Autobahnen, entdecken, für wie viele Teetassen ein Teebeutel herhalten muss, beobachten Menschen, die statt zu gehen viele Kilometer am Tag zu marschieren scheinen, fahren in Aufzügen mit fehlenden Stockwerktasten und sehen riesige Gebäude, die offiziell trotz offensichtlichen Vorhandenseins nicht existieren. Allgegenwärtig sind Lautsprecher auf den Feldern und in den Wohnungen, mit denen durch Ansagen und Lieder bei der Arbeit motiviert werden soll.

Eisert macht nicht den Fehler, sich rein satirischer Mittel zu bedienen und mit billigem Witz über die seltsamen Rituale und alltäglichen Verrenkungen in dem abgeschotteten Land zu berichten: die Reise wird so zum absurden Irrwitz, bei dem offenbar auch Eisert manchmal nicht weiß, ob er das Gesehene und Erlebte komisch oder bedrohlich finden soll. Je weiter die Reise fortschreitet, um so hohler erscheint die Fassade und der Leser fühlt sich durch Eiserts Bericht unwillkürlich an eine Realisierung von Orwells 1984 erinnert. Unterschwellig hat er stets Angst vor der Enttarnung, wird doch schnell deutlich, dass der Geheimdienst überall ist und Überwachung offensichtlich. Kontakte zur Bevölkerung – so es sie denn gibt – sind entweder komplett gesteuert oder enden – wenn Eisert oder Thanh die Überwachungsstrategien des Systems mit gewollter Naivität unterwandern – in heftigster Irritaion beider Seiten.

Dabei ist das Verhalten manch anderer Nordkorea-Touristen oft nicht weniger seltsam als die gebotene Inszenierung: Eisert nimmt auch das aufs Korn und offenbart uns so komplett ignorante Westler ebenso wie den systemtreuen Altkommunisten, der in Nordkorea die Erfüllung seiner sozialistischen Jugendträume sieht. Der Personenkult um lebende und tote Kims nimmt mittlerweile ausgesprochen skurrile Formen an und wirkt wie eine groteske Karikatur der absurden Führermythen des 20. Jahrhhunderts von Hitler über Stalin zu Mao.

Ein zwischen Realsatire und ernsthafter Beobachtung gut abgemischter Reisebericht der etwas anderen Art über ein abgeschottetes Land, das einen an Orwells düstere Überwachunsgsstaatsvision „1984“ erinnert und zugleich ungemein absurd und komisch wirkt.

2 thoughts on “Kim & Struppi: Ferien in Nordkorea / Christian Eisert

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s